• vom 24.01.2015, 11:00 Uhr

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Update: 26.01.2015, 10:20 Uhr

Literatur

Zehn kleine "Eposlein"




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Von Hermann Schlösser

  • Unbekannte Kurzprosa von James Joyce.

Nachdem James Joyce sein Groß-Epos "Ulysses" 1922 abgeschlossen hatte, machte er sich daran, den Klang- und Assoziationsreichtum dieses Meisterwerks noch zu überbieten. Freilich wusste er nicht sofort, wie er das anstellen könne; er experimentierte mit kurzen Texten, die er "epiclets" nannte. In diesen "Eposlein" spielte Joyce mit mythischen Motiven und archaischen Erzählmustern, parodierte irische Märchen und Heldensagen, verfasste eine recht frivole Version von "Tristan und Isolde", kurz, er mischte erhabene Stilelemente mit Kalauern und Obszönitäten.

In einem exzessiv aufwendigen Schreibprozess entwickelte sich aus diesen Keimzellen dann das Super-Epos "Finnegans Wake". Es ist in einem Joyceschen Spezialidiom verfasst und nur noch den leidenschaftlichsten Verehrern zugänglich, die bereit sind, sehr viel Zeit, Liebe und Fleiß in die Lektüre zu investieren.


Wesentlich bequemer wird man mit den zehn pseudomythologischen Kurztexten fertig, die jetzt in Friedhelm Rathjens glanzvoller Übertragung auf Deutsch erschienen sind. Ihr Titel, "Finn’s Hotel" erinnert daran, dass Nora Barnacle, die spätere Frau Joyce, in eben diesem Hotel als Kellnerin gearbeitet hat, als der Dichter ihr erstmals begegnete. Solche privaten Bezüge sind für Joyce ebenso wichtig gewesen wie die Verweise auf Tristan und Isolde.

Nun verlässt Joyce auch in diesen Vorübungen zu "Finnegans Wake" schon den Pfad der orthografischen und lexikalischen Korrektheit. Er verwendet die Wörter nicht so, wie sie im Wörterbuch definiert werden, sondern so, wie sie ihm gerade passen. In Rathjens Übersetzung heißt es zum Beispiel: "Nun, ich leg’s dir einfach dar wie ein Mannorfrau einandran, was zum dingsedida Dräumleinn tust du wohl beispielsweis offenraus vermuten ..." und so weiter, in jener lautmalerischen Sinnvervielfältigung, die das Werk des modernen irischen Barden Joyce auszeichnet. Wer jedes Wort eindeutig verstehen möchte, muss mit Enttäuschungen rechnen. Wer sich aber der Joyceschen Suada anvertraut wie einem Musikstück, kann seine helle Freude daran haben.

Gewiss: Der Dichter hegte auch tiefsinnige Gedanken über das Weiterleben des Mythos in der Moderne oder über eine universale Literatursprache, die den Einengungen der Einzelsprachen (Englisch, Deutsch, Latein usw.) entrinnen könnte. Aber all diese Theorien wären nur kulturgeschichtlich interessant, wenn James Joyce nicht einer der größten Wortmusiker der Weltliteratur gewesen wäre. Wer seinen erhaben-ordinären Gesang in voller Schönheit vernehmen will, wird um eine (mehrmalige) Lektüre des "Ulysses" nicht herumkommen. Aber seine "epiclets" geben doch auch einen schönen Eindruck von den Eigenheiten seiner Prosa. (Das Buch ist im Hörverlag auch als CD erschienen: Das Vergnügen, das der Schauspieler Burghart Klaußner offenkundig beim Vorlesen der Texte hat, überträgt sich unmittelbar auf jeden, der Ohren für etwas überkandidelte Sprachspielereien hat.)

James Joyce

Finn’s Hotel

Hrsg. von Danis Rose. Mit einer Einführung von Seamus Deane. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 102 Seiten, 17, 95 Euro.

Auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner, Hörverlag, München 2014, 17,99 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-23 11:11:05
Letzte ─nderung am 2015-01-26 10:20:05



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