
Wien.Mit ihrem eben erschienenen Roman "Blasmusikpop" ist es der 23-jährigen Vea Kaiser gelungen, in diesem Sommer das Etikett "Shooting Star der heimischen Literatur" zu erwirtschaften. Darin erzählt sie auf 500 Seiten, gemächlich, aber kurzweilig die Geschichte von drei Generationen der Familie Gerlitzen im fiktiven Bergdorf St. Peter am Anger. Die Familienmitglieder unterscheiden sich von den restlichen Dorfeinwohnern doch deutlich - ob jetzt durch die Leidenschaft für Bandwürmer oder für Altgriechisch.
Vea Kaiser: Ich bin ja so ein Sturschädel und Querkopf, ich mache am liebsten, was die anderen nicht machen. Jeder schreibt über die Großstadt, und die Dorfromane meiner Generation sind ein bisschen so, wie Josef Winkler das schon viel besser gemacht hat. Das Thema "Dorf kaputthauen" war aufgebraucht. Ich war eine Zeit lang in Deutschland, da gibt es ein ganz anderes Denken. Wir haben eine stärkere Verwurzelung mit Orten, ich war immer fasziniert davon, wie sich am Freitagabend am Westbahnhof die Studenten sammeln und mit ihrer dreckigen Wäsche nach Hause fahren.
Sie sagen von sich selbst, dass Sie nur Wanderwege gehen, die Sie mit Ballerinas bewältigen können. Dafür ist die Bergwelt aber recht anschaulich beschrieben ...
Beim Wandern hat sich mir der Sinn nie erschlossen. Ich habe nie verstanden, warum man wo hinaufgeht, damit man nachher hinuntergeht. Ich habe auch eine wahnsinnig starke Pollenallergie. Für das Buch habe ich viel recherchiert, vor allem in Bildbänden, damit ich da unversehrt davonkomme. Ich war bei meinen Großeltern und habe mir im Fernsehen angeschaut, was die sich anschauen. Sepp Forcher und so, und habe notiert, was die Leute über Kräuter und Wolkenformationen sagen.
Anachronistischer als der Schauplatz Dorf ist das Plädoyer für das Altgriechisch.
Ich habe gerade gelesen, dass es in Deutschland für Latein so eine immense Nachfrage gibt. Die Eltern denken sich in dieser vernetzten Zeit, dass es den Kindern nicht schadet, so etwas Anachronistisches zu lernen, auch die alten Werte, sozusagen "back to the roots". Auch Hollywood hat in letzter Zeit das Altgriechisch entdeckt, die machen das halt trashy und verwurschteln alles. Auch bei "Prometheus" kürzlich wurden ja griechische Motive aufgegriffen. In Griechenland selbst soll die antike Literatur so boomen. Das ist wichtiger denn je, Europa zerbröckelt und es schadet uns allen nicht, wenn man sich diese Anfänge vergegenwärtigt.
Und warum sind die Griechen interessanter als die Römer?
Um Gottes Willen, die Römer! Wer liest Vergil, wenn er Homer lesen kann? Die Römer waren eigentlich ein barbarisches Kriegsvolk, die haben ja außer Ovid und der Thermen- und Landhauskultur keine eigene kulturelle Leistung vollbracht, keinen Kunstgegenstand geschaffen, nur Kopien von hellenistischen Vorbildern. Vergil hat nichts anderes gemacht, als Homer abzukupfern, aber eben langweilig, spröde, martialisch. Meine persönliche Tragik ist, dass ich Latein besser kann als Griechisch. Bei Griechisch muss ich strebern ohne Ende. Was tut man nicht alles für die Liebe.
Sie haben in der Schulzeit bei Sprach-Olympiaden mitgemacht, macht einen eine Griechisch-Olympiade zum besseren Menschen?
Ich habe dort festgestellt: Ich bin gar nicht so ein Alien, es gibt auch andere und es gibt ein Mutterschiff. Ich war in der Schule die Einzige, die das aus purer Liebe gemacht hat, und bei den Olympiaden waren dann auch andere, und wir sind abends zusammengesessen und haben Hexameter geschrieben. Beim Fortgehen in St. Pölten in der Großraumdisco kann man ja nicht sagen: "He, ich find Homer gut und Du?"
Ihr Roman liest sich ein bisschen wie ein "Entschleunigungsurlaub".
Ich mag die Kultur des "Schnell schnell" nicht. Ich lasse mich nicht gern von der Gesellschaft und der Welt stressen. Ich mag das verdichtete Erzählen auf 200 Seiten nicht, beim Lesen taucht man in eine Welt ein und kaum ist man drinnen, ist das Buch aus - ich fühle mich da immer verarscht. Ich liebe 800-Seitenschmöker. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Vierpersonenkammerspiel auf 180 Seiten und einem 120-Personen-Generationenroman von Doderer, ich nehme immer den Doderer. Das geht mir auch so bei Filmen, die hasse ich, ich kann mit dem Medium nichts anfangen, das Abgeschlossene deprimiert mich. Wenn ich etwas ansehe, dann Serien. Ich habe jetzt eine Phase "Gossip Girl" hinter mir. Das ist auch eine große aristotelische Tragödie, die aristotelische Forderung: "Der Held zerbricht an seinen Taten", das ist bei "Gossip Girl" grandios umgesetzt. Aristoteles ist sowieso einer der großen Säulenheiligen in Hollywood, die Drehbuchschulen sind ganz stark von der Poetik des Aristoteles geprägt.
Wie stark greifen Schreibschulen bei jungen Autoren wie Ihnen ein?
Mir wurde von Humor abgeraten. Gerade bei solchen Förderprogrammen muss man reflektieren, dass der, der das sagt, auch nur ein Leser ist, in der Literatur sind wir ja alle unobjektiv. Ich kenne auch Kollegen, die sich jedes Wort zu Herzen nehmen, die sind dann stecken geblieben. Man muss schon revoluzzerartig angelegt sein. In der deutschsprachigen Literatur ist ein lustiges Buch ja schnell unter Generalverdacht. Sigrid Löffler hat zum Beispiel einen vernichtenden Verriss über mein Buch geschrieben. Die hat sich selbst geekelt, dass sie sich beim Lachen ertappt hat.
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