• vom 17.01.2014, 14:00 Uhr

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Update: 17.01.2014, 14:23 Uhr

Arno Schmidt 100. Geburtstag

Witz und Wut und Bildungsgut




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Von Michael Rohrwasser

  • Auch an seinem (vermutlich) 100. Geburtstag ist Arno Schmidt noch immer der ernsthafte Sprachspieler, dessen Werk sich allen Schnellerklärungen und Deutungsschablonen entzieht.

Arno Schmidt und seine "Kühe in Halbtrauer". Porträt von Jens Rusch.

Arno Schmidt und seine "Kühe in Halbtrauer". Porträt von Jens Rusch.© Foto: Wikipedia Arno Schmidt und seine "Kühe in Halbtrauer". Porträt von Jens Rusch.© Foto: Wikipedia

Je länger wir auf Arno Schmidt schauen, desto fremder schaut er zurück - ist er der große Einzelgänger, als der er einst (1964) im "Spiegel" gefeiert wurde oder doch der "unerträglich pampige Oberlehrer", als den sein erster Verleger, Ledig-Rowohlt, ihn gesehen hat? Hat Alfred Andersch recht, der ihn (1955) als großen Sprach-Revolutionär feierte, oder ist er doch eher der Sprachgläubige, der sich "am liebsten in seine beschreibbare Umwelt auflösen möchte", wie Oswald Wiener 1979 postulierte?

Ja - aber
Jetzt, wenn wir seinen hundertsten Geburtstag feiern (aber auch dieses Datum steht in Frage), ist er der große rätselhafte Autor des Nachkriegs geworden (freilich: gibt es einen Autor ohne Rätsel?). Ein wenig glühende Zigarettenasche ist zielgenau auf seine Hochzeitsurkunde gefallen, dorthin, wo sein Geburtsjahr stand, und Schmidt hat dann einige Male betont, dass er tatsächlich vier Jahre älter sei. Man hat jedenfalls den Eindruck, es sei immer noch zu früh, das große Werk zu heterogen, um sich auf eine bündige Formel zu einigen wie "gewaltiges Frühwerk und solipsistisches Spätwerk, in dem die Außenwelt allmählich verschwindet".


Verzichten wir also auf Konsensformeln, denn immer müsste man ein "ja aber" anhängen. Man kann beispielsweise mit einigen guten Argumenten seine vielgelobte Übersetzung des Werks von Poe kritisieren, und gleich noch die Übersetzungen seines Mitarbeiters Hans Wollschläger, aber was Schmidt bei Bulwer-Lytton und Stanislaus Joyce geleistet hat, reicht aus, um ihn auch als Übersetzer zu rühmen.

Noch mehr Rätsel gibt uns die Wirkungsgeschichte des "Heidedichters" auf. Es war ein unglaublicher Weg nach oben, den Arno Schmidt in der Adenauer-Ära angetreten hat, und das ganz ohne Gruppe 47, heraus aus dem schlesischen Abseits, nicht zum auflagenstarken, aber zum legendenumrankten, ja: berühmtesten deutschen Dichter, der poeta doctus in der Einsamkeit der Lüneburger Heide, wo die Kühe immer noch Halbtrauer tragen, zu dem jene, die in ihm ihren Wahlvater, den Antipoden von Adenauer, gefunden hatten, wallfahrten, und dem Jan Philipp Reemtsma so etwas wie einen alternativen Nobelpreis gestiftet hat. Er war zum Herrscher einer virtuellen Gelehrtenrepublik aufgestiegen, Liebling nicht nur der literarischen Nerds, der, als man ihm schließlich den Goethe-Preis verlieh, durch seine Gattin Alice mitteilen ließ, dass er, mit seiner 100stündigen Arbeitswoche, kein Verständnis für die gewerkschaftliche Forderung einer 35-Stunden-Woche habe (hinter der Betonung seiner Arbeitswut mag sich das schlechte Gewissen des Schriftstellers verbergen).

Kein anderer Autor hatte sein eigenes "Dechiffrier-Syndikat", in dem sich die Jünger zusammenschlossen, und eine Zeitschrift, die in bislang 377 Nummern Beiträge zum Werk versammelt (den "Bargfelder Boten"), es gibt sogar einige Liebeserklärungen von Leserinnen, unter anderem von Elke Schmitter und Juli Zeh (wichtig zu erwähnen, denn Schmidt hing bald der Ruf eines Buben-Autors an), und es gibt im Zweitausendeins-Verlag sogar eine Buchreihe, in der jene Bücher wieder aufgelegt wurden, die Schmidt seinen Lesern empfohlen hatte, die "Haidnischen Alterthümer", die inzwischen ein ganzes Brett im Bücherregal einnehmen (schaut man noch einmal kritisch zurück auf diese schön gebundenen Bände mit Silberschnitt, dann sind keine wirklich großen Bücher darunter, von Schnabels "Insel Felsenburg" abgesehen, aber der Rezensent kann sich täuschen).

Inzwischen geht man auf Konferenzen nicht mehr so zimperlich mit ihm um, was vielleicht die andere Seite der Vaterverehrung ist. Hatte Hans Wollschläger einst "Sitara" als "urkomisches Buch voll flitzenden Gelächters" gerühmt, so ist dies nach Schmidts Ableben für ihn "eine mörderische Schwulenhatz" geworden. Ein gewöhnlicher oder typischer Nachkriegsautor war Schmidt gewiss nicht. Wo andere mit Optimismus in die Zukunft blickten und einen Strich ziehen wollten oder sich ins Reich der ewig-schönen Poesie fantasierten, blieb Schmidt beharrlich bei Themen, die die Leser verstören mussten: Atomkriegs-Szenarien, Emigration auf den Mond, Schattenwelten mit Kriegsdeserteuren.

Wie schreibt man nach Auschwitz, wie kann man im Schatten dieses Genozids leben, wie ist ein Wiederaufbau möglich auf dunklen Massengräbern? Wo andere nach vorne schauten und die Fahne des Wiederaufbaus und des Optimismus schwangen, herrscht Düsternis im Kosmos von Schmidt. Am Anfang steht der zornige Autor, der die Frage, wie die Überlebenden es in den Alltag des Nachkriegs geschafft haben, immer aufs Neue und anders beantwortet. Schmidts Frühwerk ist eine Sammlung verschiedener Anläufe zu einer Antwort. In "Leviathan": Wir haben es nicht geschafft, stecken fest oben auf der Brücke, wo die Lokomotive zum Stillstand gekommen ist und konnten nur noch eine Flaschenpost herabschleudern; in "Brand’s Haide" ist es die vertraute Figur des Kriegsheimkehrers, dem eine Konservendose als Tasse dient und die Reintegration als Hilfslehrer kaum möglich ist; in "Seelandschaft mit Pocahontas" heißt die Antwort: Wir haben uns in den Sex gestürzt, um zu vergessen, was wir gesehen haben. (Schmidt verwandelt sich einen Moment lang in den deutschen Henry Miller!) Seine Ich-Erzähler sind Kriegsheimkehrer, Deserteure, Versehrte, Flüchtlinge, aber keine Melancholiker und Pathetiker, sie klammern sich an ihr erlesenes Wissen, trumpfen auf damit und beeindrucken die Frauen (sie hängen vielleicht dem Glauben an, die Bildung sei eine Art von Schutzschild gegen NS-Ideologie).

Das Arbeitszimmer des Autors in Bargfeld.

Das Arbeitszimmer des Autors in Bargfeld.© Foto: apa/dpa/Christoph Schmidt Das Arbeitszimmer des Autors in Bargfeld.© Foto: apa/dpa/Christoph Schmidt

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Dokument erstellt am 2014-01-16 18:44:09
Letzte Änderung am 2014-01-17 14:23:48



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