"Was kann man über ihn schreiben? Wo und wann er geboren wurde. Sicher. Wo und wie er lebt. Warum nicht. Aber sein Schreiben braucht keine Ergänzung." So apodiktisch leitete Friedrich Dürrenmatt einst eine Hommage an seinen Schriftstellerfreund Ludwig Hohl ein. Auch in eigener Sache blieb Dürrenmatt, im Gegensatz zu seinem Antipoden Max Frisch, mit biographischen Hinweisen abstinent, liebte weit mehr das systematische Täuschungsmanöver auf diesem Feld.

Schwer für einen Biographen, da einen gut motivierten Einstieg in eine Lebensdarstellung zu finden. Peter Rüedi, namhafter Schweizer Kulturjournalist und langjähriger Vertrauter Dürrenmatts, war schon zu Lebzeiten des Schriftstellers als Koautor von dessen Autobiographie auserkoren. Doch dann starb Dürrenmatt, und die Herkulesarbeit einer dem Schreib-Giganten angemessenen Persönlichkeitsdeutung fiel Rüedi allein zu.
Lange Jahre hat er daran gesetzt. Das Ergebnis ist die außergewöhnlich schlüssige Form einer essayistisch angelegten Monographie, die in ihrer vielstrebigen Verschränkung von Lebens- und Werkgeschichte weit mehr bietet als bloß "Die Ahnung vom Ganzen", wie ihr Titel bescheiden vorgibt. Scheinbar behandelt sie nur die erste Lebenshälfte des Autors, die eine beispiellose Aufstiegskurve bis zum Weltruhm (mit den Dramen "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" sowie den Kriminalromanen "Der Richter und sein Henker" und "Das Versprechen") aufweist. Aber Rüedi bezieht in seiner die Chronologie immer wieder mit Rückblenden und Vorausdeutungen, mit Analysen und Exkursen unterbrechenden Darstellung auch das Spätwerk ausgiebig ein, vor allem die breite Sammlung der "Stoffe", die er in ihrem Gedankenreichtum, vor allem aber in ihrer "Poetik des Scheiterns" für höchst entdeckenswert hält.
Widerstreitendes
So monolithisch sich Dürrenmatt in seinem inneren und äußeren Erscheinungsbild gern darstellte, so fragil zeigt er sich in Rüedis bedachtsamer lebensgeschichtlicher Erkundung. Schon die Herkunft enthielt Widerstreitendes. Der bedeutendste Schweizer Dramatiker war Pfarrerssohn - und ein Emmentaler: Geboren 1921 in dem unwirtlichen Nest Konolfingen, blieb Friedrich Dürrenmatt, der mit 14 Jahren zusammen mit seiner Familie nach Bern übersiedelt war, zeitlebens ein Stadtflüchtling: schwerzüngig, ungewandt, befremdet vom Labyrinthischen jeder urbanen Agglomeration. Aus dem frühen Erlebnis der Ausweglosigkeit des Berner Gassengewirrs, dem Irrgarten seiner Laubengänge und dem Dunkel seiner Flusswindungen speiste sich Dürrenmatts Welt-Bild des Labyrinths, ein Grundmuster in seinem Werk. Dabei war die Schweizer Bundeshauptstadt wahrhaftig keine unüberschaubare Metropole.
Dazu kam für den jungen Dürrenmatt das als übermächtig empfundene Vaterbild, gegen das er sich früh auflehnte, ohne es je vollends loszuwerden. "Ein Pfarrerssohn hat es schwer, aus seinem Milieu herauszukommen", heißt es in seinem autobiographischen Versuch "Vallon de lErmitage". Bezeichnenderweise bezieht sich der Satz auf jemand Fremden; dabei charakterisiert er wie kein anderer seinen Urheber. Die pfarrhäusliche Prägung blieb - wie bei vielen Pastorensöhnen der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte - auch bei Dürrenmatt noch über die offenbar unabwendbare Rebellion hinaus kennzeichnend. Ohne den Bilder- und Metaphernreichtum der Bibel ist seine Sprache nicht denkbar, und etwas vom pastoralen Beschwörungsgestus, von dem das Gewissen der Gemeinde aufrüttelnden Mahn- und Scheltwort von der Kanzel herab ist in manchen seiner Werke, wenngleich grotesk verfremdet, unüberhörbar. Das Religiöse blieb ein Stachel, auch für den späteren Atheisten.
So hat der abtrünnige Pfarrerssohn Dürrenmatt denn auch als 26-Jähriger mit einem wahren Salto in die Zeit der Glaubenskriege 1947 den Bühnenboden betreten. Indes, das überreiche Bilderfresko seines Wiedertäufer-Dramas "Es steht geschrieben" sollte im Gleichnis einer bizarren Epoche der Reformationsgeschichte dem Nachkriegspublikum vor allem eine zeitgemäße Ideologiekritik vor Augen führen, wie es der Autor Jahrzehnte später seinem Biographen ins Protokoll diktierte: "Der absolute Bibelglaube führte zu einer Ideologie, und auch der Nationalsozialismus war eine Glaubensideologie. Der Glaube an die Rasse, an das Vaterland, die (im Versailler Vertrag geschändete) Ehre (. . .), der ungeheure Schwulst der nationalsozialistischen Ideologie und der groteske Schwulst dessen, was die da glaubten in Münster. Da konnte ich eine Parallele auf das Theater ziehen".
Der Vorwurf der Glaubensabtrünnigkeit evoziert apokalyptische Visionen. Von seinem Frühwerk an war Dürrenmatt besessen von der Darstellung religiös grundierter Endzeit- und Weltuntergangsphantasien, bilderreich beschworener Sint- und Sündfluten, gottesrichterlicher Straftribunale. In seinem zweiten, bald wieder vernichteten Dramenprojekt setzte er sich mit dem Turmbau zu Babel auseinander, der hybriden Herausforderung des Himmels als Auftakt zu irdischem Untergang; aus der Asche des im Kanonenofen verbrannten Stücks stieg später gleich einem gnadenbringenden Phönix sein Drama "Ein Engel kommt nach Babylon" empor.
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