• vom 21.06.2015, 13:00 Uhr

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Comix, Sex und Blues




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Tricks und Spielchen
Sein Repertoire an Tricks und Drehs ist scheinbar unerschöpflich. In "Böses Karma" schiebt er nach Art von Werbeunterbrechungen einen Spot mit Mr. Natural - eine der bekannten Gestalten und Alter Egos aus seinem reichen Figureninventar - ein, um zu einer grandiosen Publikumsbeschimpfung auszuholen: "Seien wir ehrlich, Sie sind nicht übermäßig helle -, eher eine Schlummerlichtglühbirne . . .", die im nächsten Augenblick in heuchlerisches Lob umgewandelt wird. "Aber sehen Sie, wie Sie sich von mir in ein paar Comic-Panels haben herumkommandieren lassen?"

Crumbs Medienkritik macht vor seinen eigenen Comics nicht halt, sondern wird als Lektüreschlüssel geradezu mitgereicht. Der Hauptschlüssel ist dabei die Ironie, insbesondere die Selbstironie. Unübersehbar sind Crumbs Comics Satire, Parodie und Persiflage. Zeichnerisch erreicht er das durch eine Kombination aus realistisch grundierter Zeichnung und grotesker Verzerrung, der abwechselnden disproportionalen Hervorhebung einzelner Körperteile, primär unter besonderer Berücksichtigung der sekundären Geschlechtsmerkmale, dann aber auch der primären sowie aller weiteren. Bis hin zur völligen Deformation und berstenden Auflösung - genau, in den 1970er Jahren übrigens unter dem Einfluss von vielleicht kostspieligem LSD.

Autobiografisches
Um Crumbs Bedeutung zu würdigen, muss man hervorheben, dass er seit den 1960er Jahren autobiografisches Erzählen überhaupt erst in das Medium des Comics eingeführt und dadurch enorm bereichert hat. Der rezente Boom an Graphic Novels wäre ohne seine Wegbereitung kaum denkbar.

Dazu musste sich der Zeichner erst einmal über die Einschränkungen des "Comics Code" hinwegsetzen, der in den 1950er Jahren in den USA als eine Art Selbstzensur eingerichtet wurde, die die gestalterische Freiheit des Comics beschnitt und ihn als Medium für Erwachsene nachhaltig uninteressant machte. Die gesellschaftliche Umbruchszeit der 1960er Jahre zwischen katholischer Erziehungstradition und den Ambivalenzen einer freien und befreiten Sexualität bilden den Hintergrund für Crumbs Tabubrüche, in denen soziale Satire und sexuelle Subversion ineinander verschränkt sind.

Weil Crumb die heiße Kartoffel des sexuellen Begehrens derart unzimperlich in die Hand nimmt und mit den verbotenen Fantasien seiner Zeit experimentiert, lassen sich seine Comics als archäologische Mitschrift sexueller Fantasien einer Generation lesen, als Bilderspeicher einer Epoche. Mit seinen Adaptionen von Krafft-Ebings "Psychopathia sexualis" aus dem Jahr 1912 oder Sir James Boswells "Londoner Tagebuch" aus dem Jahr 1762, ebenfalls in "Nausea", zieht der Archäologe Crumb sorgfältig gewählte historische Verbindungslinien zu diesem Thema.

Neben derart therapeutischen Comic-Offenbarungen enthüllt "Mister Nostalgia" eine andere Welt und eine andere Seite des Autors: Der Band ist Crumbs Huldigung an die höchst einflussreichen, aber von der Geschichte schnöde vergessenen Sänger und Musiker des Mississipi-Blues der Zwanzigerjahre, wie Charley Patton, Henry Sloan, Son House, Tommy Johnson.

Crumb, der in frühen Jahren selbst die letzten vorhandenen Platten aus dieser Zeit gesammelt hatte, beteiligt sich mit seinen Zeichnungen an der Ausgrabung dieser untergegangen Kultur. "Die ganze alte Musik liegt unter den Schichten all der Musikmoden verschüttet", die jeweils ihre Vorgänger "zu Grabe getragen" haben. Ein weiteres Mal erweist sich Crumb als Archäologe, dem es diesmal um die Rettung einer verloren gegangen Kultur geht. Der schwarze, derbe ländliche Blues war mit dem Börsenkrach und der Wirtschaftskrise in den USA verschwunden und wurde erst in den 1970er Jahren von einigen Liebhabern wiederentdeckt.

Nostalgie und Kritik
Fröhlich-heiter spielt Crumb mit den dunklen Mythen und romantischen Projektionen, die sich um die Geschichten wilder Außenseiter ranken, oder lässt sie als Rückspiegelung und Gegenbilder aktueller Modeentwicklungen erscheinen. Sogleich wird Crumb, soeben noch sentimentaler Nos-talgiker, angesichts der Fülle gegenwärtiger widriger Erscheinungen - die laute Musik, die schlechten Rhythmen, die entsetzliche Mode -, zum gekonnten Nörgler (als wäre er ein Wiener), zum spöttischen Satiriker und Sänger des Anti-Establishment-Blues.

Crumbs Verneigung vor dem kulturellen Erbe des Blues ist keineswegs eine isolierte Eskapade eines ansonsten auf stramme nackte Frauenkörper fixierten, sexbesessenen Comiczeichners. Seine bereits erwähnten Adaptionen (von Krafft-Ebing, Boswell, Kafka oder der Genesis) untermauern Crumbs genuines Interesse an der Wahrung des kulturellen Gedächtnisses, als eines Organs, das erinnert, gräbt, reflektiert und immer wieder überraschende Verbindungen herstellt.

Literatur:

Robert Crumb: Mister Nostalgia. Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt sowie von Heinrich Anders. Reprodukt, Berlin 2014.

Robert Crumb: Mein Ärger mit Frauen. Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt. Reprodukt, Berlin 2013.

Daid Zane Mairowitz / Robert Crumb: Kafka. Aus dem Amerikanischen von Ursula Grützmacher-Tabori. Reprodukt, Berlin 2013.

Robert Crumb: Nausea. Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt. Reprodukt, Berlin 2012.

Robert Crumb: Das Buch Genesis. Carlsen, Hamburg 2009.

In Vorbereitung: Fritz the Cat. Aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders, Reprodukt, Berlin 2015.

Martin Reiterer, geboren 1966, Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit dem Medium Comic.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-06-18 14:20:06
Letzte ─nderung am 2015-06-19 12:30:03



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