• vom 11.10.2013, 17:43 Uhr

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Update: 11.10.2013, 18:05 Uhr

Karl Kraus

Der große Hasser in Amerika




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Von Klaus Stimeder

  • US-Schriftstellerstar Jonathan Franzen nimmt sich des Werks und der Person von Karl Kraus an
  • Ein Interview mit Jonathan Franzens wissenschaftlichem Berater Paul Reitter.

Paul Reitter, ganz rechts neben Franzen und Daniel Kehlmann.

Paul Reitter, ganz rechts neben Franzen und Daniel Kehlmann. Paul Reitter, ganz rechts neben Franzen und Daniel Kehlmann.

New York. Er hat es also wirklich getan, und jetzt ist es draußen, und erst einmal wundert sich jeder, beginnend bei seinen Landsleuten. Ein Festsaal der so altehrwürdigen wie renommierten New York University (NYU), hoch über dem Washington Square Park in Downtown, bis auf den letzten Sitz gefüllt mit Menschen, die nur eines sehen wollen: ihn. Das "literarische Genie unserer Zeit" ("Guardian"), den "wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller des Landes" ("Time"), den "größten Starautor der westlichen Welt" (Thomas Glavinic). Jonathan Franzen, 54 Jahre alt, grüßt artig, setzt sich hin, schüttelt die Hände der ihn flankierenden Gäste, links der Kollege (Daniel Kehlmann), rechts der Uniprofessor (Paul Reitter), und dann fordert ihn der Moderator zum Erzählen auf, und Augen und Ohren des Publikums beginnen sich zu weiten.

Und was sie da alles zu hören bekommen, nimmt sie in Anspruch, weil so exotisch und so komisch, das sind sie sichtlich nicht gewohnt; schon gar nicht von ihrem Schriftstellersuperstar, der zu nämlichem durch ernste, hochpolitische, thematisch so schwere wie komplexe wie sprachlich meisterhaft und souveränst erzählte wie leicht zu lesende Romane geworden ist. "Die Korrekturen", "Freiheit", "Die 27. Stadt", um nur die bekanntesten zu nennen: alles längst moderne Klassiker, und nicht zu un Recht.


Eine "Entdeckung"

Sind die USA die Donaumonarchie unserer Tage? Jonathan Franzen sagt: Ja. Martin Fuchs

Sind die USA die Donaumonarchie unserer Tage? Jonathan Franzen sagt: Ja. Martin Fuchs Sind die USA die Donaumonarchie unserer Tage? Jonathan Franzen sagt: Ja. Martin Fuchs

Das neue Buch Franzens ist kein Roman und auch keine Essaysammlung, sondern ein Konvolut aus übersetzten Werken, die er auf rund 300 Seiten nicht nur kommentiert, sondern in die er auch die Meinungen seiner am NYU-Podium sitzenden Kollaborateure einfließen lässt. Drehen tut sich alles um Karl Kraus, ja, den, "unseren" Karl Kraus, den Franzen, wie man schon länger weiß, einst als Austauschstudent in Deutschland für sich entdeckte und der ihn "zeitlebens nicht mehr losließ". Das alles erklärt er in New York einem Publikum, das - mit Ausnahme von rund zwei Dutzend Deutsch-Studenten und -Professoren - diesen Namen zum ersten Mal hört und entsprechend ehrfürchtig-zurückhaltend auf diese "Entdeckung" reagiert. Aber ist ja nicht Franzens Schuld, dass Kraus ("The Great Hater") in den USA bisher so bekannt ist wie William Gaddis in Mitteleuropa. Bis vor kurzem war die Veröffentlichung von "The Kraus Project" nicht wirklich geplant, aber, so viel klang am Abend der Präsentation durch, nachdem Kehlmann und Reitter nicht locker ließen, rang sich der Maestro am Ende durch, nicht nur die seit Jahren andauernde Übersetzungs- und Kommentierungsarbeit zu Ende zu führen, sondern das Teil auch gleich, ganz innovativ, als inhaltlichen Trialog zu verkaufen, quasi zur Untermauerung des "Projekt"-Charakters.

Das Endergebnis besteht aus vier von Franzen übersetzten Kraus-Texten, alle bekannt und wichtig: "Heine und die Folgen", "Nestroy und die Nachwelt", dem "Nachwort zu Heine und die Folgen", "Zwischen den Lebensrichtungen" und dem Gedicht "Man frage nicht...". Annotiert von Franzens manchmal klugen, aber meist extrem banalen Gedanken und prätentiösen (Selbst-)Reflexionen, flankiert von Kehlmanns (harmloseren, aber in ähnlicher Qualität gehaltenen) Interpretationen und Reitters fundierten Hintergrunderläuterungen. Nachdem Franzen selbst erst für deutschsprachige Medien zur Verfügung steht, wenn die deutsche Übersetzung von "The Kraus Project" erscheint, sprach die "Wiener Zeitung" mit seinem wissenschaftlichen Berater Paul Reitter, Professor am German Department der Ohio State University mit Schwerpunkt Deutsch-Jüdische Literatur, über die Arbeit an dem Buch und über das fertige Produkt.

"Wiener Zeitung": Professor Reitter, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jonathan Franzen für "The Kraus Project"?

Paul Reitter: Irgendwann im Herbst 2009 habe ich eine Geschichte in einer deutschen Tageszeitung gelesen, in der stand, dass Jon und Daniel an einer Kraus-Übersetzung arbeiten. Was mich nicht wirklich überraschte, weil ich seit der Lektüre von Jons Buch "The Discomfort Zone" (2006, "Die Unruhezone" bei Rowohlt) wusste, dass er bei George Avery studiert hat, der einen wundervollen Band von Kraus’ Korrespondenz mit Herwarth Walden herausgegeben hat. Aber ich war trotzdem aufgeregt und hab mir gedacht: Ich will diese Übersetzung besprechen! Nachdem ich meinen Wunsch bei Jons Verleger platziert hatte, meldete sich einer aus der PR-Abteilung bei mir, um mich zu vertrösten - Jon sei gerade sehr beschäftigt mit einem neuen Roman und ich solle mich ein paar Monate später noch mal melden. Nachdem ich das tat, wurde mir beschieden, dass Jon keine Absicht hätte, seine Übersetzungen zu veröffentlichen, dass er sie mir aber zeigen würde, wenn ich das wollte. Nachdem ich sofort zugesagt habe, nahm das Projekt ab diesem Zeitpunkt seinen Lauf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-10-11 17:47:05
Letzte nderung am 2013-10-11 18:05:22



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