• vom 21.10.2014, 14:33 Uhr

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Update: 21.10.2014, 15:06 Uhr

Jura Soyfer

Der Dichter der Menschenliebe




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Von Edwin Baumgartner

  • Jura Soyfer setzte den großen sozialen Problemen seiner Zeit eine Dichtung entgegen, die konsequent für das menschenwürdige Leben agitiert.

Jura Soyfer im Wiener Stadtpark im Jahr 1936. - © Foto. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes DÖW

Jura Soyfer im Wiener Stadtpark im Jahr 1936. © Foto. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes DÖW

Es ist eines der schönsten Gedichte in deutscher Sprache: "Denn nahe, viel näher, als ihr es begreift,/Hab ich die Erde gesehn./ Ich sah sie von goldenen Saaten umreift,/Vom Schatten des Bombenflugzeugs gestreift/Und erfüllt von Maschinengedröhn./Ich sah sie von Radiosendern bespickt;/Die warfen Wellen von Lüge und Haß./Ich sah sie verlaust, verarmt - und beglückt/Mit Reichtum ohne Maß."

So beginnt das "Lied von der Erde", das den Schlusspunkt in dem sonst kabarettistischen, wenngleich auch unendlich menschlichen - mehr noch: menschenliebenden Stück "Weltuntergang" setzt. Der Autor dieses Stücks ist Jura Soyfer, der trotz seiner Geburt am 8. Dezember 1912 in Charkow, heute Ukraine,damals Russisches Kaiserreich, als österreichischer Autor gilt. 1920 floh die begüterte jüdische Familie vor den Kommunisten nach Baden und übersiedelte bald darauf nach Wien.


Humanist bis zum Tod
Der 15-jährige Soyfer studierte die Schriften von Karl Marx, begeisterte sich für den Sozialismus und schrieb für die sozialistische "Arbeiter-Zeitung". Nach den Februar-Kämpfen 1934 trat er der illegalen KPÖ bei, verfasste Flugblätter und agitierte. Das wird gerne ausgeblendet von jenen Vertretern einer sozialistischen Kultur, die Soyfer gerne für die eigene Ideologie vereinnahmen würden. Soyfer schrieb, neben Artikeln und dem Fragment gebliebenen Roman "So starb eine Partei", vor allem Theaterstücke, die, nach dem Vorbild Bertolt Brechts, den Typus des Volksstücks mit Kabarett und Liedern kombinieren, und das in durchaus agitatorischer Absicht. Doch Soyfers tiefer Humanismus lässt das distanzierte epische Theater umschlagen in Emotionalität, sogar Pathos, und ermöglicht dem Zuschauer, nicht nur durch Anschauung zu lernen, sondern mit den Menschen im Existenzkampf mitzufühlen. Soyfer feiert dabei das Leben trotz Mühsal und Not: "Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,/Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,/In Armut und in Reichtum grenzenlos./Gesegnet und verdammt ist diese Erde,/Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,/Und ihre Zukunft ist herrlich und groß", heißt es im "Lied von der Erde".

Seine eigene Zukunft ist jedoch überschattet, und sein Leben wird durch die Verbrechen des Nationalsozialismus beendet. 1937 wird Soyfer aufgrund einer Verwechslung inhaftiert, 1938 im Zuge der Generalamnestie für "Politische" entlassen. Die Flucht vor den Nationalsozialisten misslingt. Am 13. März 1938 wird Soyfer festgenommen, ins KZ Dachau verschleppt und von dort ins KZ Buchenwald, wo der Dichter der Menschenliebe unter den unmenschlichen sanitären Zuständen an Typhus erkrankt und am 16. Februar 1939 stirbt. Im KZ Dachau hatte er als letztes Werk das "Dachau-Lied" gedichtet. Den Humanismus konnte ihm selbst das KZ nicht austreiben: "Bleib ein Mensch, Kamerad" dichtete er selbst noch in menschenunwürdiger Umgebung.

Jura Soyfer - Paradies und Untergang
in "Diagonal - Radio für Zeitgenoss/innen" am Samstag, 25. Oktober, um 17.05 Uhr auf Radio Ö1


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-21 14:38:04
Letzte ─nderung am 2014-10-21 15:06:20



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