• vom 28.08.2015, 16:54 Uhr

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Update: 28.08.2015, 19:21 Uhr

Literatur

Von Gilgamesch bis "Slumdog Millionaire"




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Von Heiner Boberski

  • Ungleichheit ist seit Jahrtausenden ein Hauptthema der Literatur.

Mario Vargas Llosa (l.), ein Autor gegen die Ungleichheit: 2011 wurde in Wien sein Roman "Der Geschichtenerzähler" gratis verteilt. - © apa/Fohringer

Mario Vargas Llosa (l.), ein Autor gegen die Ungleichheit: 2011 wurde in Wien sein Roman "Der Geschichtenerzähler" gratis verteilt. © apa/Fohringer

Was haben der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen, der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa und die US-amerikanische Journalistin Katherine Boo gemeinsam? Sie alle sind Schriftsteller, aber mit einer besonderen Eigenschaft. An ihnen und anderen Autoren demonstrierte der deutsche Literaturexperte Ottmar Ette gemeinsam mit der Freiburger Anglistin Barbara Korte in einem Seminar beim Europäischen Forum Alpbach "Die Erfahrung von Ungleichheit in der Literatur".

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont der Professor für Romanische Literaturwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam, dass Ungleichheit wohl das älteste Thema der Literaturen der Welt ist: "Schon im Gilgamesch-Epos am Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus wird am Anfang die Stadt Uruk in Mesopotamien vorgestellt, und die ist ungleich aufgeteilt. Es gibt Unterschiede zwischen den Stadtteilen, die für die Menschen sind, und denen, die für die Götter sind. Unter den Stadtteilen für die Menschen gibt es die der Herrschenden und die dicht bevölkerten Teile der Stadt. Also Ungleichheit ist schon in den ersten Versen des Epos da. Und es geht ganz wesentlich darum, wie man zwischen den Menschen, zwischen Menschen und Göttern, zwischen Menschen und Tieren, Menschen und Pflanzen, Menschen und Dingen zusammenleben kann."


Rousseaus Diskurs
Die Frage des Umgehens mit Ungleichheit, des Zusammenlebens unter ungleichen Voraussetzungen findet sich, so Ette, dann im Lauf der Entwicklung in allen Kulturen, so auch in der chinesischen und arabischen Literatur. Für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist das Werk "Tausendundeine Nacht" ein markantes Beispiel. Scheherazade, die von der Gnade ihres Mannes abhängig ist, erzählt ihm Märchen, um ihren Kopf zu retten.

Im 18. Jahrhundert veröffentlichte Rousseau seinen Diskurs über die Ungleichheit - ein wichtiger Text auf dem Weg zur Französischen Revolution, die Gleichheit als eines ihrer Hauptziele neben Freiheit und Brüderlichkeit auf ihre Fahnen schrieb, aber auch zur kurz darauf erfolgten Haitianischen Revolution. Ottmar Ette merkt dazu an: "Er unterscheidet zwischen einer natürlichen und einer moralisch-politischen Ungleichheit. Natürliche Unterschiede bestehen zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Statur, Kraft, Ausstattung und so weiter, aber es gibt auch Unterschiede, die, wie wir heute sagen würden, sozio-politisch und auch ökonomisch fundiert sind, Unterschiede in der sozialen Hierarchie, in der ökonomischen Potenz, in den politischen Möglichkeiten. Er führt diese Diskussion im Bereich der Philosophie, sie gehört aber mehr dem Bereich der Literatur an, denn er erzählt."

Für Rousseau gibt es also von der Natur her ungleiche Anlagen, aber eine so fundamentale Ungleichheit, wie sie die Sklaverei darstellt, kann nicht mit der Natur der Dinge begründet werden, sondern ist auf menschliche, soziale, politische, ökonomische Faktoren zurückzuführen. Ette hebt Sklaverei als eines der zentralen Themen von Ungleichheit hervor, in all ihren unterschiedlichen Formen quer durch die Geschichte bis zu modernen Formen von Sklaverei, wie sie Mario Vargas Llosa exemplarisch in seinem Roman "Der Traum des Kelten" darstellte. Sklaverei werde in der Literatur sehr durchgängig thematisiert, schon im Gilgamesch-Epos, aber dann vor allem ab der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels.

Kaum ein Autor hat das Thema Ungleichheit völlig vernachlässigt. Während weitgehende Gleichartigkeit diese Welt ziemlich langweilig machen würde, ist die Gleichwertigkeit aller Menschen das Postulat einer humanistisch geprägten Gesellschaft. Ette weist auf Anton Wilhelm Amo hin, den ersten schwarzafrikanischen Philosophen. Amo wurde 1707 als Vierjähriger in Ghana versklavt, kam nach Europa und wurde einem deutschen Fürsten geschenkt. Man ließ den aufgeweckten Jungen studieren.

"Er war dann brillant", sagt Ette, "und spielte in einem System radikaler Ungleichheit die Ausnahme. Aus dieser Erfahrung versuchte Amo, philosophische Wege zur Überwindung einer solchen Ungleichheit zu entwickeln. Und da ist sein Betonen des Begriffs Äquipollenz, dass also die Dinge ihre gleiche Gültigkeit haben, sehr wichtig, weil er nicht, wie zum Beispiel Toleranz, auf einer grundsätzlichen Ungleichheit beruht. Wenn ich jemanden toleriere, heißt das, dass ich ihn aushalten, ihm aber nicht unbedingt mit Respekt oder Achtung begegnen muss. Ich kann aber innerhalb des Konstatierens von Ungleichem gegenüber dem anderen auch eine Haltung einnehmen, in der die Differenz fortbesteht und zugleich eine ganz starke Achtung vor der Differenz des anderen besteht. Und das ist letztlich damit gemeint."

Ungleichheit der Sprachen
Es gehe darum, dem anderen nichts von der Gültigkeit seines Denkens zu nehmen und Formen und Normen zu finden, wie man in der Ungleichheit zusammenleben kann. Unterschiedliche kulturelle oder sprachliche Ausrichtung führt zum Problem der Übersetzung von Literatur. Es komme vor, dass sich eine Sprache über einen bestimmten Zeitraum stark durchsetzt, weiß Ette.

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Dokument erstellt am 2015-08-28 16:59:04
Letzte Änderung am 2015-08-28 19:21:29



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