
Der Eiffelturm begibt sich auf die Suche nach dem Turm der Türme, nämlich jenem von Babel. Oder: Ein Uhrmacher kommt in die Hölle und wird vom Teufel auf Dienstreise zurück auf die Erde geschickt - als Frau. Oder: Ein Elefant begibt sich auf eine Reise nach Afrika. Die Geschichten sind voller skurriler Szenen und grotesker Gespräche. Mitunter erinnern sie an die Anfänge der russischen Literatur des Absurden, die bis Gogol zurückreicht, dann wieder kommt dem Leser gar Daniil Charms in den Sinn. Verfasser der unter dem Titel "Der wandernde Turm" nun auf Deutsch (Bertelsmann) vorgelegten Geschichten ist aber - Sergej Prokofjew. Der war bekanntlich Komponist, nicht Schriftsteller.
Obwohl: "Wenn ich nicht Komponist werde, werde ich Autor", soll er in seiner Jugend einmal gesagt haben. Es hätte funktioniert, denn diese Geschichten sind nicht Produkte eines dilettierenden Schreibers, sondern ausgefeilte Erzählungen eines stilistisch versierten Schriftstellers. Damit muss Prokofjew unter die Doppelbegabten aufgenommen werden.
Aber wo beginnt die Doppelbegabung? Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der Schriftsteller Adalbert Stifter und der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy waren auch als Zeichner, Aquarellisten und Maler tätig. Allerdings gehörten Zeichnen und Malen nach der Natur zur bürgerlichen Bildung des 18. und 19. Jahrhunderts. Weder Goethe noch Stifter noch Mendelssohn Bartholdy entwickeln in ihren Bildern eine ähnliche Persönlichkeit wie in ihren primären Begabungen.
Echte Doppelbegabungen sind selten. Victor Hugo ist solch ein Fall: Als Schriftsteller ist er weltweit bekannt, etwa durch den Roman "Der Glöckner von Notre Dame", der heute allerdings mehr durch Kino und Fernsehen ins Bewusstsein dringt als dass er gelesen wird, ein Schicksal, das er mit den verfilmten und vermusicalten "Les Misérables" desselben Autors teilt. In Frankreich wird - zu Recht - Hugos Lyrik ebenso geschätzt, vielleicht findet sich ja einmal im deutschen Sprachraum ein Verlag, der eine kompetente Übersetzung in Auftrag gibt.
Dass dieser Victor Hugo ein Zeichner von außerordentlichem Rang war, gilt immer noch als Geheimnis unter Hugo-Süchtigen. Hugo war eine echte Doppelbegabung, denn die künstlerische Gestaltungskraft von Hugo dem Zeichner gleicht jener von Hugo dem Schriftsteller. Hugos frühe Zeichnungen und Aquarelle sind dabei tief in der Romantik verwurzelt - sie sind handwerklich glänzend gearbeitet, aber noch ist es nichts Außergewöhnliches.
Das tritt ein, als Hugo ins Exil geht, weil er mit Louis-Napoléon Bonaparte, der sich am 2. Dezember 1852 als Napoléon III. zum Kaiser ausrufen lässt und den er spöttisch "Napoléon le Petit" (Napoleon der Kleine) nennt, nichts zu tun haben will. Als Exil wählt Hugo die Kanalinseln Jersey und später Guernsey - hier entstehen die Romane "Les travailleurs de la mer" (die Arbeiter des Meeres), "L’Homme qui rit" (der lachende Mann) und "Quatre-vingt-treize" (1793) und jene Zeichnungen, die Neuland sind: Hugo bildet nicht mehr nur die Natur ab, sondern löst ihre Formen bis zur Abstraktion auf. Aus zufälligen Flecken von Farbe oder Kaffee auf dem Papier entwickelt er seine Motive.
E.T.A. Hoffmann definiert die romantische Oper
Als malerisch-schriftstellerisch Doppelbegabter ist Hugo nur noch dem Engländer William Blake vergleichbar, der seine Visionen in Dichtungen und Bilder umsetzte, deren Seltsamkeit und unverwechselbare persönliche Sprache auch heute noch faszinieren. Blake, der mit seiner persönlichen Interpretation des Christentums seine Zeitgenossen schockierte, wurde von Aldous Huxley wiederentdeckt: Der mit Rauschgiften experimentierende britische Autor glaubte, in Blakes Streben nach Bewusstseinserweiterung eine Basis für seine eigenen Thesen zu erkennen.
Der andere große Doppelbegabte ist ein Deutscher und heißt Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Seine Novelle "Das Fräulein von Scuderi" mit der zentralen Gestalt des Goldschmieds Cardillac ist die erste psychologisch fundierte Erzählung über einen Serienmörder. Das Dunkle, Abgründige zieht den ausgebildeten Juristen an, viele seiner Werke können als immer noch gültige Modelle für Horrorerzählungen dienen.
Doch E.T.A. Hoffmann tritt auch als Komponist hervor. Neben etlichen Vokal- und Instrumentalwerken komponiert er zwei Singspiele und drei Opern, von denen zumindest "Undine" (das Libretto stammt überraschenderweise nicht von ihm selbst, sondern von Friedrich de la Motte Fouqué) alle Aufmerksamkeit verdient: Hoffmann definiert in dem 1816 uraufgeführten Werk die Ausdrucksbereiche der romantischen Oper, die Subjektivität der Empfindung und einzelne archetypische Motive wirken weiter bis auf Richard Wagner.
Er, Wagner, war ebenfalls eine Doppelbegabung als Komponist wie als Autor. Seine Libretti erheben sich oft in den Rang großer Dichtung, und seine frühe Prosa, etwa die Skizzen aus Paris, sind heute noch lesenswert.
Der sprachmächtigste unter den Komponisten war jedoch Carl Orff. Seiner Überzeugung gemäß, dass Wort und Klang nicht voneinander zu trennen sind, entwickelte er eine sehr persönliche Sprache, die nicht nur seine selbst getexteten Bühnenwerke wie "Der Mond", "Die Kluge", "Die Bernauerin", "Astutuli", "Ludus de nato Infante mirificus" und "Comdia de Christi resurrectione" trägt, sondern auch in seinen autobiografischen Texten hervortritt. Es ist ein ähnlicher Fall wie bei Hugo, Wagner und Hoffmann: Der Künstler manifestiert seine Persönlichkeit in beiden künstlerischen Ausdrucksbereichen als die eines überlegenen Gestalters.
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