Der Weg zur Asche ist weit, von Wien sowieso, aber auch von dem, was die Welt als New York City kennt. Etappe eins, zwanzig Minuten mit dem Boot, Abfahrt vom südlichsten Punkt Manhattans. Die Staten Island Ferry trägt um diese Jahreszeit mit jedem neuen Tag schwerer an Menschen, die Touristenzeit hat begonnen. Sie drängen sich auf den Aussichtsplattformen, fotografieren das Postkarten-New York, die Skyline, die Freiheitsstatue.
Etappe zwei, eine halbe Stunde Fahrt auf der einzigen Zugstrecke, die den Norden der Insel mit ihrer südlichsten Siedlung verbindet: Einfamilienhäuser mit zu großen Garagen, backsteinerne Sozialwohnbauten, kleine Restaurants und Geschäfte, immer wieder Grün, Wiesen, Tümpel, Wälder. Endstation Oakwood Heights,
Etappe drei: eine Viertelstunde Fußmarsch, bis zum Tor von 420 Clarke Avenue. Als Lohn der Blick auf weite, sanft hügelige Felder aus Stein und Gras, auf denen Generationen von mittellosen New Yorker Juden beerdigt sind. Die ersten Armengräber wurden hier in den 1880ern angelegt, bis heute sorgt die Hebrew Free Burial Association (HFBA) als Eigentümer dieses Stück Eilands dafür, dass auch jene Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, die sich kein ordentliches Begräbnis leisten können, eines bekommen.

Vierte und letzte Etappe: eine halbe Stunde Geduldspiel, weil es nirgends einen Plan gibt und auch das HFBA-Büro telefonisch nicht weiterhelfen kann. Ja, man wisse um den Schriftsteller aus Wien, aber leider jetzt nicht genau seinen Platz; man möge sich doch bei der Suche ans Todesjahr halten, danach sei die Mehrheit der Gräber eingeteilt. Die Methodik führt zum gewünschten Ergebnis, auch wenn es am Ende nicht das Jahr, sondern die weithin sichtbaren, tief in den Stein gehauenen Initialen sind, die einen fündig werden lassen. "JS, Our Beloved Son And Dear Brother, Juri Soyfer, Died February 16, 1939, Age 26 Years."
Juri hat ihn mutmaßlich sein ganzes kurzes Leben lang niemand außer den Behörden genannt: zuerst die des Zaren, dann die der Bolschewiken, die der Ersten Republik, die Austrofaschisten und zuletzt die Nazis. Für seine Freunde, für seine Eltern und seine Leser war er der Jura, der er geheißen werden wollte.
Sein Geburtsdatum, 8. Dezember 1912, verschweigt der Grabstein. Heuer wäre Jura Soyfer 100 Jahre alt geworden. Über den Ort, an dem er starb - ermordet wurde -, verrät das Grab ebenfalls nichts: das Konzentrationslager Buchenwald. "Österreichs Büchner" hat Helmut Qualtinger den in Charkiv/Ukraine Geborenen einmal genannt. Eine Übertreibung, gewiss, aber auch Ausdruck einer verlorenen Hoffnung, der Ahnung eines der großen unerfüllten Versprechen nicht nur genuin österreichischen, sondern Weltliteraturschaffens. Ein schreiberischer Universalist, der seiner Jugend zum Trotz in der Lyrik wie auf der Bühne wie in der Prosa daheim war und dessen Werk bis heute in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde.
Die Frage, die bleibt, ist die einer heute zeitgemäßen Einordnung. Ist Jura Soyfer heute wirklich nur mehr von historischer Bedeutung, wie es nicht nur ein Literaturwissenschafter der Zweiten Republik ausgeführt hat, ein Kind und Chronist seiner Zeit, dessen Strahlkraft sich auf ebenjene beschränkt?
Die kondensierten biografischen Fakten: Jura Soyfer wächst in einer bürgerlichen Familie auf, Vater Wladimir Wolf ist Industrieller, der erst, als die bolschewistische Revolution bereits voll in die Gänge gekommen ist, merkt, dass seinesgleichen keine Zukunft mehr in der Heimat hat, und gen Westen flieht. Zuerst landen die Soyfers in Baden, dann im kriegsverheerten Wien, wo der dank ausländischer Gouvernanten multilingual aufgewachsene Sohn (Französisch, Englisch) bereits als Teenager eine Karriere als politischer Schriftsteller einzuschlagen beginnt. Er begeistert sich für den Marxismus, tritt 1927 dem Verband sozialistischer Mittelschüler bei und beginnt für linke Blätter zu schreiben.
Arbeit und Studium an der Uni Wien (Deutsch, Geschichte) bringen ihn unter anderen mit dem Schriftsteller Hans Weigel und dem Schauspieler Leon Askin zusammen, dem damaligen Betreiber des ABC-Theaters, für das er Stücke liefert. Nach dem kurzen Bürgerkrieg schreibt Soyfer den heute nur mehr als Fragment erhaltenen Roman "So starb eine Partei", in dem er den Niedergang der Sozialdemokratie in der Ersten Republik so ironisch wie bitter seziert und so nicht zuletzt seine eigene politische Häutung nachvollziehbar macht (nach den Februarkämpfen 1934 tritt er der KPÖ bei).
Viele Texte sind verschollen
1937 wird er erstmals inhaftiert, das Opfer einer Verwechslung: Die Polizisten glauben in ihm einen hohen KP-Funktionär erkannt zu haben. Als sich der Gefangene als der Schreiberling Soyfer erweist, der Dollfuß, Starhemberg, Schuschnigg und Co. in seinen Werken als faschistoide Kleinbürger vorführt, bewahrt ihn die Aufklärung der Verwechslung nicht vorm Kerker. Der Entlassung folgen ganze 26 Tage in Freiheit. Beim gemeinsam mit dem Juristen Hugo Ebner unternommenen Versuch, auf Skiern die Grenze zur Schweiz zu überqueren, wird Soyfer am 13. März 1938 - einen Tag, nachdem die Truppen Hitler-Deutschlands den "Anschluss" vollzogen haben - festgenommen und landet zunächst in Dachau.
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