• vom 15.11.2013, 12:40 Uhr

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Update: 15.11.2013, 12:43 Uhr

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Die Zivilisation des Spektakels




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Von Bernhard Widder

  • "Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst". Mit diesem Untertitel publizierte der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nun seine gesammelten Essays zur Kulturkritik.

Mario Vargas Llosa ist ein unermüdlicher Vermittler zwischen den Kulturen. - © Foto: Reuters/Carlos Jasso

Mario Vargas Llosa ist ein unermüdlicher Vermittler zwischen den Kulturen. © Foto: Reuters/Carlos Jasso

Der 1936 im peruanischen Arequipa geborene Mario Vargas Llosa agiert seit Jahrzehnten als Großschriftsteller und Vermittler zwischen den Kulturen Europas und Lateinamerikas, aber auch anderer Weltgegenden. Durch seine Studienjahre in den frühen 1960er Jahren in Spanien, die spätere journalistische Tätigkeit in Frankreich und England war der angehende Romanautor Vargas Llosa mit europäischer Lebensart, Geschichte und vor allem der Zeit des westlichen Wirtschaftswunders in den 1960er Jahren vertraut.

Etwa um 1962 geschah der sogenannte "Boom" der neuen lateinamerikanischen Prosaliteratur: Der etwas dümmliche Begriff, der nach Wirtschaftsaufschwung klingt und weniger an künstlerische Werke denken lässt, bezeichnet aber doch ein Phänomen, das in mehreren Sprachen und Ländern im Bereich der Literaturkritik gleichzeitig passierte: die Wahrnehmung einer Reihe von Romanen lateinamerikanischer Autoren, die durch erste Übersetzungen in Englisch und Französisch nahezu als Gruppe Aufsehen erregten. Dazu zählten so unterschiedliche Autoren wie Julio Cortázar, Alejo Carpentier, Miguel Angel Asturias, Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez (u.a.), und als einer der jüngeren Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der seine ersten Erzählungen und Romane mit Ende zwanzig veröffentlichte ("Die Stadt und die Hunde", "Das grüne Haus").


Internationale Wirkung

Information

Mario Vargas Llosa: "Alles Boulevard.
Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst".
Essays. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 230 Seiten.

Durch die Veröffentlichungen in britischen, nordamerikanischen und französischen Verlagen, die von vielen Rezensionen begleitet wurden, entstand erstmals eine internationale Beachtung moderner lateinamerikanischer Kultur über die Verbreitung von neuartiger, epischer Literatur. Die Rezeption im deutschsprachigen Raum erfolgte in größerer Breite erst in den 1970er Jahren, der Suhrkamp Verlag und sein früherer Verleger Siegfried Unseld hatten das Verdienst, Erzähler wie Julio Cortázar und Mario Vargas Llosa über Jahre zu verlegen.

In den vergangenen fünfzig Jahren veröffentlichte Vargas Llosa sein umfangreiches Werk, das vor allem, aber nicht nur aus voluminösen Romanen besteht. Seine Dissertation, geschrieben in Madrid, behandelte das Werk des Dichters Ruben Darío (Nicaragua), der zu den frühen Modernisten spanischer Sprache zählt. Weiters schrieb Vargas Llosa Erzählungen, dramatische Werke, und immer wieder Essays zu politischen und kulturellen Fragen Lateinamerikas und der Welt, aber auch über Literatur und bildende Kunst.

Den Franzosen Gustave Flaubert und Victor Hugo widmete sich Vargas Llosa in eigenen Büchern, über den deutschen Maler Otto Dix verfasste er eine Studie, und ein lesenswerter, sehr gelungener Essayband beschäftigt sich mit dem Werk von Juan Carlos Onetti (1909-1994). "Die Welt des Juan Carlos Onetti" erschien 2009 in deutscher Übertragung, die spanische Originalausgabe entstand ein Jahr vorher.

Dieses besondere Werk ist als eine Einführung in die Romanwelt des uruguayischen Autors Onetti gedacht. Für Vargas Llosa ist Onettis Werk, das etwa um 1940 begonnen wurde, das erste wahrhaft moderne der lateinamerikanischen Prosa.

Ein weiterer Aspekt im Gesamtwerk des Autors sind seine Aufsätze in spanischsprachigen Zeitungen, vor allem in "El País" (Madrid). Diese Aufsätze liefern Kommentare zu aktuellen Fragen der Gesellschaft, der Politik in verschiedenen Ländern, andere sind Reiseberichte des weltgewandten Schriftstellers.

Das jüngste essayistische Buch Vargas Llosas erschien in Spanien 2012 mit dem treffenden Titel "La civilización del espetáculo" (Die Zivilisation des Spektakels). Heuer erschien im Suhrkamp Verlag die deutsche Übersetzung von Thomas Brovot unter dem trivialisierenden Titel "Alles Boulevard". Dann folgt allerdings ein treffender Untertitel (ein Zitat aus dem Buch): "Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst". Aber die einfache Übersetzung des spanischen Originaltitels wäre auch im Deutschen der schlüssigere Titel des Buchs gewesen.

Kritik der Unkultur
Dieses Buch leistet in sechs Kapiteln und einer längeren Einleitung eine umfassende Kritik der gegenwärtigen westlichen Kultur oder Unkultur, die der umfassend gebildete Autor in seinem unverwechselbar klaren, direkten Stil formuliert. Die Entstehung dieses kulturkritischen Bandes (mit einem Umfang von 230 Seiten) erinnert an "Die Welt des Juan Carlos Onetti": Dort war es zuerst die Einladung zu einer Gastprofessur in Washington, die Vargas Llosa dem Werk Onettis widmete. Erst danach fasste er den Gedanken, seine Vorträge in eine kohärente, äußerst spannend erzählte Monografie umzuwandeln.

In "Alles Boulevard" war eine andere Vorgabe bestimmend: Der Autor fasste verschiedene Aufsätze zusammen, die er zwischen 1995 und 2011 für "El País" geschrieben hat, und verfasste ausgehend von diesen Texten eine Kulturkritik. Der einleitende Teil trägt den Titel "Metamorphose eines Worts", darin wird die Sicht des Autors in der Betrachtung einiger kulturkritischer Bücher der vergangenen sechzig Jahre vorgestellt. Danach folgen die sechs Kapitel des Buchs, die jeweils einen längeren Aufsatz zu grundlegenden Themen der Gegenwart enthalten: "Die Kultur des Spektakels", "Kleiner Diskurs über die Kultur", "Verbieten verboten", "Das Verschwinden der Erotik", "Kultur, Politik und Macht", "Das Opium des Volks". Ein abschließender Teil ist mit "Schlussgedanken" betitelt: Darin summiert Vargas Llosa ein weiteres Mal einige Thesen des Buchs und erwähnt den weltweiten Einfluss der digitalen und virtuellen "Welt" auf das Verhalten ihrer Benützer, auf Bildung, auf das Lesen von Büchern.

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Dokument erstellt am 2013-11-14 20:08:09
Letzte nderung am 2013-11-15 12:43:24



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