• vom 31.08.2013, 15:23 Uhr

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Update: 11.12.2013, 16:08 Uhr

Interview

"Die Kunst ist eine schöne Lüge"




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Von Christina Böck

  • Interview
  • Daniel Kehlmann über Hochstapler im Kunstbetrieb und Twitter als extrem nerviges Geschnatter

Ruht sich nur kurz aus: Daniel Kehlmann hat einen neuen Roman geschrieben: "F" (Rowohlt).

Ruht sich nur kurz aus: Daniel Kehlmann hat einen neuen Roman geschrieben: "F" (Rowohlt).© Lukas Beck Ruht sich nur kurz aus: Daniel Kehlmann hat einen neuen Roman geschrieben: "F" (Rowohlt).© Lukas Beck

Um drei Brüder dreht sich Daniel Kehlmanns neuer Roman "F" - einen Pfarrer ohne Glauben, einen Künstler ohne Talent und einen Finanzspezialisten ohne Geld. Hinter ihnen steht ein abwesender Vater - ein Schriftsteller, der mit seinen Büchern zum Beispiel Selbstmorde unter seinen Lesern auslöst. Dass diese familiären Verkettungen letztlich zu unheilvollem Ergebnis führen, ist da natürlich unvermeidlich. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht "F" schon. Kehlmann, der zuletzt eher als Theaterautor ("Der Mentor") von sich reden machte, schreibt derzeit an einem neuen Stück für die Josefstadt - dazu wollte er im Interview aber noch nichts verraten.

"Wiener Zeitung": Bücher, die Selbstmorde auslösen, haben ja tatsächlich eine Tradition: Hat man da, mal abgesehen vom Größenwahn, der für solche Vorstellungen wohl nötig ist, als Autor auch ein bisschen Angst davor?


Daniel Kehlmann: Ich habe vor vielen Dingen Angst, aber diese Sorge habe ich nicht. Ich glaube, von Büchern ausgelöste Selbstmorde sind in Wirklichkeit etwas sehr Seltenes. Selbst bei "Werther" war es ja letztlich nur ein einziger verwirrter junger Mann.

Am Beginn von "F" findet eine folgenschwere Hypnose statt. Haben Sie sich selbst einmal einer Hypnose unterzogen?

Ich würde das gerne bejahen, weil es besser klingt, aber ich habe es jetzt schon ein paarmal öffentlich geleugnet, und deshalb muss ich bei der Wahrheit bleiben. Bisher noch nicht. Vielleicht hatte ich Angst davor. Aber ich habe mich viel damit beschäftigt und weiß ziemlich genau, wie man es anstellt, jemanden zu hypnotisieren.

Die Verlogenheit des Kunstbetriebs und des Kulturjournalismus lässt Sie anscheinend nicht los: Ist jeder Künstler ein Hochstapler? Sind es die Kulturjournalisten erst recht?

Ich habe nie gesagt, dass jeder Künstler ein Hochstapler ist; ich glaube, in Wahrheit sind es nur wenige. Kulturjournalisten sind auch nur hin und wieder Hochstapler, was sie allerdings von Zeit zu Zeit sind, ist inkompetent. Als Kulturjournalist hat man nun mal auch weniger fachspezifische Ausbildung denn als Chirurg, Architekt oder Pilot.

Sie mögen amerikanische Science-Fiction-Filme - werden Sie sich vielleicht auch selbst mal an das Genre wagen? Oder gibt es Genres, die man als Europäer lieber den Amerikanern überlässt?

Die besten Science-Fiction-Romane wurden von einem Polen - Stanislaw Lem - und einem russischen Brüderpaar - den Strugatzkis - geschrieben, insofern ist Science-Fiction durchaus ein Genre für Europäer. Aber ich glaube, ich bleibe in diesem Bereich lieber Konsument als Schöpfer.

Apropos Science Fiction: Der NSA-Skandal regt hierzulande die Menschen weniger auf als zum Beispiel die Mariahilfer Straße. Sind wir von der Unterhaltungskultur so sozialisiert, dass uns das gar nicht besonders erscheint?

Ganz genau. Die Leute haben im Austausch gegen Navigationsgeräte und universelle Erreichbarkeit von Information den Anspruch auf Privatsphäre aufgegeben.

So gesehen: Ist Lügen, in Ihrem Roman eine wichtige Komponente, auch eine mögliche Überlebensstrategie im Zeitalter der Überwachung? Oder bringt die Überwachung die totale Wahrheit? Und was kann das für die Kunst bedeuten?

Lügen ist ein universaler Bestandteil des Menschseins und des menschlichen Zusammenlebens, nur die Art der Lügen ändert sich. Auch Kunst war ja immer eine Form der Lüge, allerdings eine schöne, in der sich Wahrheit ausspricht.

Ein Rubik-Zauberwürfel kommt prominent in "F" vor - haben Sie damit selbst Erfolge verbuchen können?

Gar nicht. Ich war völlig unbegabt und habe mich auch nicht sehr dafür interessiert.

Was fällt Ihnen dann ein, wenn Sie nostalgisch an die 80er denken?

Vor allem wohl Dreh und Trink und Helmi. Ich war noch sehr klein in den Achtzigern.

J.K. Rowling hat eben einen Roman unter Pseudonym veröffentlicht, der von den Kritikern deutlich besser bewertet wurde als ihr davor unter richtigem Namen veröffentlichter: Denken Sie, das ist nur zufällig bestätigte Paranoia, oder kann man als Schriftsteller den Medien eigentlich nicht trauen?

Ab einem gewissen Moment wird vor allem die Reputation rezensiert und nicht mehr die Werke, die man vorlegt. Dass man die Sehnsucht hat, noch einmal als Unbekannter zu veröffentlichen, ist sehr verständlich. Das hat zum Beispiel auch Arnon Grünberg gemacht, dessen wunderbarer Roman "Amour Fou" wohl nicht so wohlwollend aufgenommen worden wäre, wenn man gewusst hätte, von wem er ist.

Gibt es Literaturgenres, denen Sie mehr Aufmerksamkeit wünschen würden?

Eine schöne Frage. Ja: der Essay. Einige der größten Prosaautoren waren Essayisten, und einige Schriftsteller, die für andere Dinge bekannter sind, haben ihre besten Leistungen im Essay vollbracht: Heinrich Heine zum Beispiel oder Friedrich Dürrenmatt, womöglich sogar Thomas Mann.

Es gibt derzeit eine Mode, bestehende Romane in Graphic Novels zu verarbeiten - könnten Sie sich das für "F" vorstellen? Mögen Sie Graphic Novels und Comics?

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Dokument erstellt am 2013-08-30 15:47:04
Letzte nderung am 2013-12-11 16:08:43



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