Können Metaphern aufklären, oder vernebeln sie die Theorie? Zwar kommt keine Theorie ohne bildliche Veranschaulichungen aus, aber die sind dann - wenn die Theorie sich durchgesetzt hat und verbindlich geworden ist - unauslöschlich und bedingungslos an die Theorie gekettet, und keiner denkt mehr an den Ursprung des Bildes oder der Figur. Beim "Barock" zum Beispiel, oder beim "Biedermeier". Man hütet sich, eine neue Theorie für den bekannten Sachverhalt mit einer anderen Metapher zu erläutern, das würde stören. Dabei wäre ein neuer Blickwinkel oft hilfreich, um alteingefahrene Denkwege in neue Gleise zu lenken.
Im Zusammenhang mit der Theorie des Romans hat Walter Benjamin so etwas unternommen. Im Frühsommer 1931 notiert er:
"Abends mit Speyer ein kleines Gespräch am Kaminfeuer. Wie ich die Flamme um die Holzscheite züngeln sah und wir gerade über einen Roman sprachen, gingen mir beide Gegenstände der Betrachtung in eines zusammen. Auf einmal schien es mir, als stelle die Schichtung der Hölzer das wahre Vorbild der Komposition in Romanen dar: so locker muss die Handlung, so ganz und gar auf Verzehrbarkeit eingerichtet, so sehr das Gegenteil aller architektonischen, geschweige denn monumentalen Konstruktion sein. Die Deutschen freilich haben in ihren Romanen von der Idee der Architektur sich niemals freimachen können."
Lockere Romane
Es ist verlockend, diesen Vergleich weiter zu treiben und an den Romanen der 1920er und 30er Jahre zu erproben. Das Wertesystem würde sich verändern, der Kanon der bedeutendsten Romane der Zeit könnte um einige der beliebtesten erweitert werden. Ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel fände statt, der das Festgefügte gegen das locker Geschichtete austauscht.
Die Sehnsucht des Philosophen nach der Schwerelosigkeit, bisher als Qualität nur dem Feuilleton, etwa von Alfred Polgar, zugestanden, fände ihre Erfüllung in lose aufgerichteten Gebilden, die zwar unter der Gattung "Roman" rubrizieren, aber bisher nur mit dem Beiwort "Unterhaltungs-" geduldet werden.
Bisher beiseite geschoben auch deshalb, weil sie zu einem ansehnlichen Teil von Frauen geschrieben wurden, die zwar in jüngster Zeit von der Gender-Forschung beachtet, aber zugleich über Gebühr mit der Freude an der Wiederentdeckung beschwert wurden. Irmgard Keuns "D-Zug Dritter Klasse" etwa, oder Maria von Peteanis "D-Zug 517", oder Gina Kaus’ "Die Überfahrt" - alles Romane in Zügen oder auf Schiffen, die Zufälligkeit und Flüchtigkeit von Begegnungen zum Inhalt haben.
Das Bild vom Kartenhaus, das während der Lektüre in sich zusammenfällt, ist zu schwach für den Ehrgeiz und das Konzept, mit dem diese Gebilde entworfen wurden. Das Kaminbild Benjamins scheint da besser zu passen. Die Substanz verbrennt beim Lesen, es bleibt nichts über als die wohlige Wärme des prasselnden, sich verzehrenden Feuers. Und auch die vergeht und macht dem Bedürfnis nach einem weiteren Holzscheit Platz.
Immer in Bewegung
Diese Romane sind mit einem voreiligen Urteil ebenso rasch bei der Hand wie mit dessen bedenkenloser Zurücknahme. Die Eigenschaften der Figuren werden scheinbar absichtslos hingetupft, beliebig erfunden, nicht impressionistisch empfunden, sondern eher dekorative Kürzel, abgebrochene Ornamente, wie sie das gleichzeitige "Art déco" entwarf. Plötzliche Begegnungen, absichtslose Abenteuer, keckes Augenspiel, flotte Gespräche, unstete Aufenthalte; immer in Bewegung in zunehmender Geschwindigkeit - nur kein Aufenthalt, nur keine Dauer.
Diese Romane gehören nicht in die für diesen literarischen Zeitraum dekretierte alleinige Schublade "Neue Sachlichkeit". Neue Sachlichkeit meint Abwendung von Psychologismen der Figuren und Expressivität der Sprache, meint Hinwendung zu den reinen, nicht von Eindrücken getrübten Fakten. Sie geht quasi fotografisch von außen an die Dinge heran, die Oberfläche ist das einzig Relevante. Hinter die Dinge kann man nicht schauen. Es zählt nur das Dokumentarische, das sorgfältig "architektonisch" von Anfang bis Ende konstruiert wird.
Davon unterscheidet sich die "Kaminfeuerwerk"-Literatur. Sie ist hitzig, impulsiv, leidenschaftlich, temperamentvoll, spontan, ungestüm, sorglos, sie nutzt Psychologie und Pathos, nimmt sie aber nicht ernst. Dagegen: "Politik wird ausgespart", heißt es in Victoria Wolffs Reiseroman "Die Welt ist blau" (1933).
Nicht nur Frauen haben solche Bücher geschrieben. Hier muss die Rede sein von dem, in dessen Haus und mit dem im Gespräch Benjamin seinen Einfall hatte: Wilhelm Speyer, vor 125 Jahren, am 21. Februar 1887 geboren. Einer der meistgelesenen Autoren "seiner" Zeit, also von 1919 bis 1933. Dann musste er emigrieren, lebte erst fünf Jahre in Österreich im Exil, in der Nähe von Salzburg, dann in Frankreich, dann verarmt in den USA. Zurückgekehrt konnte er, wie so viele, nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Heute ist er kaum mehr bekannt. Auch die extensive Benjamin-Forschung hat ihn nicht wirklich beachtet. Das war einmal anders.
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