
Mexiko-Stadt. Große Trauer herrscht in der spanischsprachigen Welt nach wie vor über den Tod von Carlos Fuentes. Der mexikanische Schriftsteller ist am Dienstag in Mexiko-Stadt im Alter von 83 Jahren gestorben. Der am 11. November 1928 geborene Autor galt als einer der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas. Sein familiärer Hintergrund war der des gehobenen Bürgertums: Sein Vater war Diplomat, zeitweise sogar mexikanischer Botschafter in Washington.
Der Beruf des Vaters brachte es mit sich, dass Fuentes sozusagen ab seiner Geburt auf Reisen war: Geboren wurde der Mexikaner in Panama-Stadt. Danach lernte er Montevideo, Rio de Janeiro, Washington, Santiago, Quito und Buenos Aires kennen. Erst als Sechzehnjähriger betrat er erstmals den Boden jenes Landes, dessen Nation er angehörte.
Fuentes schlug zuerst ebenfalls die Diplomaten-Laufbahn ein und arbeitete in den mexikanischen Botschaften mehrerer europäischer Hauptstädte, ehe er als mexikanischer Botschafter nach Paris entsendet wurde. 1978 demissionierte Fuentes aus Protest gegen die Ernennung des umstrittenen ehemaligen mexikanischen Präsidenten Gustavo Díaz Ordaz zum mexikanischen Botschafter in Spanien.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Fuentes längst einen Namen als Schriftsteller gemacht - und auch die Affären des Schriftstellers, der mit seinem markanten Oberlippenbärtchen und seinem eleganten Auftreten als Inbegriff des Latin Lover gelten konnte, waren legendär: Die zahlreichen Beziehungen, unter anderem mit dem französischen Filmstar Jeanne Moreau und der amerikanischen Filmschauspielerin Jean Seberg, verursachten 1973 das skandalgeschwängerte Scheitern von Fuentes’ Ehe mit der mexikanischen Filmschauspielerin Rita Macedo. Fuentes heiratete daraufhin die mexikanische TV-Journalistin Silvia Lemus.
Neben seiner Arbeit als Autor war Fuentes als Lektor an mehreren amerikanischen Universitäten tätig, ehe er sich nach und nach ins Privatleben zurückzog.
Mythen und Alltagsrealität
In seinen Werken befasste sich Fuentes mit der Geschichte seines Landes im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart. So entwirft Fuentes in "La muerte de Artemio Cruz" ("Der Tod des Artemio Cruz", auch als "Nichts als das Leben", 1962) ein Panorama der bluttriefenden mexikanischen Revolution und stellt die Frage, ob die Opfer sinnvoll waren angesichts dessen, dass die Revolutionsgewinnler zu Macht und Reichtum kommen und die Ideale der Revolution verraten.
Ein Hauptwerk von Fuentes ist "Terra Nostra" (1975), ein so monumentales wie düsteres Weltgemälde. Auf mehr als 1000 Seiten entwirft Fuentes eine Doppelgeschichte Spaniens und Lateinamerikas. Die Handlungsstränge gehen zurück bis in die Antike, die Erzählperspektiven wechseln permanent, Reales und Mythisches vermischen sich zu einem wenn nicht gar zu dem Meisterwerk des magischen Realismus.
Als bester Roman von Fuentes gilt indessen "Los años con Laura Díaz" ("Die Tage mit Laura Diaz"), in dem der Autor die Geschichte Mexikos im 20. Jahrhundert anhand der Biografie einer (fiktiven) Frau erzählt. Die um sie gruppierten Personen und Nebenhandlungen geben Fuentes die Möglichkeit, das Geschehen teils exemplarisch, teils in satirischer Zuspitzung aufzuarbeiten. Obwohl Fuentes als politisch links gilt und aus seinen Sympathien für Gewerkschaften und Minderprivilegierte nie ein Hehl machte, zeigt er auch die Problematik und das Scheitern sozialistischer Utopien.
Ins Kino kam Fuentes mit dem Roman "Der alte Gringo" (1985) über den unter umgeklärten Umständen verschollenen Autor Ambrose Bierce, der 1989 mit Jane Fonda und Gregory Peck als "Old Gringo" verfilmt wurde.
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