• vom 27.01.2012, 14:30 Uhr

Autoren

Update: 30.01.2012, 12:45 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Einige Anmerkungen zum Erfolg von Daniel Glattauer - und Vermutungen, warum der Literaturbetrieb darauf so zurückhaltend reagiert.

"Schriftlinger" vom Laaer Berg


Von Gerald Schmickl

So verblüfft und schmähstad hat man Christoph Grissemann noch selten gesehen, wie in der Ausgabe der TV-Sendung "Willkommen Österreich" Anfang Dezember 2011, als ihm Daniel Glattauer auf die Frage, wie viele Bücher er bisher verkauft habe, antwortete: "Drei Millionen"! Solch eine Antwort ist man von österreichischen Autoren nicht gewohnt, deren durchschnittliche Verkaufszahlen ansonsten im unteren Tausenderbereich liegen.

Werbung

Das Erstaunlichste an Glattauers Erfolg, der hauptsächlich mit den beiden Email-Romanen "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" einkehrte (die in 40 Sprachen übersetzt wurden, und auch als Theaterstücke international reüssieren), ist ja, wie wenig er ein Thema ist, bzw. bisher war, denn nun scheint - mit beträchtlicher Verzögerung - auch hierzulande eine Publikationsoffensive einzusetzen. In Deutschland war das schon vor Jahren der Fall, als sich große Blätter wie "Spiegel" oder "FAZ" ausgiebig dem Phänomen widmeten, dass ein bisher nahezu unbekannter Wiener Autor quasi aus dem Stand Weltbestseller fabriziert.

Hat nach weltweit drei Millionen verkaufter Bücher gut lachen: Daniel Glattauer.

Hat nach weltweit drei Millionen verkaufter Bücher gut lachen: Daniel Glattauer.© Pessenlehner Hat nach weltweit drei Millionen verkaufter Bücher gut lachen: Daniel Glattauer.© Pessenlehner

So ist vor einigen Wochen rund ein Dutzend deutscher Journalisten nach Wien angereist, um Glattauers Stellungnahmen zu dessen neuem Roman "Ewig Dein" (siehe Rezension) vorab einzuholen. Man konnte den öffentlich eher zurückhaltenden, in kleinem Kreis dafür gern konversierenden Autor bei dieser Gelegenheit dabei belauschen, wie er deutschen Journalistinnen seinen für deren Ohren weitgehenden Mangel an Wiener Dialekt erklärte. Nämlich damit, dass er - als "eingeborener Favoritner" - sich schon in Jugendzeiten mit seiner Diktion von den Schulkameraden abgesetzt habe. Er und sein Bruder galten als "die Schriftlinger vom Laaer Berg", weil sie damals vermeintlich nach der Schrift redeten. Und dem Herrn vom "Spiegel", einem Grandseigneur der deutschen Literaturkritik, entlockte Glattauer auf seine columbohafte, unschuldig-naive Art das Geständnis, dass dieser - ebenso wie Glattauer - einst mit pennälerhafter Lyrik das Herz einer Klassenkollegin zu gewinnen trachtete. Der Plan ging übrigens bei beiden nicht auf . . .

Die Ignoranz, die Glattauer im österreichischen Literaturbetrieb bisher entgegen schlug, lässt sich auf mehrere Arten erklären. Am treffendsten von ihm selbst: "Mein Ignoriertwerden hat wohl auch mit meinem Beruf als Journalist zu tun gehabt. Ich wurde von vielen Kritikern lange Zeit nicht als Schriftsteller wahrgenommen, sondern als Journalist, der nebenbei halt Bücher schreibt. Und ein Journalist, der es wagt, die Seiten zu wechseln und Journalismus mit Schriftstellerei zu vermischen, ist in der österreichischen Kulturszene nicht gern gesehen", sagte Glattauer in einem "extra"-Interview (2010).

Da ist was dran - genauso wie an dem Befund, dass "Kulturjournalisten dann besonders irritiert zu sein scheinen, wenn einer von ihnen nun das macht, worüber sie schreiben". Die Enge des Landes und die Vernetzung seiner journalistisch-literarischen Protagonisten (so wie ja auch der Schreiber dieser Zeilen eingestandenermaßen mit Glattauer befreundet ist) machen ein distanziertes Urteil, im Positiven wie Negativen, schwer bis unmöglich.

Denn so wie das Lob des Literaturbetriebes bisher ausgeblieben ist - abzulesen etwa daran, dass Glattauer bis heute keinen einzigen nennenswerten literarischen Preis bekommen hat (finanziell hat er ihn nicht nötig, aber damit wird ja auch eine Form von Anerkennung ausgedrückt), fehlt auch die Kritik. Es gibt bis dato kaum eine ernst zu nehmende literaturkritische, analytische Auseinandersetzung mit dem Werk des einstigen ("Standard"-)Journalisten und nunmehrigen Schriftstellers.

Er selbst kann das verschmerzen, indem er sich - wie er in einem "Falter"-Interview kundtat - dem Literaturbetrieb einfach nicht zugehörig fühlt. Und dessen Hervorbringungen ebenfalls beharrlich ignoriert. Vermutlich war es beim Verfassen seines "Stalking"-Romans einfacher (und vielleicht sogar Erfolg versprechender), dass er die einschlägigen Bücher von Ian McEwan, Jason Starr und der Wiener Autorin Amaryllis Sommerer gar nicht erst gelesen hat. . .




Schlagwörter

Daniel Glattauer, Extra, Literatur

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-01-27 12:29:19
Letzte Änderung am 2012-01-30 12:45:42


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung



Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Beliebte Inhalte



Blumen geschockter Anrainer in der Nähe des Tatortes. Noch sind die Motive der Angreifer unklar. Sicher ist, dass sie schockieren und Angst verbreiten wollten. Da wir dies nicht unterstützen wollen, finden Sie hier keine bluttriefenden Bilder. (red/ja) - Foto: apaWeb / EPA - Arrizabalaga
  • Mutige Passantin verwickelte Angreifer in ein Gespräch
  • Täter sind in Haft
  • weiter

  • Neue Regierung will Verhandlungen mit Brüssel nicht fortsetzen.
  • weiter

Werbefigur der Firma Niemetz. - APAweb/GEORG HOCHMUTH Wien. Es ist entschieden: Die zum Meinl-Imperium gehörende Heidi Chocolat mit Sitz in Rumänien kauft den insolventen Wiener Schwedenbombenhersteller...weiter

In Syrien gefallener Hisbollah- Kämpfer wird im Libanon zu Grabe getragen. - reuters
  • Aufhebung des Waffen-Embargos für Syrien: EU streitet, Faymann droht.
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter




LitCologne

Goetz-Zitate in Köln

lit.cologne - lit.cologne Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest... weiter




Litblog

Der Preis des Schriftstellers

20121205_klier - Privatarchiv Klier Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5... weiter




Literaturfestival "Sprachsalz" in Hall in Tirol

Bergmuseum für Beatniks

Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill. - sprachsalz Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das... weiter





Werbung