• vom 04.04.2014, 11:00 Uhr

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Update: 04.04.2014, 11:01 Uhr

Literatur

Erotik als Ersatzfreiheit




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Von Oliver vom Hove

  • An Milan Kunderas Lebens- und Werkgeschichte ist die politische Entwicklung seiner Generation in der Tschechoslowakei gut ablesbar. Vor wenigen Tagen ist der in Paris lebende Autor 85 Jahre alt geworden.

Flüchtete 1975 in den Westen: Milan Kundera, hier im Jahr 1980. - © wikimedia/flickr/Elisa Cabot

Flüchtete 1975 in den Westen: Milan Kundera, hier im Jahr 1980. © wikimedia/flickr/Elisa Cabot

Um zu lachen, muss man ein Gesicht haben. Dieser Satz stammt zwar von Majakowskij, könnte einem jedoch auch in Milan Kunderas vielbändigen Legenden der Lieblosigkeit unversehens zwischen den Zeilen entgegenfallen. Dem Menschen sein Gesicht zu bewahren angesichts der Lächerlichkeit der Lebenswelt, ihrer Erstarrung und Verkarstung unter den Händen lebensfeindlicher Verwalter - das könnte man als den geheimen Impuls der Romanschreibkunst Kunderas ausmachen. In nahezu allen seinen Büchern wird der Stillstand von Gefühlen als Ausdruck erzwungener gesellschaftlicher Stagnation beschrieben.

Kundera legt das Innenleben erstarrter Verhältnisse bloß - und rettet damit seinen Figuren die physiognomische Beweglichkeit. Die Melancholie einer selbstverlorenen Sinnlichkeit macht er zur Verbündeten einer absurden Komik.


Abschiedsrondo
In dem anfangs der siebziger Jahre, noch vor seiner Emigration 1975 in den Westen, in der Tschechoslowakei verfassten Roman "Abschiedswalzer" - nach der Meinung vieler sein Hauptwerk - ist diese Komik schon im Schauplatz festgelegt: einem trauerumflorten Badeort, zu dessen Heilquellen sich unfruchtbare Frauen mit heftigem Kinderwunsch flüchten. Doch schwanger ist dort die junge Badeschwester Rosa, der die anderen Umstände gar nicht gelegen kommen, zumal sie zwischen zwei möglichen Vätern zu wählen hat. Aus ihrer Not und dem Wunsch, dem tristen Quellgrund zu entkommen, macht sie ein Fluchtprogramm: Sie zieht den berühmten Jazztrompeter Klima, mit dem sie bei einem Gastspiel die Nacht verbracht hat, ihrem bisherigen Freund vor, von dem nie ein Ortswechsel zu erwarten wäre.

Der zum Kindesvater erkorene Trompeter freilich gerät ob Rosas Ansinnen in Panik, ist er doch bereits verheiratet und zudem von früheren unerwarteten Vaterschaften gezeichnet. Der Versuch, die von guter Hoffnung erfüllte Rosa mittels männerbündlerischer Machenschaften zur Abtreibung zu bewegen, geriete leicht zur abgeschmackten Lokalposse, läse man nicht dank Kunderas epischer Regiekunst jene lebensfeindlichen Prinzipien heraus, nach denen die geschilderte Gesellschaft reglementiert wird.

Alle in diesem böhmisch-bitteren Abschiedsrondo möchten die triste Wirklichkeit, in der Gedanken wie Gefühle ausnahmslos als Illusion oder Lüge diskreditiert sind, möglichst schnell verlassen. Da dies nicht gelingt, lebt man in der gefälschten Wirklichkeit wie in einer echten, sind Lüge und Illusion die einzig gebräuchliche Eichung der Maßstäbe. Die Erotik bahnt sich ihre eigenen Um- und Abwege. Selbst der Tod (in Form einer Giftpille für den Ernstfall) wendet sich tragischerweise der Falschen zu. Nur ein schweijkisch-schlauer Gynäkologe überlistet die in den Ausstand getretene Natur und rückt der symbolträchtigen Unfruchtbarkeit mit gar nicht so künstlichen Mitteln zu Leibe.

Wo alles Täuschung ist, so hat uns Kundera in seinen Büchern gezeigt, bedient sich die Wirklichkeit des Scheins, um sich durchzusetzen. Davon wird nach und nach alles menschliche Leben überschattet. Selbst der Individualismus der Erotik verspricht kaum mehr Erlebnisse der Identität. Voll bitterem Sarkasmus lässt der Autor die trotzige Pathetik seiner Figuren ins Lächerliche hinübergleiten.

Schmerz und Resignation Kunderas sind in diesem Roman nicht mehr in solch schneidende Ironie verwandelt wie in seinem Romanerstling "Der Scherz", freilich auch noch nicht so mutwillig philosophisch "geläutert" wie im Weltbestseller "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Es ist spürbar des Autors eigener Abschiedswalzer, der hier auf dem Spiel steht - eine böhmische Valse triste, die in Kunderas Heimat, so musste man es erleben, sich noch bis 1989 wie in einer Endlosrille weiterdrehte.

An Milan Kunderas Lebens- und Werkgeschichte ist in allem Für und Wider die politische Entwicklung seiner Generation in der Tschechoslowakei ablesbar, von den Hoffnungen der Jungen nach dem Abzug der deutschen Besatzer samt manch ungestümer Zustimmung zu kommunistischen Idealen über den Kampf um Befreiung vom totalitären Joch bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen samt darauf folgender bitterer Trübnis.

Der Autor indes, nach 1968 mit Berufsverbot geschlagen, hatte sich sieben Jahre später dieser bedrückenden Stagnation durch Flucht in den Westen entzogen. Paris war seit dem frühen 20. Jahrhundert der Sehnsuchtsort der tschechischen Künstler gewesen. Seine späteren Werke verfasste Kundera auf Französisch. Ohnehin haftete seinen Prosaarbeiten stets eine rationalistische Schärfe und Desillusionierung von Gefühlen an, die im Spätwerk merklich stärker wurden. Rabelais und Diderot zählten stets, neben Sterne, zu seinen Hausgöttern. In Paris lebt der Autor mit seiner Frau bis heute, zurückgezogen in einer Art "innerer Emigration".

Panerotik und Vitalität
In "Der Scherz" hatte Kundera Mitte der sechziger Jahre eine bittere Abrechnung mit seiner studentischen Vergangenheit als begeisterter Kommunist und deren Missbrauch durch die Partei vorgelegt. "Optimismus ist das Opium der Menschheit! Ein gesunder Geist mieft nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvig." Diese Scherzbotschaft, aus Übermut auf eine Ansichtskarte gekritzelt, um die Empfängerin, die linientreue Kommunistin Markéta, aus ihrer emotionalen Reserve zu locken, trägt dem Studenten Ludvig Jahn im geharnischten Strafsystem des Stalinismus nacheinander Verbannung, Zwangsdienst und Parteiausschluss ein. Der Ausgestoßene rächt sich später an seinem Hauptankläger, indem er dessen Frau verführt und missbraucht.

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Dokument erstellt am 2014-04-03 17:17:06
Letzte ─nderung am 2014-04-04 11:01:55



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