• vom 28.09.2012, 15:25 Uhr

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Kranke mit der Syntax heilen


Von Jeannette Villachica

  • Nicht die Wirklichkeit, sondern das, was man nicht sehen kann, reizt Marica Bodrozic. Eine Begegnung mit der in Dalmatien geborenen und in Berlin lebenden Schriftstellerin.

Neulich fühlte sie sich wie in der Fernsehserie "Seinfeld", genauer wie in der Folge mit dem "Suppen-Nazi". "Kennen Sie die?", fragt Marica Bodrožić in ihrer zugewandten, überschwänglichen Art. "Ein unglaublicher Humor!" In der "Suppen-Nazi"-Folge schreit der Chef einer Suppenküche Gäste, die sich nicht an seine Bestellregeln halten, an: "Keine Suppe für Sie!" Neulich erging es ihr ähnlich in einem koreanischen Imbisslokal, in welches sie gern geht, weil das Essen dort so gut ist; die Besitzerinnen seien aber speziell: Zwei extrem christliche Koreanerinnen, sehr streng: "Auf der Speisekarte muss man sich durch Bibelsprüche arbeiten. Und es kommt nicht oft vor, dass sie gemein sind, aber das letzte Mal hat mich die eine angeblafft: ,Die Suppe braucht ihre Zeit!‘, als ich gefragt habe, wie lange es noch dauert." Das hat sie an "Seinfeld" und irgendwie auch an ihre katholische Kindheit erinnert.

"Für mich ist die Sprache nicht nur die Farbe, sondern auch der Pinsel": Marica Bodrozic.

"Für mich ist die Sprache nicht nur die Farbe, sondern auch der Pinsel": Marica Bodrozic.Marko Lipu "Für mich ist die Sprache nicht nur die Farbe, sondern auch der Pinsel": Marica Bodrozic.Marko Lipu

Viele Lebensstationen
Das große Café-Restaurant mit dem dunklen Holzinventar und der weißen Tischwäsche, wo Marica Bodrožić diese Anekdote erzählt, liegt in der Nähe ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg. Berlin ist seit zehn Jahren ihre Heimat. Hier lebt die 39-Jährige mit ihrem Mann, hier schreibt sie ihre Gedichte, Erzählungen, Romane und Essays, die vielfach ausgezeichnet wurden. Davor gab es andere Lebensstationen in Zürich, Paris, in Frankfurt am Main, wo sie studierte; im hessischen Taunus, wo ihre Eltern als Gastarbeiter rund um die Uhr arbeiteten und sie und ihre Geschwister ihre Mutter oftmals zu deren Jobs begleiteten. Und eine Kindheit in Dalmatien, heute Kroatien, wo sie dachte, dass alle Menschen Reisende seien, weil viele aus ihrem Dorf in alle möglichen Länder aufgebrochen waren.

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Während ihre Eltern in Deutschland Geld verdienten, wuchs Marica bei ihrem Großvater auf. "Er war Glöckner, aber auch Koch bei den Partisanen und hat immer über den Priester geschimpft, weil der eine Freundin hatte." Sie lacht ihr für eine zarte Person überraschend kräftiges Lachen. "Als Kind fand ich es ungemein faszinierend, wie mein Großvater in der kleinen Kirche die Glocken geläutet hat; und manchmal, wenn die Sommerluft flimmerte, hatte ich das Gefühl, er hebt mit der Glocke ab, wird für einen Moment Teil der Lüfte. Er war ein kleiner, dünner Mann."

Information

Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2012. 220 Seiten, 20,60 Euro.

Auch wenn sie heute nicht mehr Mitglied der katholischen Kirche ist - die "tiefen Erfahrungen der sakralen Räume", das Interesse daran "und an allem, was mit dem Leben zu tun hat" sind ihr geblieben.

Das Studium von Kulturanthropologie und Ethnologie, Slawistik und der Theorie der Psychoanalyse hat Bodrožić und ihre Literatur sehr geprägt. "Bei den Slawisten die Literatur und die Sprachen, bei den Kulturanthropologen die Kultur, das Leben, und bei der Psychoanalyse der Blick nach innen." Den Blick nach innen richtet auch Arjeta, die Erzählerin in ihrem neuen Roman, "Kirschholz und alte Gefühle".



Marica Bodrožić lässt sich mittels ihrer Mädchen- und Frauenfiguren gerne durch ihre eigene Vergangenheit treiben. Sie schreibt sehr sinnlich über die Landschaften, Gerüche, Geräusche und Gesichter ihrer Kindheit und Jugend, über Heimatverlust, Erinnerungen und Gedächtnislücken, über Liebe, Distanz und die Ankunft in einem neuen Leben.

Arjeta lebt seit fünf Jahren in Berlin, aber erst die Wohnung, die sie soeben bezogen hat, wird ihr im Laufe des Buchs zur Heimat. Bisher steht nur der Kirschholztisch ihrer Großmutter darin, darauf ausgebreitet alte Fotos, die Arjeta in einem langen Gedankenfluss in die Vergangenheit tragen. Nach Paris, wo sie eine enge Freundschaft mit Hiromi und ihrer alten Freundin Nadeshda verband, wo sie Silva traf, die in die USA weiterzog, bevor Arjeta erfuhr, was ihr in der Heimat zugestoßen war. In Paris, der Stadt der Liebe und dem Sehnsuchtsort vieler Osteuropäer, war es auch, wo sie jahrelang in der zerstörerischen Liebe zu Arik gefangen war.

Zwischendurch führen Arjetas Gedanken in die Gegenwart zurück oder in "die belagerte Stadt", wo sie aufwuchs, die sie kurz nach Kriegsausbruch verließ, weil sie sowieso in Paris studieren wollte, wo ihre Zwillingsbrüder umkamen, wo ihr Vater starb und ihre Mutter buchstäblich über menschliche Gehirne gehen musste . . .

Dass dieser Bewusstseinsstrom nicht langweilig wird, liegt weniger an den Charakteren, die in ihren Handlungen und im Umgang mit anderen Menschen eher blass wirken. Arjeta ist ein sehr verschlossener, passiver Mensch, der ungern spricht. Ihre emotionale Starre löst sich höchstens beim Ablick von Vögeln oder Bäumen vor ihrem Fenster, beim Gedanken an die Sommer bei ihrer Großmutter in Istrien oder wenn Nadeshda, die sie nach Berlin geholt hat, mit ihrem kleinen Sohn auf Besuch kommt. Dass Arjetawenig greifbar wird, liegt auch daran, dass Marica Bodrožić geheimnisvolle Momente liebt. "Momente, in denen wir auf einen Raum in uns zurückgreifen müssen, der die Schnittstelle ist zwischen der logischen, bewussten Welt und jener, die wir alle in einem wunderbaren Chaos auch in uns tragen."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-27 18:57:20
Letzte Änderung am 2012-09-28 15:21:00


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