• vom 22.09.2013, 15:54 Uhr

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Update: 23.09.2013, 15:08 Uhr

Clemens J. Setz

"Ich bin zu allem fähig"




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Von Klaus Stimeder

  • Die "Wiener Zeitung" traf den Grazer Literatur Shooting-Star Clemens Setz beim New Yorker Literatur-Festival
  • Ein Gespräch über Schubladen, Nationalstolz und Gewalt.

"Wahnsinn, wirklich alles ist möglich": Der 31-jährige Grazer Autor Clemens J. Setz ist auf dem Sprung nach Übersee. - © dpa

"Wahnsinn, wirklich alles ist möglich": Der 31-jährige Grazer Autor Clemens J. Setz ist auf dem Sprung nach Übersee. © dpa

New York – Auf das mittlere Initial legt er, anders als daheim, in Amerika keinen Wert. In New York City wird der Schriftsteller dem Publikum als Clemens Setz vorgestellt, das J. (für Johann), das auf seinen Büchern steht, ist irgendwo über dem Atlantik verloren gegangen. Der Grazer, der in seiner Heimatstadt Mathematik und Germanistik studiert hat und bis heute dort lebt ("Ich fühl mich zuhause am besten und kann auch nur dort arbeiten"), hat bisher, neben seiner Arbeit als Dichter und Übersetzer (von US-Sachbuchautor John Leake, "Der Mann aus dem Fegefeuer: Das Doppelleben des Jack Unterweger", Residenz 2008), drei Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. "Söhne und Planeten", "Die Frequenzen" (Residenz 2007, 2009), "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" und zuletzt "Indigo" (Suhrkamp 2012). Für das "Mahlstädter Kind" bekam Setz den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, nur einer in einer trotz seiner Jugend – der Mann ist Jahrgang 1982 – bereits langen Liste an Ehrungen (unter anderem Literaturpreis der Stadt Bremen 2010, Ernst-Willner-Preis 2008).

Nach New York eingeladen hatten ihn die Ausrichter des "Festivals Neue Literatur". Das findet seit nunmehr vier Jahren statt und hat sich dank großen Publikumszuspruchs zu einem exquisiten Schaufenster junger deutschsprachiger Schriftsteller in Amerika gemausert. Neben Setz waren aus Österreich Cornelia Travnicek, aus der Schweiz Ulrike Ulrich und Tim Krohn und aus Deutschland Silke Scheuermann und Leif Randt zu Gast.

Links

    http://festivalneueliteratur.org/


Peinlichkeiten wie im vergangenen Jahr, als der Schweizer Autor Catalin Florescu das Publikum beständig von der Unentbehrlichkeit seiner Existenz zu überzeugen trachtete, blieben heuer aus; die maßgeblich von Chefkuratorin Susan Bernofsky (die sonst Leute wie Robert Walser und Franz Kafka ins Englische übersetzt) ausgewählte Runde zeichnete sich erstmal durch Realismus aus. Setz: "Es ist schön vor Leuten aufzutreten, von denen die meisten erstmal keine Ahnung haben wer man ist." Was sich bald ändern könnte. Kurz vor dem Festivalstart sicherte sich der so traditionsreiche wie renommierte Verlag WW Norton&Company die Rechte für die Publikation von "Indigo" auf Englisch.

"Wiener Zeitung":In den USA sind Sie weitgehend unbekannt und werden Sie wahlweise als "mitteleuropäischer Thomas Pynchon" oder als "österreichischer David Foster Wallace" vorgestellt. Stören Sie solche Schubladisierungen?

Clemens Setz: Nein. Nur, wenn’s mir jemand ins Gesicht sagt, will ich schon darüber diskutieren. Ich hab von Pynchon "Gravity’s Rainbow" gelesen ("Die Enden der Parabel", 1973) und da drin gibt’s ein Kapitel über Byron, die unsterbliche Glühbirne. Die wurde im Glühbirnenhimmel geboren und kann nicht durchbrennen. Weil das als gefährlich gilt – Glühbirnen sind ja nicht umsonst dazu gemacht, durchzubrennen – muss sie im Laufe der Geschichte ziemlich viel ertragen, sie wird von der Herstellerfirma gejagt. Ein wunderbares, majestätisches Kapitel. Als ich das das erste Mal gelesen habe, hab ich mir gedacht: Wow. Sowas darf man also auch? Aus der Sicht einer Glühbirne schreiben? Insofern ist Pynchon tatsächlich wichtig für mich, weil er mir diese Art von schöpferischer Freiheit vermittelt hat.
Was den Wallace angeht: Wenn einer so gehypt wird wie er, gilt er natürlich plötzlich auch für alle anderen als wichtig. Aber das ändert nichts daran, dass er ein guter Autor ist. Der Vergleich ist mir deshalb nicht unangenehm. Aber ich sehe keine wirklichen Parallelen, außer vielleicht in einer gewissen Liebe zu langen Sätzen. Ich mag manche Sätze, die über eine ganze Buchseite gehen. Aber sonst? Wallace hat zum Beispiel ganze Interviews damit verbracht, sich selbst zu hinterfragen: "Stimmt das, was ich da gerade gesagt habe? Ich weiß nicht, ob das wirklich kohärent war." So eine Art Mantra, ein Refrain, alles in Frage zu stellen, einschliesslich sich selbst. Und das meistens nach einer Strophe brillanter Analyse. So bin ich eigentlich nicht.

Dein jüngster Roman "Indigo" wird bald in Übersetzung auf einem Markt erscheinen, auf dem die Werke ausländischer Autoren nur in Spurenelementen vorhanden sind, weil Amerikaner praktisch ausschließlich amerikanische Literatur lesen. Gibt’s etwas, was dich mit der verbindet?

Ich kann prinzipiell auf Deutsch, Französisch und Englisch lesen und dementsprechend führt das dazu, dass ich nur Bücher lese, die in diesen Sprachen geschrieben sind. Die amerikanische Literatur ist natürlich sehr präsent in Europa, ein bisschen zu viel vielleicht. Dabei geht es weniger um den Einfluss, den sie hat, als darum, dass halt viel mehr übersetzt wird was aus den USA kommt als umgekehrt. Es gibt zum Beispiel viele Autoren, deren Geschichten in New York spielen und die vor allem deshalb sehr erfolgreich sind. Weil’s natürlich viele Leute in Europa gibt, die gerne in New York leben würden und die diese Geschichten dann quasi als moderne Abenteuerromane lesen. So in der Art, wie man früher Geschichten über  Löwensafaris in Afrika gelesen hat. Und daher kommt es dann halt auch, dass, jedenfalls meiner Erfahrung nach, alle jungen Schriftsteller nach New York wollen. Okay, ich übertreibe vielleicht ein bisschen. Aber wirklich fast alle. Warte… Das laute Pfeifgeräusch, das ich höre… Da pfeift wirklich etwas, oder?

Ja. Die Espressomaschine.

Okay. Ich hatte schon Angst, dass ich das wieder nur in meinem Kopf höre.

Wegen deinem Tinnitus? Leidest du immer noch daran?

Nicht stark, aber doch. In den vergangenen Jahren ist so eine neue, sphärische Dimension dazu gekommen, die sich schwer beschreiben lässt… irgendwie räumlicher. Da kann man nichts machen dagegen. Es hat so gewisse Effekte… am Anfang versucht man alle Situationen zu vermeiden, in denen komplette Stille herrscht. Wenn man sich allein vorm Spiegel betrachtet zum Beispiel. Oder, ich bin am Abend nicht gern allein, da hab ich dann meistens Kopfhörer auf. Nicht um den Tinnitus leise zu halten, aber um nicht in dieses Loch zu fallen, wo er dann sehr präsent wird. Aber ich kann mittlerweile gut damit leben. Ich war einmal nah am Selbstmord, aber das ist schon lange her. So mit 16, 17. Das lag an dem mit der Krankheit einhergehenden Schlafentzug. Das war schon sehr brutal. Wenn man sieben, acht Tage nicht geschlafen hat, wird man zum Zombie. Wenn mir damals einer eine Axt in die Hand gegeben hätte, hätte ich vielleicht wirklich jemand erschlagen.

Braucht man Stille nicht zum Schreiben?

Ich kenne Stille schon lange nicht mehr, deshalb kann ich das auch nicht sagen. Ich hab ja erst mit 17 begonnen zu schreiben, als ich den Tinnitus schon hatte. Es wäre schön, wieder einmal Stille erleben zu können. Aber das wird wahrscheinlich nichts mehr. Ich vermisse sie jetzt aber auch nicht extrem. Ich kann Geräusche recht gut ausblenden. Ich lebe in einem sehr lauten Stadtteil von Graz, wo es im Sommer viele Baustellen gibt, gleich neben dem Orpheum. Dort spielen jeden Tag Bands, aber ich kann trotzdem recht gut einschlafen. Ich habe auch manchmal noch einen Ausfall des Sehvermögens, dann ist quasi die Hälfte meines Gesichtsfelds weg. Eine isolierte Migräne-Aura, die zeigt sich so. Ich bin insofern vom Glück begünstigt, als ich nur die Migräne-Aura habe, also das Gefühl vor dem Migräne-Anfall, aber nicht die Migräne selber. Im Grunde geht es mir schon okay.

Als Autor sind die USA für dich Neuland, aber du scheinst sie ganz gut zu kennen. Wie sieht dein Amerika-Bild aus?

Die erste Unterhaltung hatte ich, als ich 2009 zum ersten Mal hier war – wie alle anderen USA-Reisenden – mit einem Immigration Officer am New Yorker Flughafen, der unglaublich charmant war. Ist er wahrscheinlich nicht immer, aber zu mir war er’s. So, als wär ihm seine Arbeit eben nicht wurscht. Klar kann man das auch faken, aber trotzdem. Das war richtig entwaffnend, so nett und lustig war der. Diese Geschichte entspricht im Grunde dem Bild – okay, das macht noch kein Bild, aber trotzdem –, das ich von den USA habe: ein Land mit Menschen, die eine generelle Neugier und Offenheit ausstrahlen. In Österreich kennt man so etwas nicht. Hier sind die Leute eher uninteressiert.

Politisch scheinen mir die USA bis vor kurzem in so einer Art Blase drinnen gewesen zu sein, wo sie geglaubt haben, nur von Feinden umgeben zu sein. So ähnlich wie Israel. Aber diese Ansicht ist natürlich viel zu primitiv, das betrifft vor allem die Bush-Jahre. Es gibt halt gewisse Dinge, die in Amerika funktionieren und in Europa nicht. Ich schau oft CNN und dort gab es in den vergangenen Jahren viele Berichte über die Navy Seals und die Marines. Diese Verehrung, die denen zuteil wird, diese Dankbarkeit, die ihnen von der Öffentlichkeit entgegen gebracht wird: Die bilden in Amerika sowas wie eine neue Elitekaste. Unberührbare, die man nicht kritisieren kann, ohne sofort als zynisch abgestempelt zu werden. In Europa kennen wir so etwas nicht. Was es dafür bei uns gibt, ist eine ebenso irrationale Verehrung von gewissen Intellektuellen, die immer zu allem etwas sagen müssen. Obwohl sie in der Regel nicht viel dafür getan haben, um eine solche Position zu verdienen. Ich glaube auch, dass Nationalstolz per se weder etwas gutes noch etwas schlechtes ist. Es kommt halt immer darauf an, was man damit aussagen will.

Geht’s konkreter?

Okay, vielleicht so: Als ich zum ersten Mal in New York war, bin ich am südlichen Ende des Central Park entlang spaziert. Dort, von wo die Touristen-Kutschen losfahren. In einer der Kutschen hatte gerade so eine richtige Nazi-Familie Platz genommen: Der Vater ein Skinhead mit einem weißen Hakenkreuz auf der Jacke aufgenäht, Lonsdale-Pullover und so weiter. Die Mutter blonde Locken, aber nicht ganz so offensiv gestylt. Der Sohn, auch ein Skinhead, war sehr dick. Der hatte den Stiernacken nicht hinten, sondern quasi vorne. Und der Kutscher dreht sich um, schaut sie an, und fragt sie dann ganz freundlich: "Hey Leute, wollt ihr ein Foto von euch haben?" Das war interessant. So etwas würde bei uns zuhause nicht funktionieren. Ich hab das damals dem John Leake erzählt. Der meinte nur: "Klar, das sind halt die USA". Und es stimmt. Man wird hier nicht so schnell verurteilt. Wie man daherkommt, wie man ausschaut, ist relativ egal. Das hat einen sehr angenehmen, aber natürlich auch einen sehr beunruhigenden Aspekt. Bei uns würde man so etwas mit gutem Recht verbieten oder zumindest kritisieren. Andererseits ist der Gedanke, dass man unbehelligt mit einem Hakenkreuz auf der Jacke auf der Straße herumrennen kann, auch gut. Solche Konflikte können ruhig unaufgelöst nebeneinander stehen bleiben.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Texaner Leake, der durch die Arbeit an dem Buch über Jack Unterweger Österreich ja gut kennen gelernt hat?

Es war erstmal ein Haufen Arbeit, weil er alle Zitate übersetzt hatte und ich zuerst die ganzen Originalzitate suchen musste. Das waren mehrere dicke Aktenordner. Er war sehr geduldig angesichts meiner vielen Fragen. Ich wohne ja gegenüber dem Grazer Volksgarten, einer der Orte, von denen der Unterweger eine Prostituierte mitgenommen und dann umgebracht hat. Inhaltlich konnte ich trotzdem fast nichts zu dem Buch beitragen. John hat alles gewusst, bis ins letzte Detail. Viel mehr als ich, obwohl ich, als Teenager, quasi live dabei gewesen bin.

Wie bist du überhaupt zum Übersetzer des Buchs geworden?

Ich war nicht die erste Wahl. Mein damaliger Lektor vom Residenz Verlag, der heute bei Jung und Jung ist, hat mich angerufen und gefragt, ob mich das interessiert. Das war insofern lustig, weil ich genau an diesem Tag gerade damit begonnen hatte, "Fegefeuer" zu lesen. Das einzige von Unterwegers Büchern, das halbwegs okay ist. Alle anderen sind ja wirklich sehr schlecht. Und nachdem ich nicht großartig viel über Jack Unterweger wusste, habe ich zugesagt. Ist ja eine spannende Geschichte, der einzige bekannte Fall eines transatlantischen Serienmörders.

Deine eigenen Bücher werden heute in weiten Teilen Europas verkauft, allen voran naturgemäß in deutschsprachigen Ländern. Inwiefern empfindest du dich als österreichischer Autor?

Naja. Zuerst wirkt dieses Label wie ein Reduziert-werden. Aber, wie ich gerade in Amerika merke, bietet der Umstand, als österreichischer Autor vorgestellt zu werden, auch einen willkommenen, weil umstandslosen Anlass zum Einstieg in Gespräche. Die Leute sagen dann oft Sachen wie: "Wissen Sie, bei uns ist das so und so, wie ist das in Österreich?" Die Leute scheinen keine Vorurteile zu haben. Nicht solche wie vielleicht gegenüber einem Schweizer Autor. Da denken sich alle, ja, Wahnsinn, die Schweizer, die haben keine Staatsverschuldung wegen der ganzen Mafiagelder, die dort gebunkert sind.

Literaturgeschichtlich ist das natürlich eine andere Frage. Was soll ich sagen? Die Ingeborg Bachmann zum Beispiel hat mich immer nur gelangweilt. Sie hat ein paar sehr schöne Gedichte geschrieben. Aber ihre Prosa spricht überhaupt nicht zu mir. "Malina" finde ich zum Beispiel ganz furchtbar. Ich weiß schon, das darf man nicht laut sagen, weil sie alle so lieben und verehren. Mir ist das ein Rätsel. Wobei, es gibt heute sicher Autoren, die die Nachfolger von einem bestimmten Schriftsteller sein wollen oder die sich in der Tradition von einem oder einer sehen. Ich gehöre nicht zu denen.

Eine Eigenschaft, die österreichischen Autoren im Rest der Welt gerne nachgesagt wird, ist, dass sie eine manchmal geradezu obsessive Beschäftigung mit der Sprache pflegen…

…ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, weil’s das auch ich anderen Ländern gab und gibt. Aber auf manche trifft das zweifellos zu. So einer wie der Richard Obermayr ("Das Fenster", Jung und Jung 2010) zum Beispiel müsste viel mehr Preise bekommen. Was der macht, bewundere ich sehr. Als ich selbst zu schreiben begonnen habe, war für mich auch der Konrad Bayer sehr wichtig. Auch der Ernst Jandl, aber der Bayer viel mehr. Ich hab mir gedacht, was der kann, das kann ich auch, beziehungsweise, das möchte ich auch können. Und je intensiver ich mich mit ihm beschäftigt habe, desto mehr hab ich gemerkt, dass das wirklich oft totale Magie ist, was der gemacht hat. "Der sechste Sinn", "Der Kopf des Vitus Bering", die zwei hab ich immer wieder gelesen. Aber selbst nach mehrmaliger Lektüre bleibt bei ihm immer ein Geheimnis. Man kommt ihm als Autor nie ganz auf den Grund.

Hattest du so etwas auch beim Schreiben von "Indigo" im Sinn, dessen Handlung sich ja vor dem Hintergrund einer Dsytopie abspielt?

Es gibt Teile des Buchs die in der Zukunft spielen, aber allzu dystopisch ist es deshalb glaube ich nicht. Dystopien wie Utopien haben ja klare Regeln: Das Maß der Veränderung muss so spürbar sein, dass sie die Geschichte bestimmen, mittels starker Storyelemente, starker Plots. Ich würd eher sagen, dass bei mir die Dystopie das Mysterium schon gelöst hat und ich bau es dann neu zusammen für den Leser. So auf die Art: "Schau, hier ist ein Rätsel". Mich interessieren weniger die Settings als die Geheimnisse der menschlichen Interaktion, von Nähe und Entfernung, von Menschen, die einander das Leben schwierig machen. Oder, wie es der Wolfi Bauer einmal gesagt hat: "Eine Geschichte ist, wenn es um den Tod geht." Mein Thema sind Fragen, die ungelöst bleiben.

Ich weiß nicht, ob eine Geschichte in der Wirklichkeit so bodenlos sein kann wie "Indigo", in dem der Leser auch nie aufs letzte Bild kommt. Der Protagonist ist ja einer, der etwas wissen, etwas rausfinden will, aber immer scheitert, weil er eben nie auf die letzte Erkenntnis kommt. Aber realistisch ist es trotzdem; die Beschreibung des Phänomens des Bodenlosen, der Versuch der Erklärung eines Sachverhalts, bei dem man nie an ein Ende kommt, kommen kann. Ich hab mir zum Beispiel einmal die Akten des Marc-Dutroux-Prozesses in Belgien angeschaut. Da kam bei der Recherche des Gerichts auch nie etwas endgültiges raus. Die Richter haben, jedenfalls soweit ich weiß, einfach irgendwann damit aufgehört, neue Zeugen zu befragen und Informationen zu sammeln. Weil es schon hunderttausende Akten gab, die kein Mensch mehr überschauen geschweige denn lesen konnte und die Erhebungen einfach immer ewig weiter gegangen wären.

Viele der Figuren in deinen Büchern können einem so richtig Angst machen. Wovor hast du Angst?

Ich hab sehr viel Angst vor der Dunkelheit. Und wenn jemand hinter mir steht. Früher hatte ich massiv Flugangst, aber die habe ich durch ständige Konfrontation in den Griff bekommen. Heute hab ich im Flugzeug nur mehr kleine, ganz kurze Panikattacken. Ansonsten kriege ich beim Lesen bestimmter Büchern Angst und vor manchen Vorstellungen, die ich habe. Wenn ich zu lange allein bin, bekomm ich auch Angst, dann werde ich ganz düster und hoffnungslos. Die Liste ist lang, wenn’s um konkrete Ängste geht. Aber sowas wie Zukunftsangst zum Beispiel kenne ich überhaupt nicht.

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Schlagwörter

Clemens J. Setz, Interview

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-09-22 15:59:04
Letzte nderung am 2013-09-23 15:08:12



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