• vom 12.07.2013, 14:00 Uhr

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Update: 12.07.2013, 14:08 Uhr

österreichische Literatur

Der liebe Gott des Fin de Siècle




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Von Reinhard Urbach

  • Vor 150 Jahren, am 19. Juli 1863, wurde Hermann Bahr geboren. Die Literaturgeschichte kennt ihn als Journalisten und Dramatiker. Doch seine vergnüglich zu lesenden Romane harren noch der Entdeckung.

Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910

Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910 Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910

Es klingelt an der Tür. Die Hausfrau öffnet und begrüßt den unverhofften Gast. - Nein, schon falsch. Es klingelt nicht, und von einer Tür ist nicht die Rede. Der Beginn des Romans ist plötzlicher. Es fängt mit dem Begrüßungssatz an. Und während die Hausfrau ihn sagt und ihre - gespielte - freudige Überraschung wiederholt, geht es ihr im Kopf herum, was der Gast wohl wolle. Eine dramatische Situation - als Begrüßung; eine epische Gegebenheit durch die Gleichzeitigkeit des eiligen Grübelns.

Information

Die Internet-Aufbereitung von Bahrs Gesamtwerk ist zu finden unter www.univie.ac.at/bahr


So ungefähr beginnt das ehrgeizigste Romanprojekt der österreichischen Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts vor dem "Mann ohne Eigenschaften". Zwölf Bände sollten es werden, leichten Sinns Balzacs und Zolas langen Atem in die deutschsprachige Literatur hinüberholend.

Es klingt zwar nach Sakrileg, Hermann Bahr und Robert Musil zu vergleichen, doch der Ansatz war der gleiche: Ein Panorama Österreichs von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre zu geben. Naturgemäß blieben beide ambitionierten Unternehmungen unvollendet.

Musil scheiterte an seinen Skrupeln, Bahr an der Demenz, die seine letzten Lebensjahre verdüsterte. Der oberflächliche Unterschied besteht darin, dass Musil Vergangenheit beschreibt und in die Gegenwart holt, während Bahr an der Gegenwart entlang schreibt. Eine Handlung steht bei beiden nicht im Vordergrund. Das essayistische Interesse überwiegt.

In lockerem Ton
Wenn Musil kompakt und konzentriert mit neuartiger metaphorischer Dichte arbeitet, lässt es Bahr in lockerem Konversationston laufen, wuchern und blühen, ohne die diskursive Präzision zu missachten.

Hermann Bahr, der bei den Zeitgenossen als einer galt, der sich nie festlegen (lassen) wollte, der immer neue Wege suchte und dafür als Wechselbalg der Ideologien und Weltanschauungen gescholten wurde, wollte beweisen, dass er auch beharrlich bei einer Sache bleiben konnte - deshalb das ausgedehnte Projekt. Typisch für die Zeitgenossen ebenso wie für die Nachgeborenen ist, dass sie sich nicht von der einmal geprägten herabwürdigenden Meinung lösen wollten und der Einfachheit halber das epische Werk Bahrs bis heute negierten.

Das Konzept zu einer Romanserie kam allerdings Bahrs Spontaneität und Neugier, seiner Sprunghaftigkeit und Erregbarkeit entgegen. Im Einzelnen sorgfältig durchkomponiert, im Ganzen sorglos gefügt und vor allem: nicht im Voraus geplant. Er ließ sich von der Gegenwart, der Zeitbewegung, dem Zeitgeist treiben, den er ja nicht nur beobachtete, sondern mitbestimmte, solange er in Wien war. Von Salzburg aus, wo er von 1912 bis 1922 wohnte, ging das noch leidlich. Von München aus, wohin er 1924 gezogen war, schon weniger gut. Der letzte Roman der Serie, "Österreich in Ewigkeit" (1929), eine hellhörige (aber nicht hellsichtige) saloppe Causerie über die letzten Tage der Ersten Republik, wurde in Österreich nicht mehr wahrgenommen.

Immerhin, von den wenigen erhaltenen Exemplaren steht eines im Internet, wie überhaupt das mehr als hundert Publikationen umfassende Gesamtwerk Bahrs im Netz vorzüglich aufbereitet wurde, was eine Beschäftigung mit ihm erheblich erleichtert.

Die Romanreihe, von der hier die Rede ist, hat keinen Übertitel à la "Comédie humaine autrichienne". Es ist nicht einmal sicher, ob Hermann Bahr von Anfang an ein so gewaltiges Unternehmen im Sinn hatte, für das es einen langen Atem brauchte, den er sich als Journalist und emsiger Stückeschreiber bisher noch nicht abverlangt hatte.

Von 1908 bis 1910 erschienen in rascher Folge die Romane "Die Rahl" mit der Verknüpfung von Theater und Pubertät, "Drut", eine Beamtenintrige mit sexuellem Sprengstoff und "O Mensch!", ein Künstlerroman, in dem die expressionistische Pathosformel ironisch zur Redensart verkommen war. Nach einer Pause von sechs Jahren folgten "Himmelfahrt" (1916), der Roman (s)einer Bekehrung zum Glauben und - der gewichtigste und umfangreichste - "Die Rotte Korahs" (1919). Es ist nach Schnitzlers "Der Weg ins Freie" (1908) der zweite Roman über den österreichischen Antisemitismus mit dem ingeniösen, durchaus realistischen Einfall, dass ein Abkömmling alten österreichischen Beamten- und Militäradels plötzlich erfährt, dass sein richtiger Vater ein rundum mächtiger, vermögender, beneideter und verachteter jüdischer Spekulant war. Die Versuchsanordnung ergibt sich von selbst: Wie steht der Sohn, und wie stehen die anderen, die aus ihrem Antisemitismus kein Hehl gemacht hatten, nun zu der neuen Situation? Das ist von verzweifelter Komik und nonchalanter Überspitzung.

Weitere acht Jahre später folgten die letzten Bände, "Der inwendige Garten" (1927), ein grotesker Roman über das antidemokratische Fortwursteln in der oberösterreichischen Provinz der Zwischenkriegszeit. Und "Österreich in Ewigkeit" (1929), die eloquente Auseinandersetzung mit Legitimismus, Sozialismus, Pazifismus, Nationalsozialismus in den Jahren vor der Ausrufung des Ständestaats. Die ersten fünf Bände waren bei S. Fischer in Berlin, die letzten beiden - Fischer hatte das Interesse an dem Autor, den er seit 1890 betreute, verloren - in dem kleinen Hildesheimer Verlag Borgmeyer, der die dreißiger Jahre nicht überstand, erschienen.

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Dokument erstellt am 2013-07-11 18:41:06
Letzte Änderung am 2013-07-12 14:08:30



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