• vom 17.02.2012, 14:30 Uhr

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Update: 17.04.2012, 11:39 Uhr
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Die Kurzgeschichtensammlung "Winesburg, Ohio" von Sherwood Anderson gehört zu den einflussreichsten Büchern der amerikanischen Moderne. Jetzt ist sie in zwei Neuübersetzungen auf Deutsch erhältlich.

Die Einsamkeit der Kleinstadt


Von Andreas Wirthensohn


Foto: Manesse Foto: Manesse

Ohio ist nicht irgendein Bundesstaat der USA. Im Nordosten des Landes an der Grenze zu Kanada gelegen, ist er demographisch so etwas wie ein Spiegelbild der nationalen Bevölkerungsverteilung. Vor allem aber ist er einer der am heftigsten umkämpften battlegrounds bei Präsidentschaftswahlen, denn als swing state, der jeweils immer nur knapp an den einen oder den anderen Bewerber geht, ist ein Sieg hier Voraussetzung, um ins höchste Staatsamt zu gelangen. Nicht ohne Grund spielt George Clooneys jüngster Film, "The Ides of March", dieses desillusionierende Lehrstück in Sachen Moral, Loyalität und Politik, genau hier, an den Ufern des Eriesees.

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Ob all der politischen Brisanz könnte man fast vergessen, dass in Ohio auch so etwas wie die Keimzelle der modernen amerikanischen Literatur liegt. 1919 erschien ein Buch mit dem eigenartigen Untertitel "Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios", an dem der Autor vier Jahre lang gearbeitet hatte.

Sherwood Anderson war sein Name, zur Welt gekommen war er 1876 in Camden und aufgewachsen in Clyde, beide Ohio; und dieser Anderson war mit rund vierzig Jahren endgültig aus seinem bisherigen Leben als Firmendirektor, Werbetexter und braver Familienvater ausgebrochen, um sich der Literatur zu widmen.

Groteske Gestalten

Information

Sherwood Anderson

Winesburg, Ohio
Übersetzt von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann. Manesse Verlag, München 2012, 300 Seiten, 22,60 Euro.

Winesburg, Ohio
Übersetzt und mit einem Essay von Mirko Bonné. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2012, 311 Seiten, 23,60 Euro.

Als er 1941 starb - er hatte das Holzspießchen verschluckt, das in der Olive seines Martinis steckte, und daraufhin eine Bauchfellentzündung erlitten -, hatte er zahlreiche Romane, Erzählbände und andere Texte veröffentlicht, doch mit seinem Namen verband sich im Grunde immer nur ein Buch: "Winesburg, Ohio", dieser Reigen aus 24 Erzählungen, in dem die einfachen Menschen dieses fiktiven 1800-Seelen-Städtchens ihren großen Auftritt haben.

"Das Buch vom Grotesken" wollte Anderson sein Werk ursprünglich nennen, aber das wäre schon zu viel der Sinnbeschwerung für diese Episoden gewesen, die jeweils einem Bewohner von Winesburg und seiner vermeintlichen "Wahrheit" gewidmet sind. Sie tragen Titel wie "Hände", "Gottesfurcht", "Einsamkeit" oder "Der Denker" und könnten problemlos jede für sich bestehen, sind jedoch durch verschiedene Figuren und vor allem durch den Ort des Geschehens lose miteinander verbunden.

Nur einer taucht in allen Geschichten auf: George Willard, der junge Reporter des "Winesburg Eagle", der örtlichen Zeitung, die vor allem einem Grundsatz folgt: "Sie war bemüht, in jeder Ausgabe so viele Einwohner des Orts wie möglich mit Namen zu nennen." Mit einem solchen name dropping verschont uns Anderson zum Glück, aber George Willard, gerade einmal 17 Jahre alt, ist derjenige, dem die Menschen irgendwann ihr Herz ausschütten und ohne den wir nie etwas erfahren hätten vom "Begreiflichen und Liebenswerten an all den grotesken Gestalten im Buch des Schriftstellers".

Und es sind in der Tat seltsame Personen, die dieses Buch bevölkern. Etwa der ehemalige Lehrer Wing Biddlebaum, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte und seinen Schülern ständig durchs Haar fuhr oder über die Wangen strich, woraufhin er mit Schimpf und Schande aus seiner Heimatstadt vertrieben wurde und nun in Winesburg lebt, "ständig verängstigt und verfolgt von einer gespenstischen Gedankenschar". Oder Jesse Bentley, ein gottesfürchtiger Farmer, den man heute wohl als religiösen Fanatiker bezeichnen würde und der in seinem Glaubenswahn kurz davor ist, Gott seinen Enkel David zu opfern. Oder der Pfarrer Curtis Hartman, der nicht gerne predigt und sich am liebsten in einen Raum im Glockenturm zurückzieht, von wo aus er die Nachbarin mit nackten Armen im Bett liegen sehen kann. Oder die Lehrerin Kate Swift, die sich in den deutlich jüngeren George Willard verliebt und ihn mit klugen Ratschlägen eindeckt, statt ihn einfach zu umarmen. Oder Enoch Robinson, dem nie etwas glückte in seinem Leben, der lange in einem New Yorker Zimmer lebte mit lauter Leuten aus einer Phantasie und aus dieser eingebildeten Welt herausfiel, als eine Frau dieses Zimmer betrat.

"Queer" nennt der Autor seine Gestalten, was man als "komisch" oder besser "wunderlich" übersetzen kann, und sie sind alle vom Leben geschlagen, "besessen von Ideen" und zugleich getrieben von einer Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung, die ohne wirkliche Erfüllung bleibt. Sie wollen "vom Leben eine eindeutige Antwort" bekommen, doch die gibt es nicht, und so müssen sie weiterhin die Kämpfe ausfechten, die in ihnen toben. Die Männer haben "Frauenärger", die Frauen verzehren sich danach, zärtlich in den Arm genommen zu werden, und "zur Linderung ihrer Gefühle" laufen sie nachts durch die Stadt oder zu George Willard, um ihm ihre Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten "begannen und endeten im Nirgendwo", sie sind voller Lücken und doch von einer berührenden Intensität, die ihresgleichen sucht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-02-17 10:47:12
Letzte Änderung am 2012-04-17 11:39:08


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