
Die Zeitfenster, in denen Literatur von Frauen verstärkt wahrgenommen wird, sind meist kurz. Für das radikale Vergessen Hannelore Valencaks gibt es allerdings einen viel allgemeineren Grund, der mit der Genderfrage gar nichts zu tun hat. Für die Germanistengeneration nach 1968 galt die Literatur der 1950er und frühen 1960er Jahre abseits der Wiener Gruppe, von Artmann bis Jandl und Mayröcker, als so verzopft und konservativ, wie es die Institutionen des Literaturbetriebs tatsächlich waren. Eine begriffliche Markierung eines erzählerischen Neustarts - wie die Gruppe 47 in Deutschland - gibt es für die österreichische Literatur bis heute nicht, einfach weil immer noch niemand genauer hingesehen hat.
Freilich saßen in Österreich nach 1945 über Nacht die alten Gatekeeper aus der Zeit des Austrofaschismus, spätestens ab Anfang der 1950er Jahre sogar jene aus der Zeit des Nationalsozialismus, wieder fest in ihren Ämtern. In Redaktionen und Sendeanstalten verhinderten sie tatkräftig, dass antifaschistische wie zeitkritische Romane breiter debattiert wurden, und sie prägten das Klima nachhaltig. Erst in den 1960er Jahren begann sich die junge Generation durchzusetzen, und die lange Latenzzeit brachte ihr keineswegs zu Unrecht den Nimbus der unterdrückten und heldisch aufbegehrenden Avantgarde ein.
Bewältigungsliteratur
Doch diese verspätete Befreiung aus verkrusteten Strukturen prägte die Optik allzu eindimensional - und das hat Langzeitfolgen bis heute. Denn vieles wurde von vornherein aus dem Kanon ausgegliedert, oder besser: einfach nicht wahrgenommen, weil es in irgendeiner Weise mit dem Mief der 1950er Jahre verbunden schien. Das betrifft auch die unmittelbar nach 1945 publizierten Romane über die NS-Vergangenheit, was zur hartnäckig vertretenen, aber schlicht falschen These führte, eine "Bewältigungsliteratur" habe in Österreich erst in den 1960er Jahren eingesetzt.
Und dieses Missverständnis ist wohl auch schuld am völligen Verschwinden einer Autorin wie Hannelore Valencak, die Verlogenheit, Tristesse und Perspektivlosigkeit der Nachkriegszeit mit einer literarischen Dichte vermaß, für die sich kaum Vergleichbares findet.
Einigen Autorinnen aus diesem Umfeld war dann ein Auferstehen aus dem Grab der Vergessenen durch die feministische Literaturwissenschaft vergönnt. Marlen Haushofer etwa hatte das postume Glück, dass Ende der 1970er Jahre junge Germanistinnen wie Christine Hoffmann-Schmidjell über sie Dissertationen verfassten und damit die wissenschaftliche Beschäftigung eröffneten. Die Neuauflage des Romans "Die Wand" fiel 1983 genau in die Zeit des erwachten Interesses an der Literatur von Frauen. Nun wurde dem Buch breite Aufmerksamkeit zuteil, und Haushofer in den Literaturkanon eingeschrieben. Dieser glückliche Zufall ist bei Valencak ausgeblieben.
Geboren wurde Hannelore Valencak am 23. Jänner 1929 in Donawitz, sie studierte Physik an der Universität Graz und arbeitete nach der Promotion 1955 als Metallurgin in Kapfenberg. 1959 verunglückte ihr erster Mann, mit dem sie einen Sohn hat; 1962 heiratete sie ein zweites Mal und ging nach Wien, wo sie als Patentsachbearbeiterin arbeitete; ab 1975 lebte sie als freie Schriftstellerin. Das sind die kurzen Lebensdaten, die sie selbst ihren Publikationen beigab. Die Autorin starb am 9. April 2004 in Wien.
Zu veröffentlichen begann Valencak wie alle Jungen nach 1945 in Zeitschriften und Anthologien. Insgesamt umfasst ihr Werk zwei Lyrikbände, fünf Romane, zwei Erzählbände und vier Jugendbücher. 1957 wurde sie gemeinsam mit Gerhard Fritsch unter mehr als hundert Einsendungen für den staatlichen "Förderungspreis für Literatur" ausgewählt, wie der Österreichische Staatspreis damals hieß. Sie erhielt den Preis - und das ist ein absoluter Einzelfall - für den noch unpublizierten Roman "Feuer auf steinernem Herd". Das war der Arbeitstitel ihres erst vier Jahre später erschienenen Buchs "Die Höhlen Noahs".
Wenn Hans Weigel stets für sich reklamierte, an Haushofers Roman "Die Wand" als Korrektor, Berater und Titelerfinder beteiligt gewesen zu sein, hat er Ähnliches von Valencaks erstem Roman nie behauptet. Die beiden im Abstand von zwei Jahren erschienenen Endzeitvisionen - Valencak 1961, Haushofer 1963 - sind in Thema und Stimmung eng verwandt. Sieht sich Haushofers Erzählerin über Nacht hinter einer gläsernen Wand als Überlebende einer globalen Katastrophe alleine wieder, geht es bei Valencak um eine zusammengewürfelte Gruppe von Menschen, die ihr Überleben organisieren und Grundsatzfragen entscheiden müssen, etwa jene, ob das Leben in einer absterbenden Umwelt weitergehen soll. Das ergibt eine komplexere Struktur und andere Konstellationen.
Verstörende Direktheit
Auch der Einbruch der Katas-trophe erfolgt in den beiden Romanen ganz unterschiedlich. Bei Valencak kommt sie nicht über Nacht und nicht mit einer säuberlich aufgezogenen gläsernen Wand, hier fällt der Leser direkt ins Feuerinferno, das 1961 Erinnerungen an die Bombennächte wachrufen musste. Einer breiteren Rezeption stand wohl gerade diese Direktheit entgegen, denn die zeitgenössischen Leser liebten die Verpackung des jüngst Erlebten in existenziell ausdeutbare Parabeln. Das führte auch dazu, dass in den Rezensionen im zeittypischen Jargon viel und schwammig von "Schuld" und "Vorbestimmung des menschlichen Schicksals" die Rede war - und hinter jeder dieser Worthülsen öffnet sich ein Fenster in die existenzielle Unendlichkeit.
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