Bis er 25 Jahre alt war, hat Jussi Adler-Olsen immer damit angegeben, dass er schon in der schönen Stadt mit dem Riesenrad war. Bis ihn seine Mutter zur Seite nahm und sagte: "Nein Jussi, da warst du noch nie. Du kennst Wien nur von Filmen." Am Dienstag liest der derzeit bestverkaufende Thrillerautor bei der "Kriminacht" in Wien aus seinem neuen Buch "Verachtung". In der Stadt, die Jussi Adler-Olsen lange für die romantischste der Welt gehalten hat - eben wegen der Filme, die einmal die Woche in der psychiatrischen Klinik seines Vaters gezeigt wurden: "Sissi, ja, aber auch noch viel Schlimmeres", sagt er und lacht.
Humor, den schätzt er auch an den Österreichern: "Humor ist wirklich keine Selbstverständlichkeit in Europa. Aber ihr könntet noch daran arbeiten, was wir Dänen am besten können: über sich selbst lachen." Ein gut gelaunter Rat vom Mann, den die dänische Buchbranche als ihren Retter feiert. Er hat mit "Verachtung" den vierten Teil einer zehnteilig angelegten Reihe über Kommissar Carl Mørck vorgelegt. Mørck ist Chef des Sonderdezernats Q, das ungelöste Fälle wieder aufgreift. Mit seinem mysteriösen syrischen Assistenten und seiner Sekretärin wurde Mørck im Keller des Kommissariats verräumt.
Nicht nur die Figur der Sekretärin, die je nach Gemütslage die Identität wechselt, zeigt, dass Adler-Olsen stark vom Erfahrungsschatz, den ihm sein Vater vermittelt hat, profitiert. Den Namen Mørck etwa trug ein Mörder, den der kleine Jussi als freundlichen Patienten kennengelernt hat - er bekam von ihm sogar einmal ein Kätzchen geschenkt.
Auch die Geschichte, die im Mittelpunkt von "Verachtung" steht, verdankt er seinem Vater. Der hat ihm immer, wenn die Familie mit der Fähre an der Insel Sprogø vorbeigefahren ist, erzählt, was sich dort abgespielt hat. Dort wurden junge Frauen, denen man Promiskuität und geistige Zurückgebliebenheit vorgeworfen hat, gegen ihren Willen sterilisiert.
Dänemark und die "rassische Hygiene"
Nach dem Erscheinen des Buches in Dänemark stellte sich heraus, dass diese Vorgehensweise keineswegs bekannt war. Dänemark musste verdauen, dass auf Sprogø Verbrechen geschehen sind, die man nur Nazi-Deutschland und Stalin-Russland zutraut: "Und wir waren sogar früher dran mit der ‚rassischen Hygiene‘", sagt Adler-Olsen. Eine geschockte Gesundheitsministerin versprach den noch lebenden Opfern Entschädigungen. Jussi Adler-Olsen sah das skeptisch: "Ich sagte nur: Schauen wir mal. Natürlich hat bis heute keine der Frauen eine Krone gesehen." In dem Roman setzt eine fremdenfeindliche Partei die Sterilisierungspolitik von Sprogø (die Anstalt wurde 1961 geschlossen) nach ihrer Ideologie fort.
Tatsächlich sei man in Dänemark aber eher entspannt, was Xenophobie und Rassismus angeht, erzählt Adler-Olsen: "Wie überall hat der Mittelstand zwar Angst. Es ist auch sicher so, dass die Einwanderung bei uns gestoppt werden muss - ganz einfach, weil wir ein zu kleines Land sind. Wir können uns, wenn wir unsere sozialen Standards behalten wollen, nicht mehr Arbeitslosigkeit und mehr Kriminalität leisten. Ich persönlich finde, dass die Immigranten das Leben in Dänemark bunter gemacht haben. Wir sind plötzlich auch ein bisschen New York."
Die Filmrechte an der Mørck-Serie sind schon verkauft - an die Filmfirma von Lars von Trier. Das ließ der Autor nur unter der Bedingung zu, dass Von Trier nicht selbst Regie führt. Er kennt den Provokateur noch vom Filmstudium: "Lars ist ein netter Kerl. Aber ich finde, die Geschichten sind schon dunkel genug, in seiner Regie würden sie zu grauenvoll werden, da hat er zu wenig Humor."
Die Biografie des 62-Jährigen ist abwechslungsreich. Er studierte Medizin, Politische Geschichte und Film, war Rockmusiker und betrieb einen Comicladen. Er war auch Koordinator der dänischen Friedensbewegung und Aufsichtsrat in Energiefirmen, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Dazwischen renoviert er Häuser und komponiert - ist es denn wirklich gewährleistet, dass er nicht das Interesse verliert, bevor alle zehn Mørck-Teile fertig sind? "Ach, es gibt immer etwas Interessanteres. Aber das Projekt zieh ich durch, da müssen sich die Leser keine Sorgen machen."
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