• vom 14.04.2015, 17:24 Uhr

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Update: 14.04.2015, 17:59 Uhr

Rom-Krimi

"Rom ist voller Kokain"




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Von Christina Höfferer

  • Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini zeigen im Rom-Krimi "Suburra" die Hintergründe von Macht, Kriminalität und Gewalt.

Journalist und Richter, Nebenberuf Schriftsteller: Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo.

Journalist und Richter, Nebenberuf Schriftsteller: Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo.© Giliola Chiste Journalist und Richter, Nebenberuf Schriftsteller: Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo.© Giliola Chiste

Rom. Die Suburra ist ein Stadtviertel von Rom nahe beim Kolosseum, im geographischen Zentrum der Stadt. Schon in der Antike befanden sich hier die Bordelle. In diesem Viertel trafen Patrizier und Plebejer einander und vermischten sich.

Der Roman "Suburra" erzählt auch von dieser Vermischung. Gewalt und Korruption halten die Stadt in "Suburra" in Atem. Wie genau, das zeigen der Richter Giancarlo De Cataldo und der Journalist Carlo Bonini bis ins kleinste Detail. Sexpartys werden gefeiert und Köpfe abgeschlagen. Die Brutalität kennt keine Grenzen. Die Figur des post-faschistischen Killers "Samurai" ist von einem tatsächlich existierenden, mittlerweile verhafteten römischen Mafia-Boss inspiriert.


"Wiener Zeitung": Am 1. November 1975 gab der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini dem Journalisten Furio Colombo ein Interview. Auf die Frage des Journalisten, welchen Titel er dem Interview geben solle, antwortete Pasolini: "Wir sind alle in Gefahr." Einen Tag danach wurde er tot am Strand von Rom aufgefunden. Fühlen Sie sich Pasolini verbunden?

Giancarlo De Cataldo: Mein Roman "Suburra" bezieht sich auf einen kulturellen Humus, der zum ersten Mal von Pasolini definiert wurde. Die Welt der Peripherien Roms hat sich jedoch von Grund auf verändert. Wenn wir es zusammenfassen wollen, dann bestand die Welt von Pasolini aus Verbrechern, die Bürgerliche werden wollten. Die Welt, die ich beschreibe, besteht aus Bürgerlichen, die sich wie Verbrecher benehmen.

Carlo Bonini: Wir alle sind jetzt in noch größerer Gefahr. Die italienische Lebenswelt ist in vieler Hinsicht heute noch schwärzer als zu Lebzeiten von Pasolini. Heute herrscht noch größere Verzweiflung. "Suburra" ist nicht nur eine Metapher für Rom, sondern für ganz Italien.

Die Korruption macht in Rom auch nicht vor den Richtern halt.

De Cataldo: Vor einigen Jahren wurde ein bestochener Richter eingesperrt. Laut der Telefonprotokolle sagte er: "Ich hätte als Mafioso auf die Welt kommen sollen. Das ist ein schönes Leben, Frauen, Champagner und Hotels." Ein bestimmter Lebensstil ist heute zum Modell für einen Teil des italienischen Bürgertums geworden. Früher suchten sich die Kriminellen den Notar, den Anwalt und den Arzt als Vorbilder aus, Leute, die ruhig in ihrem Bett starben, respektiert und umgeben von Enkeln, Kindern und Verwandten.

"Suburra" dagegen beschreibt, wie einer der Protagonisten, Sebastiano, aus der Rechtschaffenheit in die Kriminalität abgleitet.

De Cataldo: Die Geschichte des Unternehmers, des Vaters von Sebastiano, der Selbstmord begeht, ist die Geschichte eines ehrlichen Unternehmers, der von der Krise erwürgt wird.

Ist "Suburra" der Roman der Krise?

De Cataldo: Die Handlung von "Suburra" ist in den letzten sechs Monaten des Jahres 2011 angesiedelt, als die Krise Italien in der Zange hielt. Die Geschichte des Sohnes Sebastiano nimmt einen Verlauf, der auf das Böse zusteuert. Es handelt sich um das Schwären einer tiefgreifenden Wunde, die ihm von der Gesellschaft zugefügt wurde, die seinen Vater in den Selbstmord getrieben hat.

Wie sieht die Verbindung zwischen Staat, Wirtschaft, Politik und Intellektuellen heute in Italien aus?

De Cataldo: Meiner Ansicht nach ist das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft, zu der die Intellektuellen gehören, noch nie auf einem solchen Tiefpunkt angelangt wie gerade jetzt in Italien. Die Politik ist der Zivilgesellschaft nicht vermittelbar, außer wenn Skandale und Korruptionen wie Mafia Capitale, auf der unser Roman beruht, ans Licht kommen.

Bonini: Ich denke, das ist ein Ergebnis der letzten 20 Jahre. Die Schäden, die der Berlusconismus als Weltbild hervorgebracht hat, sind langfristige Schäden für das Land. Zu diesen Schäden gehört auch die Selbstgenügsamkeit der Politik gegenüber jenem Teil der Gesellschaft, der mit dem hässlichen Wort Zivilgesellschaft bezeichnet wird. Aus dem lebendigen Teil der Gesellschaft, der Kultur und den Intellektuellen, sollte die Politik ihre Inspiration beziehen. Wir befinden uns jedoch in einem Land, wo die politische Klasse als vollkommen losgelöst vom Rest des Landes wahrgenommen wird. Das bringt weder das Land weiter noch die Politiker.

Darauf reagieren die Staatsbürger, indem sie nicht mehr wählen.

De Cataldo: Das ist ein neues Phänomen. Italien war immer ein Land, wo sehr viel gewählt wurde. Als wir Kinder waren, wählten 80 bis 90 Prozent der Italiener. Bei den letzten Wahlen in der Emilia Romagna, einer traditionell roten Region, wählten 37 Prozent. Das ist ein besorgniserregendes Zeichen von Müdigkeit und Resignation.

Wenn am Beginn von "Suburra" eine Prostituierte während einer Sexparty mit einem Parlamentarier in einem Hotelzimmer nahe beim Campo dei Fiori stirbt, ist das tatsächlich passiert?

Bonini: Das ist eine romanhafte Version, die sich an einem tatsächlichen Ereignis inspiriert. Die Szene ist so passiert, die Prostituierte ist aber nicht gestorben. Das Ganze fand im Zentrum von Rom statt. Ein Abgeordneter der Republik wurde angehalten, weil einer Prostituierten während eines Festchens in einem Hotelzimmer schlecht geworden ist.

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Schlagwörter

Rom-Krimi, Mafia, Bestseller, Suburra

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Dokument erstellt am 2015-04-14 17:29:10
Letzte Änderung am 2015-04-14 17:59:18



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