• vom 04.07.2014, 16:57 Uhr

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Ingeborg-Bachmann-Preis

Liebhaberei




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Von Christina Höfferer

  • Wie der deutsche Autor Tobias Sommer das Wettlesen am Wörthersee erlebte.

Tobias Sommer stellte sich der Klagenfurter Jury.

Tobias Sommer stellte sich der Klagenfurter Jury.© Septime Verlag Tobias Sommer stellte sich der Klagenfurter Jury.© Septime Verlag

Klagenfurt. Wie geht es einem Autor, wenn sein Werk auf dem Prüfstand steht und er selbst in der Auslage des berühmt-berüchtigten Wettlesens am Wörthersee? Wir begleiten beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2014 den deutschen Autor Tobias Sommer, der im österreichischen Septime Verlag gerade seinen dritten Roman herausbringt und vom Schweizer Juror Juri Steiner eingeladen worden ist.

Das Leben folgt anderen Kriterien als das Gesetz, und doch tritt der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern mit den Argumenten der Gesetzestexte entgegen. Dieser Widerspruch steht am Beginn des Bachmann-Textes von Tobias Sommer, ein Text, der auch als eine Staatskritik zu lesen ist.


Ankunft - noch alles ruhig
Am ersten Wettbewerbstag der 38. Tage der deutschsprachigen Literatur landet der Autor mittags am Flughafen Annabichl, unweit vom Friedhof, auf dem Ingeborg Bachmanns Grab inzwischen zu einer Sehenswürdigkeit der Kärntner Hauptstadt geworden ist. Der Autor ist in Begleitung seiner Frau nach Klagenfurt geflogen, die vierjährige Tochter ist bei den Großeltern. "Wir erkundeten erst vom Hotel aus die Gegend, beim Stadttheater dachten wir, hier wäre die Veranstaltung, dann haben wir sie im ORF Zentrum gefunden - alles ist herrlich hier," zeigt sich Tobias Sommer begeistert von Klagenfurt. "Seit ich den Bachmann-Preis im Fernsehen sah, ist das mein Traum", sagt Sommer, "dass mein Text so intensiv besprochen wird und eine Woche lang nur die Literatur im Mittelpunkt steht."

Sommer hat sich schon immer für Literatur und Kunst interessiert, Gedichte und Kurzgeschichten an Literaturzeitschrift geschickt. "Alles wurde gleich abgedruckt, da dachte ich, vielleicht kann ich das ja doch." Sommer ist ein bescheidener Autor. Wohl weiß er, dass die meisten Teilnehmer eine einschlägige Ausbildung an Literaturinstituten absolviert haben, er aber ist ein Quereinsteiger. Hauptberuflich arbeitet der Autor beim Finanzamt. Zahlen und Gesetzestexte sind seine tägliche Domäne, abends und am Wochenende widmet er sich der Literatur. Spannend findet er, dass Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" ein Werk der klassischen experimentellen Literatur ist. Denn auch sein eigener Roman "Edens Garten" zählt zur experimentellen Literatur. "Die größte Angst ist, dass man zerrissen wird, wie das jedes Jahr passiert, aber da muss man dann durch", lautet Sommers Einschätzung der Lage vor seiner Lesung.

High Noon, Donnerstag um 12 Uhr. Der Autor hat den Leseplatz im Los gezogen. Zuhörer sind im großen Saal versammelt, ebenso wie in anderen Räumen des ORF-Zentrums und auf Bierbänken im Garten. "Steuerstrafakte (Inhalt: Leviathan)" ist Titel des Textes, der einen schwerwiegenden Verdacht gegen den Ich-Erzähler entfaltet. Dieser ist Freiberufler, Schriftsteller, schreibt Gedichte, Essays und Groschenhefte. Nur ein Werk von ihm erschien bis dato im festen Einband. Den Erlös verwendet er für Essen und Klamotten. Jetzt beschuldigt ihn der Staat, ihn betrogen zu haben. Delikt: Liebhaberei.

Mit der Kritik leben
Steiner reagiert auf die Lesung: "Die Situation ist kafkaesk, die Beschreibung auf wunderbare Art und Weise präzise wie die eines Feldforschers." Daniela Strigl lobt die virtuose Machart, mit der menschliche Machtverhältnisse beschrieben werden. Der Vorsitzende der Jury, Burkhard Spinnen meint: "Dieser Text nimmt mit auf eine Reise in ein Dienstzimmer eines Finanzbeamten" und outet sich: "Da war ich schon einmal. Der Vorwurf lautet: Dein Leben passt nicht zu unseren Akten. Man lebt doch anders."

Beim Bürgermeister-Empfang für die Bachmann-VIPs in Maria Loretto reflektiert der Autor: "Dass mein Text virtuos gefunden wurde, das hat mich sehr gefreut. Sprachlich war nicht viel zu bemängeln, mit der Kritik kann ich leben. Ich bin froh und gut drauf, ich wurde nicht zerrissen."

Ist das Schreiben jetzt ein Verlustgeschäft, wie der Steuerprüfer unterstellt? "Ein Verlustgeschäft ist es nie. Wenn jemand sich entscheidet zu schreiben, dann hat er schon gewonnen." Tobias Sommer will die Tage in Klagenfurt noch genießen und schauen was passiert: "Ich werde auf jeden Fall weiterschreiben, definitiv."




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Dokument erstellt am 2014-07-04 17:02:09



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