• vom 12.12.2015, 14:00 Uhr

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Von Wolfgang Ludwig

  • Der Engländer Somerset Maugham, der vor 50 Jahren starb, war einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt - und dennoch voller Selbstzweifel.

Somerset Maugham mit (s)einer Büste, Dezember 1948.

Somerset Maugham mit (s)einer Büste, Dezember 1948.© Hulton-Deutsch Collection/Corbis Somerset Maugham mit (s)einer Büste, Dezember 1948.© Hulton-Deutsch Collection/Corbis

Seine angeborenen Gaben seien nicht bemerkenswert, meinte Somerset Maugham herabspielend über seine schriftstellerischen Fähigkeiten, obwohl er bereits zu Lebzeiten mehr als zehn Millionen Bücher verkauft und das Londoner Theaterleben jahrelang dominiert hatte. Bescheidene Äußerungen über sein Talent waren offenbar Programm. Wollte er damit bewusst Widerspruch erzeugen? "Ich wusste", heißt es an anderer Stelle, "dass ich keine lyrische Ader hatte. Ich hatte einen kleinen Wortschatz, und alle Anstrengungen, ihn zu vergrößern, blieben vergeblich."

Die zahlreichen Leser sind wohl anderer Meinung und lassen sich von seinen Texten mit Genuss oder Schaudern in andere Welten (ent-)führen, die ihnen völlig fremd sind. Diese Welten müssen nicht unbedingt auf anderen Kontinenten liegen, auch der Blick in das kalte Innere eines spanischen Klosters, in dem Bruder Jasper mit dem Glauben hadert und dafür äußerst brutal bestraft wird, jagt Schauder über den Rücken. Der detaillierte Realismus in der kurzen Erzählung "Der Glaube" ("Faith", in: "Orientations", 1899), der so typisch für diesen Autor ist, begegnet uns immer wieder in dessen Texten, engt zwar unsere Phantasie etwas ein, lässt dafür aber ein genaues Bild der Szenen in den Köpfen der Leser entstehen.


Geringer Wortschatz
Wer war nun dieser Somerset Maugham, der so große Selbstzweifel hatte? Seine Biographie, die wie ein von ihm erfundener Roman klingt, zeigt, dass es mit dem geringen Wortschatz wirklich etwas auf sich hatte, zumindest anfangs. Seine Eltern lebten als Engländer in Paris - der Vater war dort Patentanwalt und Vertrauensanwalt der Britischen Botschaft. Als bei der Mutter die Wehen einsetzten, brachte Vater Maugham seine Frau rasch in die Britische Botschaft, damit das Kind dort als britischer Staatsbürger am 25. Jänner 1874 zur Welt kommen konnte.

Somerset Maugham, aufgenommen im Jahr 1942.

Somerset Maugham, aufgenommen im Jahr 1942.Sylvia Salmi/ © Bettmann/CORBIS Somerset Maugham, aufgenommen im Jahr 1942.Sylvia Salmi/ © Bettmann/CORBIS

Somerset lebte in französischsprachiger Umgebung, zu Hause sprach man Englisch. Als seine Mutter und zwei Jahre darauf sein Vater starb, musste er als Achtjähriger mit dem französischen Kindermädchen zu seinem engstirnigen, streng religiösen Patenonkel nach England übersiedeln. Dessen erste Handlung war die Entlassung des Kindermädchens, um Somerset von seiner französischen Vergangenheit zu trennen.

Für den kleinen Somerset begannen qualvolle Jahre in einem englischen Internat in Kent. Er zog sich zurück, redete wenig und begann zu stottern, wofür er in der Schule reichlich verspottet wurde. In dem Roman "Der Menschen Hörigkeit" werden diese Jugendjahre thematisiert. Vielleicht war gerade das Stottern ein Anlass für Somerset, es als Kompensation mit dem Schreiben zu versuchen, denn Berufe, bei denen man reden musste, kamen einfach nicht in Frage. Trotz der Sprechbehinderung zeigte Somerset eine erstaunliche Sprachbegabung und befasste sich mit der deutschen Sprache, die er durch die deutsche Stiefmutter bei seinem Onkel kennenlernte und später, bei einem Studienaufenthalt in Heidelberg, perfektionierte.

Trotz erster vielversprechender Schreibversuche entschloss er sich auf Druck des Onkels zu einem Medizinstudium. In dem Roman "Rosie und die Künstler" ("Cakes and Ale", 1930) thematisierte er später seine Londoner Jahre. Dem Medizinstudium konnte er durchaus etwas Positives abgewinnen. Er wüsste, schreibt er später, "keine bessere Schule für einen Schriftsteller, als (. . .) in einem Krankenhaus zu arbeiten. Der Arzt sieht (die Menschen) unverhüllt".

1897 war ein Schicksalsjahr für den jungen Mann: Er schloss sein Medizinstudium ab, veröffentlichte seinen ersten Roman ("Liza von Lambeth"), mit dem er aufgrund der Milieuschilderungen eines Londoner Arbeiterbezirks sogar beträchtliches Aufsehen erregte, und sein Onkel und Vormund starb. Somerset fühlte sich befreit - und beschloss, seinen Weg forthin als freier Autor zu gehen.

Ständig auf Reisen
Im Herbst 1897 beginnt Somerset mit einer intensiven Wanderschaft, die ihn sein ganzes Leben nicht mehr loslassen sollte: Er fährt nach Sevilla, dann nach Capri, wo er nicht nur bisexuelle Erfahrungen sammelt, sondern auch - wie viele Künstler vor und nach ihm - von der Farbenpracht und der damals noch vorherrschenden Ruhe unter anderem zu der Erzählung "Der Lotusesser" angeregt wurde. Finanziell bringt er sich mit Zeitungsartikeln irgendwie durch. Viele seiner frühen Erzählungen hält er später für unzulänglich. Immer wieder versucht er beharrlich, seinen Schreibstil durch Übungstexte weiter zu entwickeln.

In London begegnet er der Schauspielerin Sylvia Ethelwyn Jones, zu der er die heftigste heterosexuelle Beziehung seines Lebens entwickeln sollte. Er macht ihr mehrmals Heiratsanträge, die sie jedoch alle ablehnt, ohne die intime Beziehung zu beenden. In dem Roman "Rosie und die Künstler" wird Sylvia zur Hauptfigur - und Somersets Liebesbeziehung zu ihr sehr plastisch dargestellt.

Während der Beziehung zu der Schauspielerin erlebte Somerset endlich den langersehnten künstlerischen und vor allem kommerziellen Durchbruch. Seine Stücke wurden ab 1908 in Londoner Theatern zu wahren Hits - zeitweise wurden bis zu vier seiner Stücke gleichzeitig gespielt, von deren Qualität er im Nachhinein aber nicht überzeugt war. Nach einer intensiven Affäre mit der Innenarchitektin Syrie Barnardo Wellcome zieht er sich wieder nach Capri zurück, wo er nun abgesichert leben kann und intime Freundschaften mit Männern eingeht. Hier entsteht auch sein umfangreichster Roman, "Der Menschen Hörigkeit" ("Of Human Bondage", 1915), in dem Maugham sein bisheriges Leben thematisiert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-11 14:41:10
Letzte ─nderung am 2015-12-11 16:05:05



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