• vom 12.11.2015, 16:54 Uhr

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Update: 12.11.2015, 16:54 Uhr

Literatur

"Und Karl Moor so..."




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Von Christina Böck

  • Strategien im Bücher-Überfluss: Die einen lassen YouTube nacherzählen, die anderen treffen sich im "Slow Reading Club".

So viele Bücher, so wenig Zeit: In Zeiten der massiven medialen Ablenkung müssen eigene Strategien zum Literaturkonsum her. - © Zack Seckler/Corbis

So viele Bücher, so wenig Zeit: In Zeiten der massiven medialen Ablenkung müssen eigene Strategien zum Literaturkonsum her. © Zack Seckler/Corbis

Karl Moor und blaue Bande: Schillers "Die Räuber", gespielt von Playmobil- und Schlumpf-Ensemble.

Karl Moor und blaue Bande: Schillers "Die Räuber", gespielt von Playmobil- und Schlumpf-Ensemble.© Weltliteratur to go/YouTube Karl Moor und blaue Bande: Schillers "Die Räuber", gespielt von Playmobil- und Schlumpf-Ensemble.© Weltliteratur to go/YouTube

"Literatur ist schön. Aber für den Hausgebrauch viel zu lang. Ja, wenn man im 19. Jahrhundert in Schweden lebt oder sonstwo abgeschnitten von der Zivilisation, dann hat man vielleicht Zeit, einen 800 Seiten starken Roman zu lesen, in dem noch nicht mal eine Fantasyfigur vorkommt. Aber sonst?" Kann man jetzt nicht ganz von der Hand weisen, was Michael Sommer da sagt. Der deutsche Dramaturg hat Abhilfe für dieses Problem gefunden. Er betreibt auf YouTube einen beliebten Videokanal, auf dem er sich ausschließlich darum kümmert, dass Literatur nicht so verdammt lang dauert. Auf "Weltliteratur to go" versammelt er nämlich Kurzfilme, in denen er wichtige Werke der Literaturgeschichte mit Playmobil-Figuren im Eilverfahren nachspielt. Der längste Clip dauert da 18 Minuten, das ist kürzer als eine Folge der Sitcom "Big Bang Theory".

Matchbox-Gastrollen

Information

Internationale Buchmesse Buch Wien, noch bis 15.11.
Messe Wien, Halle D


Nun steckt in so einer Folge "Big Bang Theory" zugegeben auch viel Meta- und Intertextualität, aber so 18 Minuten kondensierter "Ulysses" von James Joyce ist dann doch noch einmal etwas ganz anderes. Die meisten der Videos dauern nur neun bis elf Minuten, und die Bandbreite der vorgestellten Werke reicht von allerlei Shakespeare-, Schiller- und Goethe-Dramen über Manns "Buddenbrooks" bis zu Wolfgang Herrndorfs "Tschick".

Sommer ist besonders gut bei Kurzzusammenfassungen von Charakteren. Im Playmobil-Clip von Goethes "Werther" sieht man Nebenbuhler Albert zum Beispiel gleich an, dass er keine Granate ist, weil er "noch nicht mal hübsche Löckchen hat". In "Die Räuber to go" spielen mit: "Karl, der Coole, mit dem Hipsterbart und Franz, der Fiese, mit der Bankerkrawatte". Auch optischer Humor kommt nicht zu kurz, etwa, wenn in Kafkas "Die Verwandlung" Gregor Samsa in seinem Bett aus Tempotaschentüchern als Käfer aufwacht. Als VW-Käfer. Die Sprache ist so jugendorientiert, dass sie auch beim "Gemma-Lugner-"-Publikum ankommen könnte: "Und Werther so..."

Natürlich sind solche spielerischen Abkürzungen zur Allgemeinbildung keine bahnbrechende Innovation. Schon Harald Schmidt hat in seiner Show komplexe historische Ereignisse - von der Mondlandung bis zur Französischen Revolution - und Kunstwerke verschiedenster Gattungen mit Playmobil-Personal legendär nachgestellt. Nicht erst heute erscheinen Fantastilliarden neue Bücher - derzeit wieder gut bei der "BuchWien" zu beobachten. Nicht erst heute fragen sich die Menschen: Wo die Zeit hernehmen, das alles zu lesen? Zumal es ja so viele Klassiker gibt, die man auch noch nicht alle gelesen hat? Kann man da nicht irgendwie vorspulen?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-12 16:35:07
Letzte ─nderung am 2015-11-12 16:54:58



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