• vom 03.08.2012, 15:10 Uhr

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Update: 03.08.2012, 15:23 Uhr
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"Zwei, drei Länder haben in mir Platz"

Leopold Federmair


Von Alexander Ginzel und Wenzel Müller

  • Der in Japan lebende österreichische Schriftsteller Leopold Federmair spricht über das Übersetzen, das für ihn mehr Kunst als Handwerk ist - und warum eine Übertragung das Original eventuell auch verbessern kann.

Leopold Federmair: "Übersetzung bedingt einen schöpferischen Umgang mit Sprache. Ein Übersetzer muss zwar keine Geschichte erfinden, aber einen Sinn dafür haben." - © Alexander Ginzel

Leopold Federmair: "Übersetzung bedingt einen schöpferischen Umgang mit Sprache. Ein Übersetzer muss zwar keine Geschichte erfinden, aber einen Sinn dafür haben." © Alexander Ginzel

"Wiener Zeitung": Herr Federmair, Sie haben den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung erhalten - eine Überraschung für Sie?

Leopold Federmair: Es war schon eine Überraschung. Denn Stipendien hatte ich wohl bereits erhalten, doch nie einen richtigen Preis, das ist mein erster. Ich glaube, im Literaturbetrieb gibt es eine gewisse Dynamik: Hast du einmal einen Preis erhalten, folgen die anderen bald hinterher. Manche Autoren werden dabei einfach übersehen - und zu denen gehörte auch ich bisher.

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Wie unterscheidet sich eine gute von einer schlechten Übersetzung?

Für mich ist eine Übersetzung ein schöpferischer, ein sprachschöpferischer Akt, zu vergleichen etwa mit der Arbeit eines Musikers, der sich Partituren vornimmt und sie interpretiert. Nun kann der Musiker die Vorlage gewissermaßen nur "durchziehen" und "korrekt" wiedergeben, das wäre die schlechte Interpretation.

Er kann sich aber auch mit Inspiration an die Arbeit machen, das verspricht schon eher eine gute Interpretation. Auch eine gute Übersetzung lebt gerade von den inspirierenden Momenten, wobei für mich zugleich wichtig ist, möglichst nahe am Original zu bleiben. Die Königsdisziplin der Übersetzung ist gewiss die Lyrik. Hier heißt es, die poetische Kraft auf mehreren Ebenen adäquat zu transformieren: auf der Sinnebene, der Lautebene, der rhythmischen und der Bildebene. Wobei man sich dem Ideal wohl immer nur nähern, es aber nie ganz erreichen kann. Was der Autor durch Eingebung, im Schwung oder auch durch Reifenlassen erreicht hat, muss der Übersetzer durch viel Nachdenken wieder aufleben lassen. Das Gebot zur "Treue" wird gerne belächelt, mir ist es dennoch wichtig.

Information

Zur Person

Leopold Federmair, 1957 in Oberösterreich geboren, studierte Germanistik und Publizistik in Salzburg und war dann jahrelang als Lektor an Universitäten in Frankreich, Italien und Ungarn tätig. Von 1993 bis 1999 lebte er als freier Autor und Übersetzer in Wien, dann drei Jahre in Buenos Aires, bevor er nach Japan ging, wo er heute - nach Aufenthalten in Nagoya und Osaka - in Hiroshima lebt. Er schreibt Romane, Erzählungen, Essays und Literaturkritik, übersetzt aus dem Französischen, Spanischen, Italienischen und Japanischen und unterrichtet Deutsch an einer Universität.
Federmair übersetzte 25 Bücher ins Deutsche, darunter Werke von Francis Ponge, Michel Houellebecq, François Emmanuel, Michel Deguy, José Emilio Pacheco, Ricardo Piglia, Leonardo Sciascia, Ryu Murakami; außerdem Lyrik u. a. von Ugo Foscolo, Juan Ramón Jiménez, Jorge Luis Borges, Giovanni Orelli, Serge Gainsbourg, Juan Gelman für Zeitschriften und Anthologien. Zuletzt hat er den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung 2011 bekommen.
Bisher zwanzig eigene Bücher, zuletzt der Erzählband "Die Ufer des Flusses" (Otto Müller Verlag) und der Essayband "Die Apfelbäume von Chaville. Annäherungen an Peter Handke" (Jung und Jung, erscheint Ende August).

Sie sind Autor, Essayist, Literaturkritiker. Wie kamen Sie zum Übersetzen?

Angefangen hat es schon in der Schule. Ich ging auf ein humanistisches Gymnasium. Im Lateinunterricht mussten wir bis zur nächsten Stunde eine Seite übersetzen - ich beließ es aber nicht bei der einen Seite, ich übersetzte in der Nacht das ganze Buch, das machte mir Spaß. Später kam ich zum Übersetzen durch meine zahlreichen und langen Auslandsaufenthalte. Nach dem Studium ging ich nach Paris. Ich hatte das Bedürfnis, die fremde Sprache und die fremde Kultur genau kennen zu lernen. Ein Mittel war für mich die Lektüre französischer Literatur. So begann ich eines Tages, in meiner Pariser Dachwohnung Mallarmé zu übersetzen, zunächst nur für mich, um das Original besser zu verstehen, an eine Veröffentlichung dachte ich überhaupt nicht.

Wann kam es zu Ihrer ersten Buchübersetzung, die auch veröffentlicht wurde?

Das war Anfang der 90er Jahre. Von Paris war ich nach Sizilien gezogen, wo ich meine erste Frau kennen lernte, eine Argentinierin. Sie studierte Literatur und kannte den mexikanischen Lyriker José Emilio Pacheco sehr gut. Ich schlug Jochen Jung, damals noch Lektor beim Residenz Verlag, vor, Pacheco ins Deutsche zu übertragen. Mit Erfolg. So kam es zu der Veröffentlichung von Pachecos Roman "Der Tod in der Ferne" - die Übersetzung machte ich zusammen mit meiner Frau. Uns kam entgegen, dass die Frankfurter Buchmesse damals gerade Mexiko als Schwerpunkt hatte. Bei der nächsten Übersetzung kam der Vorschlag nicht von mir, sondern vom Deuticke Verlag: Ob ich mir nicht Marcel Béalu vornehmen wolle. Der Autor, ein französischer Surrealist, war damals schon 90 Jahre alt. Sein Roman, um den es ging, stammte aus den 50er Jahren: ein düsteres und zugleich funkelndes Werk, ein spätsurrealistisches Meisterwerk, das ich gerne ins Deutsche übertrug: "Die Erfahrung der Nacht".

Man sollte denken, ein Übersetzer hat sich in einem Universitätsstudium die Sprache genau angeeignet, die er ins Deutsche überträgt. Das ist bei Ihnen aber nicht der Fall. Und Sie übersetzen nicht nur aus einer, sondern gleich aus drei Sprachen: aus dem Französischen, Italienischen und Französischen.

Das sind alles romanische Sprachen, da ist es nicht so schwierig, von einer Sprache zur anderen zu wechseln. Sicher, die ersten Übersetzungen aus dem Spanischen machte ich in enger Zusammenarbeit mit meiner Frau, alleine hätte ich das nicht hinbekommen. Nach Sizilien haben wir zusammen in Ungarn gelebt, in einer Kleinstadt. Anfangs unterhielten wir uns noch auf Italienisch, wie wir es gewohnt waren. Doch von Tag zu Tag wurde unser Italienisch schlechter, und so beschlossen wir von einem Tag auf den anderen, nur noch Spanisch miteinander zu reden.

Eine Ihrer nächsten Stationen war Argentinien, und heute leben Sie in Japan. Ist für die Übersetzertätigkeit nicht der dauernde Kontakt mit der deutschen Sprache notwendig?

Das halte ich nicht für unbedingt notwendig. Und verweise dabei gerne auf die Exilliteratur: Erich Fried emigrierte nach England, lebte dort und schrieb trotzdem weiter auf Deutsch. Die frühen Prägungen sind wohl entscheidend. Die deutsche Literatursprache ist in mich regelrecht hineingeschossen, als ich 14, 15 Jahre alt war, und das verschwindet nicht so schnell wieder. Eher verschwindet jetzt im gesetzteren Alter das, was ich mir zuletzt angeeignet habe. Denn das Kurzzeitgedächtnis wird mit dem Alter schwächer, während das Langzeitgedächtnis zum Teil sogar stärker wird. Ich habe also nicht das Gefühl, in dieser Hinsicht beeinträchtigt zu sein. Ich werde oft gefragt, wo meine Heimat sei, welche Wurzeln ich hätte. Ich denke, dass ich von Argentinien sehr viel in mir aufgenommen habe.

Leopold Federmair bei seiner Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, an dem er heuer im Juli teilgenommen hat.

Leopold Federmair bei seiner Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, an dem er heuer im Juli teilgenommen hat.ORF Kärnten Leopold Federmair bei seiner Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, an dem er heuer im Juli teilgenommen hat.ORF Kärnten

Leopold Federmair.

Leopold Federmair.Foto: Alexander Ginzel Leopold Federmair.Foto: Alexander Ginzel




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-03 13:50:12
Letzte Änderung am 2012-08-03 15:23:00


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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