• vom 10.10.2015, 15:00 Uhr

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Literatur

Bekenntnis und Beichte




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Von Marco Schickling

  • Welch ein Lebenslauf! Drei Briefbände zeigen die dramatischsten Jahre des Dichters Hermann Hesse vom pietistischen Elternhaus bis zu "Siddhartha".

Hermann Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola. Foto: dpa

Hermann Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola. Foto: dpa Hermann Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola. Foto: dpa

Es hat was für sich, nacheinander drei Briefbände eines Autors zu lesen, dessen Leben und Werk für seine stufenartige Entwicklung gepriesen wird. Es hat was, da Hermann Hesse (1877-1962) in seinen Briefwechseln wie in seinen Dichtungen Bekenntnis und Beichte ablegt. Und zwar ohne Unterbrechung, nachvollziehbar in den mittlerweile vorliegenden drei einer auf sieben Bände angelegten und von Volker Michels herausgegebenen Sammlung. Mit dem bis jetzt verfügbaren Zeitraum von 1881 bis 1923 sind die dramatischsten Jahre des Dichters abgedeckt. Welch ein Lebenslauf ergibt sich aus dieser Personalakte!

Wirklich los geht es 1890 mit den Briefen des 12-Jährigen, der eine private Lateinschule fernab von zu Hause besucht. Da folgt er noch dem Pfad, den seine pietistischen Eltern für ihn vorsahen: Pfarrer oder Theologe, was sich am besten mit einem Stipendium für das evangelisch-theologische Seminar im Kloster Maulbronn machen ließ. Um die Aufnahmeprüfung, das sogenannte Landesexamen zu bestehen, schicken sie ihn auf besagte Lateinschule in Göppingen. Da er auch vor Ort wohnen muss, gewöhnt er sich das Briefschreiben an, um der Familie daheim seine vielen Schuleindrücke zu schildern.


Kindheitstrauma
Das Getrenntsein und Weggegebenwerden von den Eltern ist das zentrale Trauma in Hesses Kindheit und Jugend. Aus dieser sich wiederholenden Erfahrung erwächst rasch ein dramatischer Konflikt mit ihnen sowie eine lebenslange Suche nach Nähe und Liebe. Während seiner außerplanmäßig kurzen Maulbronner Schulzeit kommt es zur Initialzündung, einer pubertären Revolte, die aufs Ganze geht, bis zum Selbstmordversuch. Was folgt, sind hilflose Abschiebungs- und ominöse Heilungsversuche der Eltern, die den widerspenstigen Sohn von einer Anstalt zur anderen schicken, wo er rasch pathologisiert wird (Befund: "Schizophrenie").

Höhepunkte im ersten Briefband sind die Schreiben des 15-Jährigen an den Vater, welche die für Hesse mehr als nur pubertäre Kampfansage enthalten "Ich gehorche nicht, und werde nicht gehorchen". Geschrieben sind sie in einer "Heilanstalt für Schwachsinnige und Epileptische", begleitet von wilden Gedichten. Je lauter Hesse in ihnen die Distanz betont, desto spürbarer wird sein Bedürfnis nach Verbundensein.

Es ist erstaunlich, wie Hesse hier - und später in allen Krisen - sprachliches Kapital aus der Not schlägt, rasch einen eigenen, neuen Stil findet. Die helfende Hand kommt ihm, und das wird eine zentrale Erfahrung, von der Literatur: Heine, Turgenjew, Schiller. Nicht zu übersehen ist die zeitweilig enge Bindung, die der 17-Jährige an seinen jungen Deutschlehrer Kapff hat. Dieser ist der Erste, der seine poetischen Neigungen und überhaupt den ganzen Burschen ernstnimmt.

Das gegenseitige Interesse geht so weit, dass beide planen, gemeinsam nach Brasilien auszuwandern! Nach missglückter Schul- und Schlosserlaufbahn lässt sich Hesse letztlich auf eine Buchhändlerlehre ein, die ihm Gelegenheit gibt, ein finanziell und literarisch unabhängiges Leben zu führen. So kommt es, dass Hesse im März 1896 in Wien in der Zeitschrift "Das Deutsche Dichterheim" zum ersten Mal als Autor die Bühne betritt. Es hat zwölf Jahre gedauert, bis er die Reichshaupt- und Residenzstadt das erste Mal besucht, im Jahr des 60-jährigen Regierungsjubiläums Franz Josephs. Er ist mittlerweile ein bekannter und viel gelesener "freier" Schriftsteller, dessen Romane "Peter Camenzind" und "Unterm Rad" ihm eine junge Schar von Lesern und Dichterkollegen zugeführt haben. Er ist verheiratet und Vater. Zurück aus Wien, wo er einen Vortrag gehalten hat, schreibt Hesse am 4. November 1908 an seine Eltern:

"Die Wiener gefielen mir wegen ihrer Höflichkeit und gutmütigen Behaglichkeit nicht übel, sind aber dabei ziemlich faul und weichlich, mit wenig Energie und Rückgrat. Anders sind ein paar Steiermärker, die ich kennenlernte. Das sind auch vergnügte und heitere Menschen, aber dabei fleißig und tüchtig."

Diese Wienreise war zwar eine Lust-, aber auch eine Frustreise. Denn nach vier Ehejahren war Hesse zunehmend von depressiven Episoden heimgesucht. Seine Künstlerexistenz und sein Freiheitsdrang wollten sich ungern arrangieren mit der Rolle des Ehemanns, Familienvaters und Hausherrn am Bodensee, der er mittlerweile geworden war. Seine Briefe zeigen ein permanentes Flehen um (Männer-)Freundschaft, um Besuche und Ablenkung. Geschrieben sind sie wie von einem Single. So wie wir heute ungeduldig auf elektronische Lebenszeichen warten, muss dieser Mann sehnsüchtig auf Briefe gewartet haben.

Wie verzweifelt er ist, erkennt man daran, dass er auch Wildfremden intime Details aus seinem Leben preisgibt. Dagegen kommt die Entstehung seiner Gedichte und Romane kaum vor, die Reaktionen der Öffentlichkeit schon. Auffällig ist die permanente Betonung des Weines und des Sich-Betrinkens. Beichte und Bekenntnis, um sich verstanden zu fühlen oder als Lebensrechtfertigung? Definitiv als Autotherapie. Exemplarisch sein Selbstbefund am 14. 6. 1909 an den Kollegen Wilhelm Schäfer:

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-10-09 14:53:04
Letzte ─nderung am 2015-10-09 16:41:16



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