• vom 12.04.2014, 15:30 Uhr

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Amoklauf in der Gummizelle




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Von Katharina Schmidt

  • Akif Pirinçci holt in seinem neuen Buch "Deutschland von Sinnen" zum verbalen Rundumschlag gegen alle(s) aus.

Rauchender Vulkan - eruptiert: Akif Pirinçci lehrt Sarrazin das Fürchten.

Rauchender Vulkan - eruptiert: Akif Pirinçci lehrt Sarrazin das Fürchten.© SZ Photo/picturedesk.com Rauchender Vulkan - eruptiert: Akif Pirinçci lehrt Sarrazin das Fürchten.© SZ Photo/picturedesk.com

Wien. Vergessen Sie Thilo Sarrazin oder Henryk M. Broder. Es gibt einen neuen Tiefpunkt im Sumpf der Multikulti-Kritik. Der durch seine Katzenkrimis bekannt gewordene Deutsch-Türke Akif Pirinçci hat sich auf ein anderes Metier verlegt: die, wie er selbst sagt, "Schmähschrift".

"Deutschland von Sinnen" heißt sein vor kurzem erschienenes Elaborat, schon der Untertitel - "Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" - lässt nicht auf eine ausgewogene wissenschaftliche Analyse hoffen. Und es kommt schlimmer. Zwar behaupten sowohl Autor als auch Verlag, dass man ja gar nichts gegen besagte Gruppen habe. Eines stimmt dabei: Was Pirinçci in der unflätigen Sprache eines Spätpubertierenden von sich gibt, ist tatsächlich keine Kritik an Frauen, Homosexuellen und Zuwanderern, sondern ein Rundumschlag gegen alles, was ihm an der Welt nicht passt. So regt er sich über die "Überhöhung der abnormalen Sexualität" auf, die Ehe für Homosexuelle zu öffnen, könne nicht funktionieren, denn "eine Lebensweise, die immerwährend um Sex kreist, ist per se instabil".


Apropos Sex: Mehr als E. L. James in "Shades of Grey" kreist Pirinçcis Schreibe um - Pardon - "ficken". So attestiert er eine "masturbationsartige Beschäftigung der deutschen Medien mit dem Islam", den er als "reduziert auf den sexuellen Aspekt beziehungsweise auf die schier pathologische Beschäftigung mit der Unterbindung der weiblichen sexuellen Selektion" wahrnimmt.

Wenn es um seine eigene Beziehung geht, hat es Pirinçci nicht so ganz mit der weiblichen Selektion. Dass ihn seine Freundin nach 19 Jahren verlassen hat und jetzt mit einem anderen fernsieht, dürfte er nicht verwunden haben. Dazu erklärt er dem schon an Erschöpfungszuständen leidenden Leser viel zu detailreich, warum sich Frauen um die 50 von ihren langjährigen Partnern trennen, um dann einem der aus rein sexuellen Motiven handelnden männlichen Wesen auf einer Online-Dating-Plattform auf den Leim zu gehen. Da tut er einem fast leid, der Pirinçci.

Mit dem Mitleid hat er es selbst nicht so: Der Sozialstaat gehört abgeschafft, wer unverschuldet in Not gerät, wird von der Familie unterstützt. Die werde schon den nötigen Druck erzeugen, dass die Menschen wieder arbeiten. Überhaupt sind für Pirinçci alle Schmarotzer: Migranten, Staatsbedienstete, (Grün-)Politiker. Ganz besonderen Hass bringt er "garnichttalentierten, meist kryptokommunistischen demenzkranken Greisen" vom öffentlich Rechtlichen entgegen. Die EU ist böse, Gender Mainstreaming eine Geisteskrankheit und Nichtraucherschutz des Teufels.

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Dokument erstellt am 2014-04-11 16:23:04



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