Man muss J.K. Rowling auch irgendwie verstehen. Es gibt nicht allzu viele Präzedenzfälle. Karl May zum Beispiel musste sich noch keine ausgeklügelte PR-Strategie überlegen, wenn er mal keinen Winnetou-Roman geschrieben hat. Aber wer eine dermaßen beispiellose Karriere in der Belletristik vorzuweisen hat wie die Schöpferin des berühmtesten Zauberlehrlings nach Goethe und Walt Disney, der muss schon mit gehörigem Erwartungsdruck rechnen. Möglicherweise hat der Verlag seiner Autorin auch keinen großen Gefallen getan, als er diese Erwartungen noch in lichte Höhen katapultiert hat mit einer lächerlichen, aber wirkungsvollen Geheimhaltungstaktik.
In einem, genauer gesagt dem einzigen Interview, das sie vorab gegeben hat, erzählte sie dem "Guardian", dass sie schon überlegt habe, ihr erstes Post-Harry-Potter-Buch unter einem Pseudonym zu schreiben. "Das erschien mir aber dann doch zu feige." Und sie gab sich zuversichtlich: "Es kann nicht viel Schlimmeres passieren, als dass gesagt wird, das Buch ist schockierend schlecht."
Junkies in Backstein-Idylle
Gut, so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Andererseits: Jeder, der sich heuer schon durch das Bestseller-Phänomen "Shades of Grey" gequält hat, sagt schnell einmal: So schlimm ist es auch wieder nicht. In "Ein plötzlicher Todesfall" (Carlsen, Originaltitel "The Casual Vacancy") hat sich Rowling jedenfalls wirklich deutlich vom Fantasy-Genre entfernt. Doch so nahe an die Realität, wie sie offenbar wollte, hat sie es dann doch nicht geschafft.

Der Roman beginnt titeltreu mit einem Aneurysma, das Gemeinderat Barry Fairbrother niederstreckt. Kaum ist seine Leiche kalt, beginnt der Wahlkampf um seinen Platz in der Gemeinde Pagford. Die ist nämlich gespalten: Auf der einen Seite stehen die, die sich für die Sozialsiedlung inklusive Methadonklinik am Rande des Dorfs einsetzen, auf der anderen Seite stehen jene, die sich die Backstein-Idylle aber sicher nicht mit Junkiespritzen und Gesindel besudeln lassen wollen. Barry war einer, der sich für die Integration der sozial Schwachen einsetzte. Insofern wird sein Tod von einer ganzen Menge Pagforder nicht nachhaltig betrauert - was sie, wie es sich in einem anständig heuchlerischen Dorf am Lande gehört, nicht davon abhält, mit verquollenen Augen bei seinem Begräbnis zu sitzen.
In der Folge beschreibt Rowling die zwei sozialen Hemisphären dieser Countryside-Welt: Auf der einen Seite die saturierten Pagforder, deren einziges Trachten darin besteht, den Status quo zu bewahren, und die dabei großzügig ihre eigenen Unzulänglichkeiten im Zwischenmenschlichen übersehen. Auf der anderen Seite die junge Krystal Weedon, die mit ihrer drogenabhängigen Mutter und dem verwahrlosten dreijährigen Bruder Robbie in der verhassten Sozialsiedlung Fields lebt. Rowling schildert die schmutzige Situation dieser Familie nicht unbeklemmend, man hat aber schon Authentischeres in jedem beliebigen "Tatort" erlebt.
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