
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hält das Altwerden für fürchterlich. "Lassen sie sich nichts von Altersweisheit oder Altersmilde erzählen. Das ist sentimentales Geschwätz", sagte der 92-Jährige dem Focus. Man stehe einem "übermächtigen Gegner" gegenüber. "Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis sie uns schließlich ganz auslöscht", sagte Reich-Ranicki dem Magazin.
Nach dem Tod seiner Frau Teofila im vergangenen Jahr sei ihm der Gedanken an den Tod indes nicht nähergekommen. "Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen", sagte er. "Noch näher kann er nicht kommen." Die Religion könne ihm keinen Trost spenden. "Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken", sagte er. Religion sei wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübe und bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lasse. Auch die Literatur könne nicht helfen. "Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertig werden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend."
Auf die Frage, ob er etwas in seinem Leben verpasst habe, sagte der 92-Jährige dem Magazin, es gebe immer etwas, das man versäumt habe. "Zumal in sexueller Hinsicht."
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