
Zwar noch kein "Schneeweißchen und Rosenrot", noch kein "starker Hans" und kein "Hase und der Igel", aber immerhin "Der Wolf und die sieben jungen Geißlein", "Rapunzel", "Hänsel und Gretel", "Das tapfere Schneiderlein", "Rotkäppchen" und "Die Bremer Stadtmusikanten": 200 Jahre ist es her, seit Jacob Ludwig Carl Grimm (1785-1863) und sein Bruder Wilhelm Carl Grimm (1786-1859) den ersten Band ihrer Märchensammlung veröffentlichten. Vom ersten Moment an waren die "Kinder- und Hausmärchen" ein Sensationserfolg. 1815 brachten die Brüder Grimm einen ergänzenden zweiten Band heraus. Fünf Auflagen, jede stets um ein paar Märchen erweitert, folgten 1819, 1837, 1840, 1843 und 1850.
Schon 1803 beginnen sich die Grimms für Märchen zu interessieren. An der Marburger Universität hatten die beiden Jus-Studenten die Schriftsteller und Textsammler Clemens Brentano und Achim von Arnim kennengelernt und waren von ihnen auf das Thema aufmerksam gemacht worden. Von Arnim und Brentano trugen sich gerade mit der Idee, Volkslieder zu einer umfangreichen Sammlung zusammenzustellen. 1806 sollte sie unter dem Titel "Des Knaben Wunderhorn" veröffentlicht werden und der Märchensammlung der Grimms später als Modell dienen.
Besinnung auf Volksgut
Es ist die Zeit der Besinnung auf Volksgut. Die zunehmende Verstädterung, einhergehend mit einer Verfeinerung des Bürgertums, bringt es mit sich, dass mündlich Tradiertes immer öfter als mindere Kunst angesehen wird. Wer in die Stadt geht und sich etabliert, lässt seine Wurzeln und mit ihnen die Überlieferungen hinter sich, leugnet sie bisweilen auch mit Absicht. Zunehmend sinkt das alte Volksgut in Vergessenheit.
Doch im Umfeld der Napoleonischen Kriege erstarkt das Nationalbewusstsein, und vor der realen Bedrohung flüchtet man in die Gefilde der Mystik. In den alten Texten, ob Lied oder Märchen, trifft beides zusammen. Die Menschen suchen nach den ältesten Wurzeln ihrer Nation - und finden sie in Überlieferungen, in denen Alltagsbeschwernisse und altes Wissen zu Magie und Symbol überhöht und archetypisiert sind.
Die Brüder Grimm können mit einem Leserpublikum rechnen, das Volksnähe und nationale Tradition zu schätzen weiß. Dementsprechend stellen sie in der Vorrede des ersten Bandes klar, sie hätten die Märchen "fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Ueberlieferung gesammelt". Eine ihrer Quellen legen sie im zweiten Band offen: eine alte Bäuerin, die "Viehmännin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn".
Die Leser sind begeistert - und ahnen nicht, dass sie einer grandiosen Flunkerei aufsitzen. Die Märchenbrüder erzählen nämlich ein Märchen über die Märchen. Eine Bäuerin als Erzählerin - das passt. Die "Viehmännin" allerdings, Dorothea Viehmann mit vollem Namen, ist eine zwar arme, aber gebildete Schneiderin aus hugenottischer Familie. Das bedeutet einen französischen Bildungshintergrund - und so schleicht sich in die Sammlung deutscher Märchen manch französisches ein, "Rotkäppchen" beispielsweise, das schon in Charles Perraults Sammlung "Histoires ou contes du temps passé" (Geschichten oder Erzählungen aus vergangener Zeit, 1697) zu lesen war.
Übrigens steuert auch eine gewisse Marie Hassenpflug Märchen bei - auch sie keine Bäuerin, sondern eine Kassler Bürgerstochter. Eine andere Beiträgerin ist Dorothea Wild, aus bürgerlicher Familie auch sie - die später Wilhelm Grimms Frau wird. Ebenso lassen die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff und ihre Schwester Jenny den Brüdern Grimm Märchen zukommen. Womit Johann Friedrich Krause einer der ganz wenigen Beiträger aus nicht-bürgerlichem Umfeld ist. Krause, ein pensionierter Soldat, liefert den Grimms mit seinen "Rabauken-Geschichten" Stoff für die Sammlung und erhält von ihnen dafür abgelegte Hosen.
Auch arabische Wurzeln
Bei so vielen gebildeten Bürgern als Beiträgern ist es kein Wunder, dass nicht nur französische Märchen in der Sammlung vorkommen, sondern auch italienische, die Giovanni Francesco Straparola und vor allem Giambattista Basile aufgezeichnet haben, die ihrerseits wieder Anleihen bei arabischen Märchen genommen hatten. Dadurch entsteht der Eindruck, manche Märchenmotive wären gleichsam weltweit verbreitet - dabei geht dieser Eindruck auf die Sammler zurück, die sich nicht scheuen, Märchen anderer Nationen für die eigene zu reklamieren. Den Grimms ist das übrigens völlig bewusst, wie aus einer 1927 gefundenen Handschrift der "Kinder- und Hausmärchen" hervorgeht, in der sie die Herkunft der Märchen, speziell der französischen, expressis verbis anmerken.
Doch das ist nicht das Einzige, was die Grimms sich in ihrer Sammeltätigkeit zugestehen. Die Grimms nämlich greifen in die Erzählweise ein, sie literarisieren sie. Dabei dürften Achim von Arnim und Clemens Brentano ihre Vorbilder gewesen sein, denn diese beiden Dichter griffen in der Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" ebenfalls in die überlieferten Texte ein und dichteten wohl auch manch eines der Lieder selbst. Und auch unter den "Kinder- und Hausmärchen" scheinen sich einige zu verbergen, die keine Überlieferung sind, sondern original Grimm, allenfalls auf der Basis einer Überlieferung.
Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen...
weiter
Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt...
weiter
Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo...
weiter
Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit...
weiter
Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest...
weiter
Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5...
weiter
Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das...
weiter