• vom 05.10.2012, 13:51 Uhr

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Update: 05.10.2012, 14:04 Uhr
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"Vollfettstufe des Erzählens"


Von Shirin Sojitrawalla

  • Salman Rushdies Autobiografie, "Joseph Anton", handelt hauptsächlich von den 13 Jahren, die er mittlerweile unter Polizeischutz steht, aber auch von seinem Leben davor.

Gegen Ende landet der Autor der satanischen Verse in der Stadt der Engel. Doch auch in Los Angeles findet Salman Rushdie die Liebe nicht, und die Freiheit auch nicht. Heute lebt er in New York und firmiert als der berühmteste Autor der Welt. Eine zweifelhafte Auszeichnung, weil sie sich nicht den großartigen Werken dieses Autors verdankt, sondern in erster Linie seiner jahrelangen Verfolgung und Bedrohung.

Erzählt in seiner Autobiografie von der Verwandlung in ein zweites Ich namens "Joseph Anton": Salman Rushdie.

Erzählt in seiner Autobiografie von der Verwandlung in ein zweites Ich namens "Joseph Anton": Salman Rushdie.© EPA Erzählt in seiner Autobiografie von der Verwandlung in ein zweites Ich namens "Joseph Anton": Salman Rushdie.© EPA

Ausgerechnet am 14. Februar 1989, einem Valentinstag, erfährt Salman Rushdie, dass der sterbenskranke Ayatollah Khomeini ihn mittels einer sogenannten Fatwa zum Tode verurteilt hat. Der Grund? Ein Roman, einer seiner besten: "Die satanischen Verse". Rushdie kann zuerst nicht glauben, was ihm geschieht. Islamisten werfen ihm vor, den Koran sowie den Propheten persönlich beleidigt zu haben. Ein Sturm der Entrüstung bricht los. In der ganzen Welt gehen Gotteskrieger auf die Straßen, protestieren gegen Rushdie, verbrennen ihm mehr oder minder ähnelnde Puppen - und schließlich auch sein Buch.

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Jetzt schreibt Salman Rushdie zum ersten Mal ausführlich über diese Zeit und sein zweites Ich, Joseph Anton. So lautete sein Deckname in all den Jahren, die er unter Polizeischutz sein Leben fristete. Joseph wie Joseph Conrad und Anton wie Anton Tschechow. Zwei seiner literarischen Hausgötter. Von sich selbst spricht Rushdie in seiner Autobiografie nur in der dritten Person. Das wirkt zuweilen, als spreche er von einem Fremden, was durch die Aufspaltung seiner Biografie in Salman Rushdie und Joseph Anton mehr als plausibel schiene.

Information

Salman Rushdie: Joseph Anton.
Die Autobiografie. Aus dem Englischen von Verena von Koskull und
Bernhard Robben. C. Bertelsmann Verlag, München 2012, 705 Seiten, 25,70
Euro.

In dritter Person
Beim Lesen stiftet das personale Erzählen zuweilen Verwirrung, weil man nicht weiß, welcher "er" jetzt gemeint ist. Die dritte Person macht Rushdie zudem unnahbar, während ein Ich womöglich eine - wenn auch fiktive - Verbindung zum Leser herstellen könnte. Wahr ist aber auch, dass man mit der Zeit vergisst, dass er nicht in Ich-Form erzählt, so persönlich und intim geraten seine Ausführungen zuweilen. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Jahre der Fatwa, die bis heute nicht offiziell aufgehoben ist, aber laut Rushdie keine Bedrohung mehr für ihn darstellt.

Dieses Ereignis, eine nicht für möglich gehaltene Hexenjagd auf einen einzelnen Autor, überwölbt das Leben Rushdies - und somit auch seine Autobiografie. Dabei zieht er selbst eine direkte Linie von seinem Todesurteil zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Als Sinnbild dient ihm dafür eine Szene aus Hitchcocks Filmklassiker "Die Vögel", in der sich auf einem Klettergerüst erst nur ein schwarzer Vogel niederlässt, wo es später vor Vögeln wimmeln wird. Ein Horrorszenario, das sich bei den Anschlägen auf das World Trade Centre in gewisser Weise verwirklichte.

Die Fatwa ist der Fix- und Drehpunkt dieses Buches, doch es gab auch ein Leben davor - und eines mittendrin. Geboren wurde Salman Rushdie 1947 in Bombay in eine konservative, gut situierte Familie, die es sich leisten konnte, ihr ältestes Kind und ihren einzigen Sohn mit dreizehn Jahren nach England aufs Internat zu schicken. Aufschlussreich schildert Rushdie seine Emigration, die zur Erkenntnis führt, dass Migration nicht bedeutet, keine Wurzeln mehr zu haben, sondern vielerorts verwurzelt zu sein.

Klug und unsportlich
Zu Beginn seines Auslandsaufenthaltes ist er allerdings noch mit den "Mühen der Selbstwerdung" beschäftigt. Dabei habe er damals im Internat drei Fehler begangen, die man auf keinen Fall begehen durfte: Ausländer sein, klug sein, unsportlich sein. Keine leichte Zeit also für den sehr klugen und sehr unsportlichen Ausländer Rushdie. Er eckte an und versteckte sich in Büchern. Die siebziger Jahre mit ihrem Indien-Faible kamen für ihn dann aber gerade recht. Nach seinem Studium in Cambridge schlägt er sich als Werbetexter durch, schreibt sein Erstlingswerk "Grimus", bevor er seinen Jahrhundertroman "Mitternachtskinder" beginnt.

Darin rückt er der Wirklichkeit mit überwältigender Magie zu Leibe, und zwar in einer Sprache, die sich einerseits der oralen Erzähltradition des Orients anheim gibt, andererseits in der Erzähltradition des Westens bewegt: überbordend, erschöpfend, ausschweifend, komisch, bewegend, scharfzüngig, lustvoll - kurzum: unnachahmlich. Ein Kritiker sprach von der "Vollfettstufe des Erzählens", treffender kann man es nicht sagen. Dieser Stil, der Rushdie bekannt gemacht hat, den er in den "Mitternachtskindern" zum ersten Mal in all seiner Meisterschaft vorführte, zeichnet auch sein autobiografisches Schreiben aus.

Rushdie erzählt nicht geradewegs von A nach B. Er beginnt mit der Fatwa und springt dann hin und her, mal zurück in die Kindheit nach Bombay, dann wieder voraus in Ehen, die geschieden werden. Dabei erweist er sich auch in seinen Memoiren als Meister der Abschweifung, der hier noch eine Anekdote einfügt und dort noch einen Witz loswird.

In seinem Kern ist das Buch die Autobiografie von Joseph Anton, den seine Personenschützer zu Joe verkürzen, was er hasst. Als der Wahnsinn über ihn hereinbricht, notiert er in sein Tagebuch "Ich kämpfe den Kampf meines Lebens." Diesen Kampf kämpft er noch immer, das Buch ist voll von Rechtfertigungen damaliger Auseinandersetzungen, und noch immer merkt man Rushdie sein Bemühen an, die Welt davon zu überzeugen, dass er diesen Kampf nicht um seinetwillen, sondern um der Freiheit des Wortes willen kämpft.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-05 13:56:05
Letzte Änderung am 2012-10-05 14:04:01


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