• vom 12.10.2014, 15:00 Uhr

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Update: 12.10.2014, 17:46 Uhr

Michail Lermontow

Rebellion und Weltschmerz




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Von Oliver vom Hove

  • Vor 200 Jahren wurde der russische Romantiker Michail Lermontow geboren, der als junger Mann bei einem Duell ums Leben kam. Seine Literatur allerdings ist noch heute lebendig.

Michail Lermontow, gemalt von Piotr Zabolotsky (1837). - © Wikipedia

Michail Lermontow, gemalt von Piotr Zabolotsky (1837). © Wikipedia

Immer diese frühen Lebensauslöschungen im Duell. Waren die russischen Dichter vor knapp zwei Jahrhunderten todessüchtig? Der Mutwille vieler, sich in einen Zweikampf auf Leben oder Tod zu begeben, schien umgreifend verbreitet.

So auch bei Michail Jurjewitsch Lermontow, der immer wieder die Herausforderung zu einem Duell provoziert hat. Bis er am 27. Juli 1841 in einer durch seine Sticheleien hervorgerufenen Fehde um die Gunst einer jungen Frau im bewaffneten Zweikampf mit dem russischen Major Nikolaj Martynow den Tod aus dessen Pistolenlauf fand. Da war er noch nicht einmal 27 Jahre alt.


In seinem Gedicht "Ein Traum" hatte er kurz zuvor eine Ahnung bekundet, dass er auf solche Weise sterben könnte: "In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde / Lag still ich da, im Herzen das Geschoß; / Es rauchte noch die tiefe Todeswunde, / Draus sickernd tropfenweise mein Blut entfloss. // Still lag ich da, im heißen, gelben Sande, / Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf / Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte / Vergebens mich; ich träumt im ewigen Schlaf."

"Der Dichter fiel..."
Vier Jahre vor ihm, am 8. Februar 1837, war Russlands Starpoet Alexander Puschkin im Duell so schwer verwundet worden, dass er zwei Tage später verschied. Dieser Tod des geliebten Dichters aus grundlos angestachelter Eifersucht hatte Lermontow zutiefst erschüttert. In einem ungedruckten, jedoch in Abschriften zehntausendfach verbreiteten poetischen Epitaph klagte er: "Der Dichter fiel! - Von Schurken wähnte / Er seiner Ehre sich beraubt. / Nicht mehr ertrug das Herz des Dichters / Der Schwätzer niederträchtiges Spiel, / Gegen die Meinung des Gelichters / Stand einsam er wie je... und fiel!" Und Lermontow klagte an: "Nun schweigt sein Lied, das uns beflügelt. / Der wunderbare Glanz ist aus: / Des Sängers Lippen sind versiegelt, / Und eng und düster ist sein Haus. / Doch ihr, die ihr von verrufnen Vätern / Herkommt und abgelernt Betrug und Niedertracht, / Ihr Ehrabschneider, ihr Gewürm von Missetätern, / Die ihr die Edelsten verlacht und elend macht! / Ihr, die ihr dicht am Thron euch prügelt um die Plätze, / Der Freiheit und dem Geist dient als Henkersknecht! / Versteckt euch nur im Schatten der Gesetze, / Denn wo es euch angeht, da schweigt das Recht!"

Solch ein Frontalangriff auf den Thron und die Petersburger Hofgesellschaft blieb unter der unumschränkt autoritären Herrschaft des Zaren NikolausI. nicht ohne Folgen. Lermontow wurde verhaftet und anschließend in ein Militärregiment im Kaukasus versetzt. Dort fand er indes nicht im Kampf gegen die aufständischen Bergvölker den Tod. Im Gegenteil: Abseits aller Härte, mit der sich die einheimischen Stämme bereits damals gegen die russische Herrschaft auflehnten, bewunderte der Dichter die erhabene Natur des Kaukasus: "Hier atmet alles Einsamkeit. Hier ist alles rätselhaft - sowohl die dichten Lindenalleen, die sich über den Bach neigen, der sich mit Tosen und Schäumen von Klippe zu Klippe stürzend einen Weg durch die grünen Berge bahnt, als auch die Schluchten voller Dunkel und Schweigen. Eine herrliche Landschaft! Von allen Seiten unbesteigbare Berge, rot schimmernde Felsen, die von Efeu behangen und von Platanengehölzen gekrönt sind, gelbe Abbrüche mit stark eingezeichneten Wasserrinnen, und hoch oben der goldene Saum der Schneefelder. . ."

Lermontow wurde der "Sänger des Kaukasus". Der vor 200 Jahren, am 15. Oktober 1814, geborene Dichter - väterlicherseits Abkömmling schottischer Zuwanderer aus dem 17. Jahrhundert, mütterlicherseits aus dem Hochadel stammend - hatte sich in seiner Jugend mit seiner Großmutter oftmals im Kaukasus aufgehalten. Nun entdeckte er diese Welt voll Zauber und Schrecken wieder: "Ich war noch ein Kind, als ich von euch schied, / Ihr südlichen Berge! - Doch wer euch gekannt, / Behält euch im Herzen so wie ein Lied, / Ein Lied von der Heimat, vom Vaterland", so beginnt sein frühes Gedicht "Mein Kaukasus". In vielen seiner betörenden Dichtungen preist er die Schönheit und Erhabenheit dieser zerklüfteten Landschaft.

Ein Verehrer Byrons
In den Anfängen von Lermontows schmalem, doch für die russische Literatur bahnbrechenden Werk ist der große Lord Byron als romantisches Exempel stark gegenwärtig. Der in ganz Europa verehrte Byron hatte 1824 am Fuß des Helikon, in Missolonghi, im Kampf um die Freiheit Griechenlands den Malariatod erlitten.

Wie Puschkin ist auch Lermontow durch und durch eine byronsche Erscheinung: Rebellische, unduldsame Gemütsverfassung, Widerwille gegen Unterdrückung von Völkern und Gesellschaftsschichten, feuriges Temperament bei gleichzeitigem Hang zum Weltschmerz.

Auch von seinem verehrten Vorgänger Puschkin ließ sich der Verskünstler Lermontow anfangs stark beeinflussen. Doch bald löst er sich von allen bewunderten Vorläufern und wird, auch mit Verserzählungen, Dramoletten und einem leidenschaftlich-effektvollen Bühnenstück ("Maskerade", 1835), zum bedeutendsten Dichter der russischen Romantik, der sogar als Maler und Zeichner Beachtliches hinterlassen hat.

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Dokument erstellt am 2014-10-09 18:59:15
Letzte ─nderung am 2014-10-12 17:46:10



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