• vom 12.07.2013, 14:00 Uhr

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Update: 12.07.2013, 14:08 Uhr

österreichische Literatur

Der liebe Gott des Fin de Siècle




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Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910

Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910 Hermann Bahr, karikiert von Rudolf Herrmann. Aus: "Der Morgen"; 1910

1923, in seiner Fragment gebliebenen Autobiographie, "Selbstbildnis", erinnert sich Bahr, dass er zu Beginn keinen totalitären Anspruch verfolgte: "Ich überhob mich ja nie, den Plan einer Comédie humaine zu fassen. Nur meine Welt an innerer Figur will in jenen Romanen erscheinen; sie versuchen mein inneres Alphabet durchzubuchstabieren."

Spiegel der Gegenwart
Anlässlich des dritten Romans schrieb Stefan Zweig, es seien "Bücher des Österreichertums", "die sicherlich auch in ferneren Tagen, wenn die Leser nicht mehr unter dem unmittelbaren Bann der packenden, stets so energisch, manchmal sogar mit unbekümmerter Dreistigkeit zugreifenden Persönlichkeit des Autors stehen sollten, einen wertvollen Einblick in die Irrungen und Wirrungen unserer heimatlichen Gegenwart gestatten werden." Diese vorauseilende Zuversicht muss allerdings noch bestätigt werden.

Die Serie hatte als Fixpunkte einige Figuren, die mit den Jahren alterten. So wurde aus dem Domherrn Zingerl in "Drut" der Prälat als Staatsführer im letzten Roman - jeder Leser glaubte zu wissen, wer damit gemeint war. Die ex-tremste Entwicklung machte der Maler Höfelind durch, bei dem man an Klimt denken mochte, der schon im Eröffnungsroman die berühmte Schauspielerin, eben "die Rahl", malte und die Wesenlosigkeit der Privatperson im Rollenbild zur wahren Existenz brachte. In "O Mensch!" malt er einem Knaben - man denkt zwanghaft an das "Bildnis des Dorian Gray" - buchstäblich die Seele aus dem Leib, so dass dieser sterben muss. Gleichsam zur Buße taucht er verwildert als Messner im "Inwendigen Garten" wieder auf und wird zum Eremit im letzten Buch, wo er vom Gegenständlichen sich ins Abstrakte läutert, was die Meinung seiner Umgebung, dass er nun endgültig durchgeknallt sei, bekräftigt.

Bahr hatte von Anfang an Spaß daran, seine Figuren mit der Physiognomie und den Erfahrungen real existierender Personen anzureichern. Damit schien er die Fiktionalität seiner Geschichten zu unterlaufen und sie zu Schlüsselromanen zu machen. Schon im ersten seiner Wiener Romane, "Neben der Liebe" (1893), glaubten die Leser die Figuren entschlüsseln zu können; noch offensichtlicher im nachfolgenden Roman "Theater" (1897). Bahr legt Leimruten, die Leser kleben fest und wissen genau, wen er meint.

Doch Bahr lacht dazu, vermengt die Eigenschaften und Eigenheiten seiner Freunde und Gegner mit seinen eigenen. Mit sprudelndem Vergnügen macht er sich lustig über sich, oder besser: über den, für den die Öffentlichkeit ihn hält. Man müsse, heißt es in "Neben der Liebe", den Herrn Seeliger heute noch fragen, was er von Ibsen hält, denn morgen wird längst ein anderer im Mittelpunkt seines Interesses stehen.

So entsteht Satire über falsche Meinungen; nicht zynisch, nicht sarkastisch und nicht - wie es so gern heißt - entlarvend, sondern vergnüglich. Man lacht über ihn als Typus, überlässt sich der Heiterkeit, mit der Hermann Bahr meisterlich die wienerische Schickeria persifliert. Und dann, auf dem Höhepunkt des Vergnügens, in dem das lange vorbereitete Happyend eines Ehebruchs bevorsteht, kippt das Ganze und der Autor lässt die Figuren seines Romans samt ihrer Leserschaft verstört zurück mit der Darstellung einer verzweifelten Seele und eines grauenvollen Selbstmords.

Es kommt das so unerwartet, weil der Erzähler unverschämterweise vermieden hatte, die Frau, das Objekt der Begierde des routinierten Verführers, selbst als Subjekt ins Spiel zu bringen. Als er es endlich doch tut, erweist es sich, dass ein anderer als tödlicher Ausgang nicht möglich ist.

"Hermann Bahr", schrieb ein Witzbold, der sich Peter Squentius Vindobonensis nannte, "sieht aus wie der liebe Gott" - ein Ausdruck, den er seinem Dreijahresbart verdankt - und wie dieser schuf er unzählige unvollkommene Individuen, über deren verzweifelten Versuch, einen eigenen freien Willen zu entwickeln er sich von oben herab amüsierte. Die Ideologien probiert er an ihnen aus und verwirft sie wieder. Abgehoben von der Notwendigkeit einer immerwährend gleichbleibenden Haltung.

Der "Austropäer"
""Nein, ist es denn möglich? Der Herr Professor, wirklich! Nein!" Und verwundert, verwirrt, verlegen ließ Frau Marie den Professor ein. Und da saßen sie nun einander gegenüber, nach so vielen Jahren." So beginnt 1909 die Romanserie. Sie endet zwanzig Jahre später, 1929, mit der skeptischen Antwort auf die Frage, wie lange es denn noch "Österreich in Ewigkeit" geben könne: "Ich wäre schon selig, wenn es uns gelingt, Österreich immerhin auf die nächsten fünf oder zehn Jahre zu verewigen!"

Zehn Jahre später gab es dieses Österreich, das Hermann Bahr, der "Austropäer" (Robert Müller) in die Zukunft verlängern wollte, für das er einstand und das man in allen seinen Werken findet, nicht mehr.

Reinhard Urbach, geboren 1939, war von 1988 bis 2002 Direktor des Theaters der Jugend. Lebt als Literarhistoriker in Wien.

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Dokument erstellt am 2013-07-11 18:41:06
Letzte Änderung am 2013-07-12 14:08:30



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