• vom 14.06.2013, 14:00 Uhr

Autoren

Update: 14.06.2013, 16:34 Uhr

Prekariat

Tag und Nacht auf dem Hochseil




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernhard Kathan

  • Prekäre Lebensverhältnisse prägen die Existenz der Literaten
  • Die Lebenserwartung österreichischer Schriftsteller ist mit 63,69 Jahren erstaunlich niedrig.

Schreiben ist oft auch eine bedrückende und anstrengende Tätigkeit . . .

Schreiben ist oft auch eine bedrückende und anstrengende Tätigkeit . . .© Cartoon: Jugoslav Vlahovic Schreiben ist oft auch eine bedrückende und anstrengende Tätigkeit . . .© Cartoon: Jugoslav Vlahovic

In letzter Zeit häufen sich Tode von Freunden, unter ihnen viele Schriftsteller und Künstler. Da ich seit langem Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) bin, machte ich mir die Mühe, anhand der Liste der verstorbenen Mitglieder die durchschnittliche Lebenserwartung von Autoren und Autorinnen auszurechnen. Diese liegt zurzeit bei 63,69 Jahren, also deutlich unter jener der Gesamtbevölkerung, die bei Männern 75,5, bei Frauen 81,5 Jahre beträgt.


Meine Statistik kennt gewisse Unschärfen. Ich habe dazu alle Todesfälle von Mitgliedern herangezogen. Während wir es hier mit einem Zeitraum von 29 Jahren zu tun haben, wird die durchschnittliche Lebenserwartung üblicherweise nach den Sterbestatistiken eines Jahres berechnet. Weiters lässt sich die durchschnittliche Lebenserwartung einzelner Berufsgruppen nur bedingt mit jener der Gesamtbevölkerung vergleichen. Wirklich vergleichen lassen sich nur Berufsgruppen. Man muss also Statistiken heranziehen, die Auskunft über die durchschnittliche Lebenserwartung von Bäckern, Automechanikern, Krankenschwestern oder Beamten geben.

Soziale Unterschiede
Sterbestatistiken belegen nach wie vor erhebliche soziale Unterschiede. Arbeiter sterben früher als Angestellte und selbstständig Erwerbstätige. Besonders hoch ist das Risiko frühzeitiger Sterblichkeit bei Hilfsarbeitern, während Universitätsprofessoren eine auffallend hohe Lebenserwartung haben, ganz zu schweigen von buddhistischen Mönchen. Bemerkenswerterweise liegt die Lebenserwartung von Krankenschwestern unter jener von Kaminkehrern, aber deutlich über jener von Schriftstellern.

Deren niedrige Lebenserwartung erstaunt, können sie doch weder von einem Dach fallen noch in ihrer Arbeit an einer Stichverletzung verbluten. Im Gegenteil, sie scheinen die sicherste Tätigkeit der Welt auszuüben. Sie sitzen an einem Schreibtisch, oder legen sich ins Bett, wenn sie Lust haben, ein Buch zu lesen. Sie können ihre Zeit frei einteilen. Sie werden, so sie freiberuflich arbeiten, von keinen Vorgesetzten drangsaliert.

Auf eine Aussendung zur durchschnittlich niedrigen Lebenserwartung österreichischer Autoren gingen überraschend viele Antworten von Kollegen ein. Manche waren ironisch gemeint: "ich genier mich wirklich. bin ich also doch keine schriftstellerin, weil, nämlich: ich werd schon 80. keine red mehr von sozialverträglichem frühableben. den 67er hab ich offenbar übersehen, dabei wär der ja schon überzogen gewesen, wie kann ich mich herausreden? (. . . ) im nächsten leben such ich mir buddhistische mönche als freunde."

Es ist verständlicherweise bedrohlich, kriegt man als Autor oder Autorin mitgeteilt, die durchschnittliche Lebenserwartung betrage gerade einmal 63,69 Jahre. Man kann darauf mit dem Hinweis auf Kollegen reagieren, die sich in einem hohen Alter befinden. Das lässt an Raucher denken, die Statistiken, die nur zu gut belegen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Rauchern niedriger ist als jene von Nichtrauchern, etwa mit dem Hinweis auf den 94-jährigen Kettenraucher Helmut Schmidt zu widerlegen suchen.

Nicht wenige Antworten hatten folgenden Tenor: ". . .man weiß ja nie / wie viel Unschönes dem verbleibt / der mit 63,69 nicht ‚abkratzen‘ kann. / Verzeih meinen heutigen Sarkasmus!" Etwas versöhnlicher: "Ich muss allerdings gestehen, dass die Arbeit oft auch nur sehr harzig vorangeht. In den letzten Tagen habe ich oft 4 oder mehr Stunden an einigen Zeilen herumlaboriert, bevor ich einigermassen zufrieden war. (. . . ) Dir muss ich aber nicht weiter von der Mühseligkeit des Schreibens berichten, und ich will ja auch keineswegs jammern. Heute sich leisten zu können, täglich einige Stunden sich einer so unproduktiven Tätigkeit zu widmen, ist ja eigentlich ein Privileg. Frage ist, welchen Preis man dafür bezahlt."

Manche Antworten stimmten traurig: "eine seit 20 monaten würgende depression, die mir die rede und das (persönliche) schreiben benimmt. gäbe es nicht den hund, ginge ich gar nicht mehr ausser haus: ein ständiger kampf darum, die flucht in ein sozusagen unterirdisches dasein zu dekonditionieren". Oder: "ich bin nur mehr umgeben von exekutionsklagen und ähnlichem!!! (voller finanzieller breakdown) das ist alles total und überhaupt und sowieso destruktiv und zerstörerisch für jede art von inspiration! "

Die niedrige Lebenserwartung von Autoren erstaune sie nicht, erklären Menschen, die selbst keine Bücher schreiben: sie sei Folge von Depressionen, exzessivem Alkohol- oder Tabakkonsum. Und als würde man nicht selbst genügend Beispiele aus der Literaturgeschichte oder dem eigenen Lebensumfeld kennen, werden einem Autoren aufgelistet, die sich das Leben nahmen: Paul Celan, Peter Szondi, David Foster Wallace, Walter E. Richartz, Franz Innerhofer, Hertha Kräftner, Brigitte Schwaiger . . .

Leidensdruck
Erstaunt war hingegen ich davon, dass auch Kollegen dazu neigen, die niedrige Lebenserwartung unter "tragischer Literaturgeschichte" zu rubrizieren: "Betrachtet man die Mortalität von Schreibenden, so findet sich ein ursächlicher Zusammenhang der Abweichung vom durchschnittlichen Alter Verstorbener eher in den Gründen, aus denen einige der Schreibenden überhaupt erst zu schreiben beginnen: Leidensdruck."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-06-13 17:23:09
Letzte ─nderung am 2013-06-14 16:34:15



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kein "Irrer mit der Bombe"
  2. Dem Verbrechen auf der Spur
  3. Ozeanische Gefühle
Meistkommentiert
  1. "Ohne Polen kollabiert London"
  2. Tango Noir: Tanz der dunklen Mächte
  3. am grabstein

Werbung





Werbung


Werbung