
Nun ist er angekommen, hier bei uns in Österreich, in der anderen Hälfte des ehemals großen Reiches. Und ich hoffe, vielmehr bin ich überzeugt davon, dass er uns nun bleiben wird als einer unserer großen Klassiker der Moderne, neben Musil, Doderer, Roth und Saiko. Endlich haben wir die zweite Hälfte von dem, was da einmal war, und können ermessen, was uns bisher gefehlt hat; wir können zudem ermessen, was wir einst hatten, wovon wir Teil waren, und auch das: warum es zerbrochen ist, "in Stücke gerissen", wie es im Originaltitel des dritten von Bánffys dreibändigem Roman heißt.
1934 erschien der erste Band der "Siebenbürger Geschichte" zum erstenmal, nun, 2012, erscheint er auf Deutsch unter dem Titel "Die Schrift in Flammen". Die Reisegeschwindigkeit dieser fulminanten literarischen Flaschenpost, donauaufwärts von Budapest nach Wien, also 243 Kilometer in 78 Jahren, dürfte in der Geschichte der weltliterarischen Kommunikation ziemlich einzigartig dastehen. Aber meckern wir nicht, freuen wir uns.
Leben des Landadels
Die Handlung setzt ein im Frühherbst des Jahres 1904. Der junge Herr Bálint Abády kehrt nach längerer Zeit wieder nachhause zurück. Sein Zuhause: das ist das große alte Herrenhaus von Dénestornya, das seiner Familie seit Jahrhunderten gehört. Seine Familie zählt zu den einflussreichsten in ganz Siebenbürgen - und damit ist der Mittelpunkt der Erzählung schon umrissen. Wir befinden uns im äußersten Osten der ungarischen Reichshälfte, und das Milieu, in dem die Geschichte spielt, ist das des ungarischen Landadels. Mit großer Einfühlsamkeit und zupackender, mitreißender Erzählfreude führt der Autor uns in diese Landschaft und zu diesen Menschen, - selbst für den großstädtischen Leser der dreißiger Jahre musste das schon eine ziemlich exotische Angelegenheit gewesen sein, um wie viel mehr für uns. Und das liegt nicht nur an den ungewohnten Orts- und Personennamen.
Doch unmerklich, kaum hat man sich durch das erste Dutzend akzent- und silbenreicher Gyalakuthys, Gyeröffys, Sarmasághys, Marosvásárhelys und Nyárádszeredas durchgearbeitet, ist man - Zauberkraft der Literatur - plötzlich drinnen und kann nicht mehr von ihnen lassen. Wir tauchen in ein Geschichts- und Gesellschaftspanorama von Tolstoischen Ausmaßen, und wenn die adelige Oberschicht auch das Gravitationszentrum der Erzählung darstellt, so erstreckt sich die Empathie des Autors doch auf alle Gesellschaftsschichten vom städtischen Kleinbürgertum, Beamte und Händler, bis hin zu den Kleinbauern, die weit hinten oben in den Bergen leben und die als "urig" zu bezeichnen eine klare Untertreibung wäre. Unter Abádys Großvater waren sie noch leibeigen gewesen, seine Leibeigenen, und ganz hat sich dieses Verhältnis noch nicht verloren, im Gegenteil; doch die modernen Zeiten bringen es mit sich, dass der Graf, trotz bester Absichten und vieler Mühe, sich gegenüber einem Wucherer, der die nun freien Bauern um Hab und Gut bringt, als völlig machtlos erweist. Da nehmen sie schließlich die Sache selber in die Hand. "Die Nacht", sagen sie nur zu dem, was dann kommt, und es ist eine der eher gruseligen Episoden in diesem Buch.
Wie es sich für einen solchen großen, weiten Roman gehört, tauchen wir bald ein in eine große, schwere Liebe, die den Helden ganz gegen seine Absichten ereilt und nicht mehr loslässt (bis zuletzt nicht, bis der dritte Band sein Ende gefunden haben wird, soviel kann man durchaus verraten), - denn eigentlich wollte er ja zuvor die Welt retten, ganz so wie ein idealistischer Juso der 1960er oder ein Grüner der 1980er Jahre, nämlich an seinem Ort in der Welt, aber wenigstens die ganze Welt sollte es schon sein, die da gerettet werden würde. Er versucht, die Bauern dazu zu überreden, eine landwirtschaftliche Genossenschaft zu gründen, wozu er ihnen sogar ein ganzes Haus gratis überlässt, doch die Bauern mögen nicht recht. "Was immer man ihnen rät, sie meinen vor allem einmal, dass man sie irgendwie pfiffig übers Ohr hauen will."
Und unser junger Held versucht es auch in der großen Politik. Er lässt sich nach Budapest ins Parlament wählen und lernt die Höhen, aber vor allem und fast durchgängig die Tiefen des parlamentarischen Betriebs kennen, und da erleben wir nicht nur die ungarische Innenpolitik jener Zeit hautnah mit, sondern vor allem auch das Funktionieren, aber vor allem das Kaum- und Nichtfunktionieren jener fragilen Konstruktion, die das Jahr 1918 nicht überleben sollte, der Doppelmonarchie. Und wir erleben die Kleinlichkeit, Verbohrtheit, den Fanatismus und all die anderen Ingredienzien mit, an deren Überdosis der alte Staat endlich eingegangen ist. Und wir werden, wie die Hellsichtigeren der Figuren, von einem sehr unguten, ziehenden Gefühl ergriffen, das uns sagt: Das wird alles schiefgehen. Wenn ihr euch nicht schnell einmal zusammenreißt, euch selber bei den Ohren nehmt, wird das furchtbar schiefgehen. Und jede heitere Szene, jeder Witz (auch davon gibt es reichlich in diesem Buch), jede Wendung zum Guten empfindet man schon nur noch als Aufschub.

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