• vom 23.03.2012, 13:00 Uhr

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Update: 30.03.2012, 13:21 Uhr
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Er war Lehrer und Trickbetrüger, aber vor allem ein Star der Literatur, dessen Bücher noch heute ein Begriff sind - über das Schreiben, die Abstürze und Höhenflüge Karl Mays, der vor hundert Jahren starb.

"Klar, hell, rein und groß"


Von Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury

Schon zu Lebzeiten ist er ein berühmter Autor. Und er ist es noch heute. In seinem Werk fehlen häufig die Mütter wichtiger Figuren, als seien die gleichsam aus dem Himmel gefallen. Viele brutale Prügelszenen kommen in seinen Büchern vor. Über seine frühe Lebensphase schrieb er einmal: "Durch die Kinderjahre hindurchgeprügelt." Ob das autobiografisch gemeint ist, weiß man nicht. Im Spätwerk schließlich schwenkt er um auf das allegorische Schreiben. Die Rede ist von Wilhelm Busch (1832-1908).

Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.

Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft

Ach, Sie haben an Karl May (1842-1912) gedacht, weil all das auf ihn zutrifft? Sehr verständlich! Zu anderen Autorenkollegen gibt es weitere Parallelen, so zum Lyriker Friedrich Rückert (1788-1866). Der Orient als bedeutendes Thema, die deutschtümelnde Gemütlichkeit und Heimeligkeit, die Vielschreiberei. Und dann verbindet sie ein trauriges Schicksal: May- wie Rückert-Texte wurden von späteren Herausgebern unerhört stark verändert und eigenmächtig gekürzt.

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Noch auffälliger sind die Verbindungen zu Friedrich Schiller. Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.

Die Qualität des Schiller’schen Werks war schon im 19. Jahrhundert - obwohl es an Kritikern nie mangelte - anerkannt. Dorthin strebte auch May. Jedesmal, wenn er zu schreiben begann, fiel sein Blick auf einen Zettel, den er über seinem Schreibtisch angebracht hatte. Darauf stand:

"Die Gestalten klar, hell, rein, und groß
Vermeide harte, grelle, schmerzhafte Lichter
Klassische Formen, in erhabener, abgeklärter Ruhe
Flimmere nicht! Sei nicht theatralisch!
Schlichte Wahrheit!
Hüte dich zu schulmeistern!"

Der verhinderte Lehrer
Gerade das aber tat May sein Leben lang: schulmeistern! Durch Vergehen in jungen Jahren scheiterte allerdings die erträumte offizielle Lehrerlaufbahn nach kürzester Zeit. Kleineren Entwendungen als Seminarist und Junglehrer folgten erste Verurteilungen, Entlassung aus dem Schuldienst, dann größere Diebstähle, Betrügereien, Flucht aus Polizeigewahrsam und eine Karriere als Strafgefangener von über acht Jahren.

May blieb der Berufung zum Lehramt im Herzen trotzdem treu und bewies, wie ernst es ihm damit war, nach der langen, langen Gefängniszeit erst als Zeitschriftenredakteur und dann in Büchern. "Geographische Predigten" waren das oft, um einen seiner Titel zu erwähnen, in denen man viel über fremde Länder und Völker erfahren konnte. Wichtiger noch waren seine klugen, stets lehrbereiten Helden. Sie überführen selbst die größten internationalen Experten kurioser Irrtümer, legen den Koran geschickter aus als jeder Mufti und unterrichten ihre Reisekameraden, ob jung oder alt.

Geflügelte Worte
Wegen seiner pädagogischen Ader finden sich in Mays Geschichten unendlich viele rhetorische und wirkliche Fragen, dazu massenhaft Lehrsätze und Sprichwörter. Eine kleine Auswahl gefällig? "Gedanken kommen nicht in der Weise und in der Masse wie Mücken aus der Pfütze." "Ein Weib redet, ein Mann aber handelt." "Ein hastiger Renner ist nicht immer das schnellste Pferd." "Eine wilde ungezügelte Tapferkeit gleicht der Wut des Büffels, der blind in den Tod rennt." "Ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne Verstand." "Die Liebe ist nämlich der Senf für die Pfeffergurke des Lebens. Das eine ist ohne das andere nicht zu verdauen." "Der Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten fort." "Die Mauern sind stets härter als die Köpfe." "Kein Mensch kann ewig leben." Die Liste ließe sich ins Unendliche fortführen.

Parallelen zu Schiller
Da fällt einem natürlich wieder Friedrich Schiller ein und dessen Sentenzen-Seligkeit. Er stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen. Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado. Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen. Allerdings schufen sie mit ihrer Art "copy and paste" oder eben mittels kluger Recherche aus fremden Werken eigene Welten.

Es sind Welten, in denen das Gute - so will es beider Idealismus - letztlich triumphiert. Doch ohne Zweifel begeistern sich beide besonders für Verbrechen und ihre Täter, für, wie Schiller sagt, "außerordentliche Menschen", "Geister, die das abscheuliche Laster reizet, um der Größe willen, die ihm anhänget". Vielleicht auch, weil sie selbst Ex-Verbrecher waren - Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.

Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.

Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft

May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.

May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-22 16:41:14
Letzte Änderung am 2012-03-30 13:21:30


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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