
John Irving, zu dessen liebsten Standardmotiven tanzende Bären, Ringkämpfe und Beziehungs-Desaster zählen, wird seinen bevorstehenden siebzigsten Geburtstag irgendwo zwischen Toronto und New Hampshire feiern, sofern es ihn nicht doch wieder nach Europa zieht, wo er vor allem in den Niederlanden, in Griechenland (seinem Trauungs-Land), Schweden und Österreich zahlreiche persönliche und literarische Erinnerungs-Zeichen gesetzt hat. Vor kurzem ist sein jüngster Roman, "Lange Nacht in Twisted River" (2010), in der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe bei Diogenes erschienen, - ein geradezu archetypisches Werk über eine Flucht quer durch Amerika, das die seiner Lesergemeinde wohlbekannten Schauplätze im Nordosten der USA, in Iowa und in Kanada Revue passieren lässt und die komplizierten Vater-Sohn-Beziehungen um eine weitere Facette bereichert.
Nachstehend sei an zwei große Ereignisse aus dem bisherigen Leben des Autors erinnert: an den triumphalen Oscar-Gewinn für das beste Drehbuch anlässlich der
Bestseller mit Tiefgang
Kaum ein US-amerikanischer Autor erwies sich in den letzten drei Jahrzehnten mit seinen Romanen als so kontinuierlich erfolgreich wie John Irving, und so möchte man meinen, dass es stets ein Leichtes für ihn war, geeignete Regisseure für seine Drehbücher zu finden. Immerhin landete der aus New Hampshire stammende Ringer und in Iowa graduierte akademische Lehrer schon Ende der Siebzigerjahre seine großen Beststeller-Erfolge mit "Garp, wie er die Welt sah" und "Das Hotel New Hampshire".
Eine breitere Leserschaft wandte sich sodann auch den älteren Werken des Verfassers zu, und lernte so den gelungenen, aber zunächst wenig beachteten Einstandsroman "Lasst die Bären los!" aus 1968 kennen, eine noch holprig übersetzte Wiener Geschichte, in der es um die Obsorge für die Tiere im Schönbrunner Zoo im Zweiten Weltkrieg, um allerlei dubiose Gestalten und um alte Motorräder rund um das Palais Auersperg geht. Bereits 1986 versuchten sich die Biografen C. Harter und J. R. Thompson an einer ersten Lebensbilanz. Und Ende der Neunzigerjahre war der damals Fünfzigjährige schon am Bestseller-Olymp als beliebtester Autor mit Tiefgang angelangt - "Witwe für ein Jahr" und "Owen Meany" hatten endgültig seinen Ruhm als Romancier gefestigt.
Dennoch geriet Irving mit seinem Script zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" (Original-Titel "The Cider House Rules") in eine Krise, zumal er längere Zeit keinen geeigneten Regisseur finden konnte. Der erste war überraschend verstorben, die weiteren zwei Kontaktierten planten massive Eingriffe in sein Drehbuch, was der Autor ablehnte. Doch dann lernte er den stillen schwedischen Regie-Meister Lasse Hallström kennen, der mit Filmen wie "Chocolat" bereits cineastische Erfolge gefeiert hatte. Der Skandinavier bezeichnete Irvings Drehbuch schlichtweg als "great" und akzeptierte es ohne größere Striche. Seither zählt er zu den engsten Freunden Irvings, der ihn auch regelmäßig in Schweden besucht. Hallström feiert diesen Juni den 66. Geburtstag, zu dem sich sicher ein prominenter Gratulant aus den USA einstellen wird.
Ein Erfolgsrezept des Films war neben vielen Gemeinsamkeiten und der persönlichen Sympathie der beiden Männer zueinander, dass sie ihre Kompetenzgrenzen klar absteckten. Irving verpflichtete sich ausdrücklich, sich auf die Rolle als Drehbuchautor zu beschränken und nicht selbst Regie führen zu wollen. Wenn er Lust hätte, selbst als Regisseur aufzutreten, dann könne er dies ja in seinen Romanen verwirklichen. So ähnlich steht dies auch im Vorwort zu diesem Drehbuch, das der Zürcher Diogenes-Verlag mit Fotografien vom Set und vom Film im Jahr 2000 versehen und als Taschenbuch publiziert hat.
Es lohnt sich übrigens, neben der Romanfassung auch die Drehbuchfassung zu lesen. Oft sind es nur marginale Details, in denen Irving mit kleinen, sinnvollen Variationen seine literarische Meisterschaft und seine Sensibilität für das Medium Film erkennen lässt.
Der rund 700-seitige Roman ist, dem Film sei Dank, auch in Europa sehr bekannt geworden und gilt als eines der besten Werke Irvings. Es geht darin um einen in Sachen Abtreibung aufgeschlossenen, Äther-süchtigen und humanen Arzt namens Doktor Larch (was, nicht zufällig, auf Deutsch "Lärche" bedeutet; dargestellt wurde der Doktor von Michael Caine), der ein Waisenhaus in Maine (USA) führt.
Spiel mit Vaterfiguren
Doktor Larch bildet einen Jungen namens Homer Wells (dargestellt von Tobey Maguire) zu seinem Assistenten aus, weil dieser aus verschiedenen Gründen keine geeignete Gastfamilie findet. Schlussendlich verlässt Homer aber die Waisenhaus-Klinik und arbeitet fortan, statt als Gynäkologe, als Apfelpflücker auf einer Farm, wo er dank "Candy" (Charlize Theron) erstmals selbst tiefere menschliche Gefühle erlebt - zweifellos eine originelle Geschichte, die dank hervorragender Besetzung und guter Regie ein Erfolg wurde und die Irving auch völlig zu Recht einen "Oscar" für das beste Drehbuch des Jahres 1999 einbrachte.
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