• vom 01.10.2012, 16:49 Uhr

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Update: 01.10.2012, 17:16 Uhr
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Ernesto Quinoñez ist einer der berühmtesten Latino-Schriftsteller der USA

Der Autor nach den Hundstagen


Von Klaus Stimeder

  • Vom Hundedieb zum erfolgreichen Roman-Autor und Uni-Professor.

Ernesto Quinoñez hielt sich als Jugendlicher mit kleinen Gaunereien über Wasser. Heute ist er ein Autor von Weltruhm.

Ernesto Quinoñez hielt sich als Jugendlicher mit kleinen Gaunereien über Wasser. Heute ist er ein Autor von Weltruhm.© Johnny Pérez Ernesto Quinoñez hielt sich als Jugendlicher mit kleinen Gaunereien über Wasser. Heute ist er ein Autor von Weltruhm.© Johnny Pérez

Nicht, dass er die Sache mit den Hunden bereuen würde. "Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben. Wir haben ja immer gut auf sie aufgepasst." Weil, es ging damals ja rein ums Überleben. Naja, ein bisschen zumindest. "Okay, es hat auch Spaß gemacht." Der Beruf des Schriftstellers hat, wie jeder andere, Vor- und Nachteile; einer der Vorteile besteht darin, dass man selbst seine Jugendsünden zu Geld machen kann, wenn man sie in Erzählungen verpackt, die sich verkaufen lassen. Wie eben die Sache mit den Hunden. "Wir waren meisten zu zweit oder dritt, meine Freunde und ich." Spanish Harlem aka El Barrio, ein Herbstnachmittag, irgendwann Anfang der Achtzigerjahre. Zwei Burschen, beide noch keine 15 Jahre alt, überschreiten die 96. Straße Richtung Süden, die Grenze zur angrenzenden Upper East Side. Ein Übergang von einer New Yorker Welt in die andere, zwischen dem von Latinos und Schwarzen dominierten Armenviertel und dem traditionellen Ghetto der weißen, wirklich reichen Bewohner der größten Stadt Amerikas. Ein paar Blocks die Lexington Avenue rauf, "nicht zu weit, falls etwas schiefgehen sollte".

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Dabei ist es weder lange her noch sei der Sohn eines ecuadorianischen Kommunisten und einer schwer religiösen Mutter aus Puerto Rico der Einzige gewesen, der damals auf die Idee gekommen sei. "Es war eine andere Zeit, eine andere Mentalität." An ihrem Ziel angekommen, "meistens vor einer Bäckerei, oder vor einem Schönheitssalon", legen sich die Buben auf die Lauer. "In der Regel hat es keine zehn Minuten gedauert, bis eine Frau mit ihrem Hündchen daherkam, das sie nicht mit den Laden nehmen konnte und am Pfosten eines Straßenschilds angebunden hat. Wir warteten, bis wir sicher waren, dass sie in den nächsten paar Minuten nicht herauskommen würde. Dann musste alles ganz schnell gehen." Rüber über die Straße, die Schere ausgepackt, ein kurzes Wimmern und dann laufen, laufen, laufen, Richtung Norden, nach Hause, ins Barrio.

Spätestens an diesem Punkt hat der Zuhörer unwillkürlich das Bild hunderter Ivy-League-Studenten vor Augen, der Elite der amerikanischen Studentenschaft, die sich fragen, wie es der Herr Professor geschafft hat, Herr Professor zu werden. Und inwieweit das, was er in seinen Büchern schreibt, mit seinem Leben zu tun hat. Der Autor von "Bodega Dreams" (2000), das längst landesweit in den Kanon der Schul- wie Hochschulliteratur aufgenommen wurde, ein Hundedieb?

Ernesto Quinoñez ist sich dessen bewusst, und er hat eine kaum verhohlene, diebische Freude daran. Der Gedanke, dass es sich bei den Opfern um eine der Mütter oder Großmütter seiner Studenten handelt, ist nicht wirklich weit aus der Welt. Die 1865 gegründete Cornell University ist eine der altehrwürdigsten und prestigeträchtigsten Alma Maters der amerikanischen Ostküste. Nachdem der 43-Jährige dort
Mitte des vergangenen Jahr-zehnts zum Associate Professor für Literatur berufen wurde,
hat Quinoñez die meiste Zeit berufsbedingt in Ithaca in Upstate New York verbracht, die sie beherbergt.

Der Literatur-Star bleibt dem Latino-Viertel treu
Nachdem das mit der Assimilation in der Kleinstadt aber nicht so wirklich hinhaute und er zudem mithelfen wollte, seine in New York City lebende kleine Tochter aufzuziehen, hat er sich Ende der Zehnerjahre ein Apartment im afroamerikanisch dominierten Teil von Harlem gekauft. "Aber irgendwann möchte ich wieder ins Barrio zurückkehren. Ich gehöre hierher." Es wäre die Erfüllung eines der ultimativen Klischees: das des Täters, der immer wieder an den Tatort zurückkehrt, weil er nicht anders kann.

"Wir haben die Hunde nie länger behalten als vier, fünf Tage. Wir haben gut für sie gesorgt, sind Gassi gegangen, haben sie gefüttert. In der Zwischenzeit ist immer einer von uns rauf auf die Upper East, um Ausschau nach den Suchplakaten zu halten. Wir mussten nie lange darauf warten. Die Leute lieben ihre Viecher." Der Ablauf, der dann folgte, sei immer derselbe gewesen. "Wir haben die Nummer auf den Plakaten angerufen und einen Treffpunkt ausgemacht. Dann haben wir meinen kleinen Cousin rausgeläu-
tet. Der war damals gerade so zehn und ein ausgesprochen
süßes Kind. Für unsere Zwecke perfekt."

Zurück auf der Upper East Side trafen die Burschen ihre Opfer - die sie mit Geld überschütteten. "Naja, unsere Story klang glaubhaft: ,Ma’am, wir haben ihren Hund gefunden und geglaubt, dass er ein Streuner ist. Aber nachdem wir die Suchplakate gesehen haben, haben wir Sie natürlich sofort angerufen. Aber, Sie müssen verstehen: Unser Cousin hat sich in den Hund verliebt, er will ihn nicht mehr hergeben. Es würde ihm das Herz brechen.‘" Die Hundebesitzerinnen gaben sich ausnahmslos gerührt; so viel Ehrlichkeit und Mitgefühl, und das von diesen armen Kindern, die in diesem furchtbaren Slum leben müssen. Der Öffnung des Herzens folgte verlässlich die der Brieftasche.

Geschichte der USA ist Geschichte der Einwanderer




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Autoren, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-01 16:56:12
Letzte Änderung am 2012-10-01 17:16:10


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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