• vom 26.06.2015, 21:36 Uhr

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Update: 26.06.2015, 21:38 Uhr

Interview

Literatur-Ufos und Wörtherseeforellen




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Von Christina Höfferer

  • Tex Rubinowitz über Bachmann-Moleküle, Überrumpelungspreise und schwimmende Literaten.

Trockenübungen für das Wettschwimmen? Tex Rubinowitz, entspannter Preisträger.

Trockenübungen für das Wettschwimmen? Tex Rubinowitz, entspannter Preisträger.© apa/H. Neubauer Trockenübungen für das Wettschwimmen? Tex Rubinowitz, entspannter Preisträger.© apa/H. Neubauer

Nächste Woche beginnt es wieder, das Wettlesen in Klagenfurt. Im Vorjahr gewann Tex Rubinowitz, Cartoonist und Schriftsteller, den Bachmann-Preis. Im Interview erzählt er über seine jahrelange Treue zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur.

"Wiener Zeitung": Wie ist Ihre Beziehung zu Ingeborg Bachmann?

Information

Tage der deutschsprachigen Literatur:
Eröffnung 1. Juli. Lesungen 2. bis 4. Juli.
Preisverleihung 5. Juli.
3sat überträgt jeweils live.

Website: bachmannpreis.orf.at


Tex Rubinowitz: Ich weiß, dass Ingeborg Bachmann die Namensgeberin eines Literaturpreises ist und dass sie das ganz ohne ihr Zutun wurde.

Sie reisen schon seit vielen Jahren regelmäßig zum Bachmann-Preis nach Klagenfurt.

Ich fahre seit mehr als zehn Jahren nach Klagenfurt zum Bachmann-Preis und habe vor einigen Jahren auch begonnen, Nebenaktivitäten zu machen, ein Quiz und einen Bachmann-Songcontest.

In Klagenfurt spielt sich das Leben im Sommer hauptsächlich am See ab. Der See ist auch ein Thema in Ingeborg Bachmanns Literatur, besteht da vielleicht eine Verbindung zu Ihnen?

Möglicherweise ist Frau Bachmann im See schwimmen gegangen, und ich habe ein paar Moleküle von ihr aufgenommen, ich hoffe mal! Aber der Wörthersee ist groß und es sind auch viele eigenartige Menschen drinnen. Ich habe kein Molekülometer, mit dem ich messen kann, ob ich ein paar Moleküle von ihr aufgenommen habe. Hoffen wir einmal, dass ich Moleküle von ihr aufgenommen habe oder Wasser geschluckt habe, welches Ingeborg Bachmann auch geschluckt hat.

Wann sind Sie das erste Mal zum Bachmann-Preis nach Klagenfurt gekommen?

Vor elf Jahren bin ich zum ersten Mal nach Klagenfurt gefahren, weil ein Freund von mir dort gelesen hat, Wolfgang Herrndorf. Ich lebe seit 30 Jahren in Österreich, aber ich kannte Klagenfurt überhaupt nicht. Wir haben dann gesehen, dass die Stadt nicht ganz am See liegt, sondern dass dazwischen dieser Kanal ist, der traumhaft ist. Am Kanal entlang geht es zum See. Der See selbst ist natürlich auch traumhaft.

Dort veranstalten Sie ja jedes Jahr das Bachmann-Wettschwimmen.

Wir kommen in einer großen Gruppe, und wir machen ein circa 200 Meter langes Wettschwimmen, bestritten von Literaten, Juroren und Presseleuten. Es kommen ja sehr viele Leute zum Bachmann-Preis. Wir schwimmen dann also zu dieser einen Boje, 200 Meter, und kehren dann um, und dann gibt es Preise zu gewinnen, der Vorjahressieger muss einen Preis stiften.

Wer gewinnt das Bachmann-Wettschwimmen?

Da gewinnt meistens eine Frau vom Verlag Klett-Cotta, eine Lektorin. Wir nennen sie die Wörthersee-Forelle. Und dann gibt es einen Letzten, den Stein. Den Stein gewinnt immer die Kathrin Passig, die auch einmal den Bachmann-Preis gewonnen hat. Die kann nämlich ganz viel, alles kann sie, nur schwimmen kann sie nicht. Kathrin Passig schwimmt nämlich hochkant.

Warum bewegt der Bachmann-Preis die Literaten dazu, schwimmen zu gehen?

Der Bachmann-Preis ist der Sonderfall der Literatur-Ufos, einer Anhäufung von blassen Menschen, die sich hochkonzentriert, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag der Literatur widmen, und zwar bis zu acht Stunden am Tag. Danach sind sie vollkommen erschöpft, gehen in die Lokale oder schwimmen.

Ist es das, was die Faszination des Bachmann-Preises ausmacht?

Ja, das ist eine totale Faszination. In Klagenfurt finden an Großereignissen sonst nur die Beachvolleymeisterschaft und das GTI-Treffen statt, zwei sehr sportive, sehr virile, sehr männliche Dinge, und dazwischen eingepackt ist dieses Literatur-Dingsbums. Wenn Beachvolleyball oder GTI-Treffen stattfinden, dann wird das viel mehr wahrgenommen von Klagenfurt als diese Literaturmenschen, diese Leute, die im Ufo dort landen und dann wieder verschwinden, für ein Jahr.

Wie war es dann, als Sie im Vorjahr plötzlich selbst den Bachmann-Preis gewonnen haben?

Mir ist das passiert. Ich habe ja nicht lange darauf hingearbeitet, sondern ich wurde überrumpelt. Ich habe ja nie vorher eingeschickt, sondern Frau Strigl hat mich eingeladen und ich habe das schon als Ehre empfunden, dort lesen zu dürfen. Dass ich einen kleinen Preis bekomme, ja vielleicht, aber den Hauptpreis, davon bin ich immer noch überrascht und überrumpelt.

Wie gehen Sie damit um, Bachmann-Preisträger zu sein?

Ich nehme das als ein Geschenk und hefte mir das nicht ans Revers: "Ich bin der Bachmann-Preisträger." Ich würde mir jetzt nicht eine Krone auf den Kopf setzen oder es mir anstecken wie einen Orden.

Sie haben eine sehr entspannte, fast distanzierte Haltung zum Bachmann-Preis, Sie gerieren sich nicht als der berühmte Dichter, der Autogramme austeilt. Und doch ist mit dem Preis auch großer Erfolg verbunden.

Viele Festivals oder Literaturhäuser laden einen ein, um sich mit einem Preisträger zu schmücken. Das ist interessant, wenn man vorher 50 Jahre lang rumgewurschtelt hat mit Minibeträgen, und dann kriegt man plötzlich zwar keine Riesenbeträge, aber viele kleine Beträge, man tourt ganz schön viel.

Woher kommt dieses plötzliche Interesse des Publikums an der Person Tex Rubinowitz?

Das hängt damit zusammen, dass Leute hingehen und schauen wollen: "Aha, so sieht ein Preisträger aus. Der ist auch unrasiert, kriegt graue Haare und hat schmutzige Fingernägel." Ich glaube, das ist ein Bedürfnis von jeder Art von Gesellschaft, einen Star zu sehen, zu sehen, wie ist der, ist der auch so wie wir. Ja, der kocht eben auch nur mit Wasser, oder hält den Ball eben auch flach.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-06-26 15:56:05
Letzte nderung am 2015-06-26 21:38:21



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