• vom 03.04.2013, 17:23 Uhr

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Update: 03.04.2013, 17:38 Uhr

Literatur

Rebellisch und modern wie Pippi




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Von Christina Höfferer und Martin Höfferer

  • Die argentinische Kinderbuchautorin und Astrid-Lindgren-Preisträgerin Isol im Gespräch
  • Die Illustratorin über die Wichtigkeit von Fragen und den Hang zum Verrückten.

Gezeichneter Wahnsinn macht Isol keine Angst, sondern Spaß.

Gezeichneter Wahnsinn macht Isol keine Angst, sondern Spaß.© reuters Gezeichneter Wahnsinn macht Isol keine Angst, sondern Spaß.© reuters

Buenos Aires. "Ich werde mich nicht für dich ändern", singt die Argentinierin Isol mit eindrucksvoll verzaubernder Stimme, "La Calandria - Die Heidelerche" lautet der Titel des Liedes, zu hören auf YouTube. Isol ist eine starke, kreative Frau aus Buenos Aires, der Papststadt. Am 27. Mai 2013 wird Isol in Stockholm den Astrid Lindgren Gedächtnis Preis entgegennehmen. Dieser Kinder- und Jugendbuchpreis ist mit 600.000 Euro dotiert. Obwohl die Jury Isols Musik gehört hat, wie der Vorsitzende Larry Lempert erzählte, erhält Isol diese Auszeichnung nicht als Sängerin mit ihrer experimentellen Formation "Sima", sondern als Illustratorin und Autorin von Kinderbüchern.

Isol ist ein Mononym. Es steht für Marisol Misenta, eine dunkelhaarige junge Frau, die ihre Haustüre im Stadtteil Almagro in Buenos Aires öffnet. Dort lebt sie gemeinsam mit ihrem einjährigen Sohn und ihrem Mann, dem Autor Rafael Spregelburd, dessen Stück "Call me God" vor kurzem in Wien zu sehen war.


"Kinder haben ein Recht auf Kultur", sagt Isol. Deshalb macht sie ein Produkt mit hoher Qualität, eines, das die Künstlerin selbst auch konsumieren würde. "Meine Arbeit ist demokratisch, weil ich möchte, dass sie allen zugänglich ist", sagt Isol. Deshalb publiziert sie vor allem in einem mexikanischen Verlag, dem Fondo de Cultura Economica, der ihre Bücher zu einem leistbaren Preis verkauft. "Meine Bücher werden jetzt bekannter werden, das berührt mich am meisten. In Schweden, so weit weg, und mit einer ganz anderen Kultur, wird über das, was ich in Argentinien mache, gelacht. Das ist wie ein Zauber, ein Segen. Meine Personen sind rebellisch und modern, so wie Pippi. Meine Kinderfiguren sind voller Fragen, sie forschen nach, und sie sind nicht perfekt. Es sind Kinder. Das ist gut so."

Lächerliche Schönheit
Isols Kinderbücher sind nicht didaktisch, moralisch oder konservativ. Es ist vielmehr so, dass jeder sich selbst Fragen stellen soll und über manch strenge Dinge lachen, ohne Angst davor, was die anderen denken. Das Buch: "Ein Entlein kann so nützlich sein" kann umgedreht werden, dann heißt es "Ein Mensch kann so nützlich sein" und betrachtet die Beziehung eines Menschen zu einer Gummiente aus der Perspektive der Ente. Sich in die Lage eines anderen zu versetzen, die Perspektive zu wechseln oder auch die Identität, das sind Isols Themen. "Manchmal können schreckliche Dinge passieren, so wie der Prinzessin, der in einem meiner Bücher alle Haare ausfallen. Dann muss man einen absurden Standpunkt einnehmen, um darüber lachen zu können. Denken wir an Lewis Carroll. Wir können über viele ganz bestimmte Ideen lachen, über die Schönheit, zum Beispiel, auch die ist manchmal lächerlich", sagt die Illustratorin.

Isol studierte in Buenos Aires Kunst, sie schrieb Comics und Gedichte in einer sehr alltäglichen Sprache, und sie schöpfte aus Märchen und aus der argentinischen Folklore. Für Isol gibt es nichts, was nur für Kinder wäre. Es gibt viel Absurdes in den Büchern der Argentinierin, die es gut findet, wenn sich jemand irrt. Die Schuld kann nicht einfach den anderen gegeben werden. "Was überrascht, ist, dass in einem Format, von dem wir es uns überhaupt nicht erwarten, Transzendentelles hervorkommt. Gute Kinderbücher waren immer so. Auf einer einfachen Ebene wird eine Kraft deutlich, die viel weiter vordringt."

Eines von Isols Büchern "Petit, el monstruo" handelt davon, was gut und was schlecht ist. Als seine Mutter den kleinen Petit fragt, warum ein so gutes Kind manchmal so böse Dinge tut, weiß er keine Antwort. Immer zu beurteilen, ob ja oder nein, ist für die Autorin mitunter einfach nur bedrückend: "Mir gefällt es, Mitleid mit uns selbst zu haben. Perfekt zu sein ist unmöglich, daher gefällt es mir, darüber zu lachen, was man nicht machen kann. Ich sehe wie die Leute einen Nutzen aus meinen Büchern ziehen, weil diese Bücher befreiend sind!"

Stark sein, nicht rosa
Die argentinische Literatur hat einige Erzähler mit sehr viel Humor hervorgebracht: Julio Cortàzar, zum Beispiel, und Maria Elena Walsh. Die Geschichten von Maria Elena Walsh, die Isol als ein Vorbild zitiert, vermitteln viel Absurdes und Mitleid mit allen Figuren. Hier wird kein Urteil gefällt. Weisheit in der Gestalt eines kleinen Mädchens hat in Argentinien auch Tradition, und zwar seit Mafalda von Quino: "Quino ist für mich ein großer Philosoph. Ich war ein Fan von Quino seit der zweiten Schulklasse. Auch wenn ich die Hälfte nicht verstand, konnte ich sehen, dass er sehr gut war und sehr intelligent. Wenn etwas für Kinder gedacht ist, dann soll es nicht ein kleines rosa Ding sein - Nein! Alles soll stark sein, alles Gute soll hineinfließen, es soll etwas erzählt werden und das gesamte Wissen soll genützt werden, nicht nur ein Teil davon."
Die Schule der visuellen Erzählung ist in Argentinien sehr stark. Durch intensive Bild-Lektüre lernte Isol, wie Text und Bild am besten gemeinsam genützt werden. Oft wird nur auf einer Seite eine Geschichte erzählt. Die Informalisten, die Künstler-Gruppe Cobra und Jean Dubuffet - allesamt haben sie mit ihrem Werk Isol beeinflusst. In der Musik sind die Vorbilder Antony Hegarty und PJ Harvey: "Die Lieder, die mir am besten gefallen, erzählen Geschichten und sie erlauben, diese Geschichten ein wenig zu spielen. Ich sang schon als Schulkind die Kompositionen meines Bruders und klassische Musik. Meine Mutter singt auch. Ich mag das Singen sehr, weil ich meinen Körper benütze, und weil es etwas Theatralisches hat."

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Schlagwörter

Literatur, Autor, Kinderbuch

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Dokument erstellt am 2013-04-03 17:26:03
Letzte nderung am 2013-04-03 17:38:13



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