So verblüfft und schmähstad hat man Christoph Grissemann noch selten gesehen, wie in der Ausgabe der TV-Sendung "Willkommen Österreich" Anfang Dezember 2011, als ihm Daniel Glattauer auf die Frage, wie viele Bücher er bisher verkauft habe, antwortete: "Drei Millionen"! Solch eine Antwort ist man von österreichischen Autoren nicht gewohnt, deren durchschnittliche Verkaufszahlen ansonsten im unteren Tausenderbereich liegen.
Das Erstaunlichste an Glattauers Erfolg, der hauptsächlich mit den beiden Email-Romanen "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" einkehrte (die in 40 Sprachen übersetzt wurden, und auch als Theaterstücke international reüssieren), ist ja, wie wenig er ein Thema ist, bzw. bisher war, denn nun scheint - mit beträchtlicher Verzögerung - auch hierzulande eine Publikationsoffensive einzusetzen. In Deutschland war das schon vor Jahren der Fall, als sich große Blätter wie "Spiegel" oder "FAZ" ausgiebig dem Phänomen widmeten, dass ein bisher nahezu unbekannter Wiener Autor quasi aus dem Stand Weltbestseller fabriziert.

So ist vor einigen Wochen rund ein Dutzend deutscher Journalisten nach Wien angereist, um Glattauers Stellungnahmen zu dessen neuem Roman "Ewig Dein" (siehe Rezension) vorab einzuholen. Man konnte den öffentlich eher zurückhaltenden, in kleinem Kreis dafür gern konversierenden Autor bei dieser Gelegenheit dabei belauschen, wie er deutschen Journalistinnen seinen für deren Ohren weitgehenden Mangel an Wiener Dialekt erklärte. Nämlich damit, dass er - als "eingeborener Favoritner" - sich schon in Jugendzeiten mit seiner Diktion von den Schulkameraden abgesetzt habe. Er und sein Bruder galten als "die Schriftlinger vom Laaer Berg", weil sie damals vermeintlich nach der Schrift redeten. Und dem Herrn vom "Spiegel", einem Grandseigneur der deutschen Literaturkritik, entlockte Glattauer auf seine columbohafte, unschuldig-naive Art das Geständnis, dass dieser - ebenso wie Glattauer - einst mit pennälerhafter Lyrik das Herz einer Klassenkollegin zu gewinnen trachtete. Der Plan ging übrigens bei beiden nicht auf . . .
Die Ignoranz, die Glattauer im österreichischen Literaturbetrieb bisher entgegen schlug, lässt sich auf mehrere Arten erklären. Am treffendsten von ihm selbst: "Mein Ignoriertwerden hat wohl auch mit meinem Beruf als Journalist zu tun gehabt. Ich wurde von vielen Kritikern lange Zeit nicht als Schriftsteller wahrgenommen, sondern als Journalist, der nebenbei halt Bücher schreibt. Und ein Journalist, der es wagt, die Seiten zu wechseln und Journalismus mit Schriftstellerei zu vermischen, ist in der österreichischen Kulturszene nicht gern gesehen", sagte Glattauer in einem "extra"-Interview (2010).
Da ist was dran - genauso wie an dem Befund, dass "Kulturjournalisten dann besonders irritiert zu sein scheinen, wenn einer von ihnen nun das macht, worüber sie schreiben". Die Enge des Landes und die Vernetzung seiner journalistisch-literarischen Protagonisten (so wie ja auch der Schreiber dieser Zeilen eingestandenermaßen mit Glattauer befreundet ist) machen ein distanziertes Urteil, im Positiven wie Negativen, schwer bis unmöglich.
Denn so wie das Lob des Literaturbetriebes bisher ausgeblieben ist - abzulesen etwa daran, dass Glattauer bis heute keinen einzigen nennenswerten literarischen Preis bekommen hat (finanziell hat er ihn nicht nötig, aber damit wird ja auch eine Form von Anerkennung ausgedrückt), fehlt auch die Kritik. Es gibt bis dato kaum eine ernst zu nehmende literaturkritische, analytische Auseinandersetzung mit dem Werk des einstigen ("Standard"-)Journalisten und nunmehrigen Schriftstellers.
Er selbst kann das verschmerzen, indem er sich - wie er in einem "Falter"-Interview kundtat - dem Literaturbetrieb einfach nicht zugehörig fühlt. Und dessen Hervorbringungen ebenfalls beharrlich ignoriert. Vermutlich war es beim Verfassen seines "Stalking"-Romans einfacher (und vielleicht sogar Erfolg versprechender), dass er die einschlägigen Bücher von Ian McEwan, Jason Starr und der Wiener Autorin Amaryllis Sommerer gar nicht erst gelesen hat. . .
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