• vom 17.12.2015, 17:12 Uhr

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Update: 17.12.2015, 17:26 Uhr

Das Schiff des Theseus

Schnitzeljagd als Hommage an das gedruckte Buch




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Von Christina Böck

  • "S. Das Schiff des Theseus": "Star Wars"-Regisseur J.J. Abrams hat mit dem Autor Doug Dorst ein hübsches Anti-E-Book gestaltet.

Bekritzeltes Buch mit allerlei Beilagen: "S.".

Bekritzeltes Buch mit allerlei Beilagen: "S.".© Moritz Ziegler Bekritzeltes Buch mit allerlei Beilagen: "S.".© Moritz Ziegler

Die Idee ist J.J. Abrams auf einem Flughafen gekommen. Da hat er ein Buch gefunden, in dem eine handschriftliche Botschaft stand: Wer dieses Buch findet, soll es lesen und dann für jemand anderen liegen lassen. Der "Star Wars"-Regisseur, der ja schon mit der Serie "Lost" neue Maßstäbe für ein Genre gesetzt hat, war davon so angetan, dass er das Buch "S. Das Schiff des Theseus" entworfen hat. Und jetzt wird’s kompliziert, handelt es sich doch bei "S. Das Schiff des Theseus" (KiWi) nicht einfach um einen simplen Roman. Ein Roman ist das Buch auch, aber eigentlich ist es ein Experiment. Und eine Hommage an das Lesen, die Literatur und die Forschung an Literatur.

Abrams’ Buchprojekt dreht sich rund um den Roman "Das Schiff des Theseus", angeblich von einem gewissen V.M. Straka, 1949 erschienen. Tatsächlich hat freilich der amerikanische Schriftsteller Doug Dorst diesen Kern von "S" für Abrams geschrieben. Die (limitierten) Ausgaben sind wie Bibliotheksleihobjekte gestaltet. Umso ungeheuerlicher, dass das Buch von oben bis unten vollgekritzelt ist. Auf den Seiten unterhalten sich - in einer Art analogem WhatsApp-Chat-Stil - die Studenten Eric und Jen. Und die flirten da nicht nur, sondern versuchen, die Identität des Autors V.M. Straka zu erforschen. Dazu finden sich denn auch allerlei Beilagen in dem Buch, wie Briefe, Postkarten, Fotos, Zeitungsausschnitte. Auch die Fußnoten, die der Übersetzer des Romans hinterlassen hat, wollen eine Hilfe sein - aber nur, wenn man den Code erkennt, der dahintersteckt. Es ist nämlich nicht nur Strakas Identität fraglich - er könnte eine Reihe von Menschen sein, aber auch ein kleines Mädchen, das Nachrichten einer Nonne aus dem Mittelalter channelt (die Theorie wird bald verworfen). Es gilt auch, herauszufinden, ob alle Verbrechen, die dem Aktivisten Straka zur Last gelegt werden - von der Ermordung Franz Ferdinands abwärts - auch wirklich von ihm begangen wurden.


Dabei verschränkt Dorst tatsächliche Geschichte und Fiktion - und das Gesamtkunstwerk geht sogar so weit, dass auch die erfundenen Personen Wikipedia-Einträge haben. Natürlich erweist sich ihre Recherche als nicht ungefährlich für die beiden Studenten - die Abenteuerhandlung des Romans bekommt einen handschriftlichen Thriller-Rahmen. Klingt kompliziert, ist es auch ein bisschen. Aber der Reiz von "Das Schiff des Theseus" liegt nicht in einer packenden Handlung, sondern im Spiel mit den Ebenen. Nicht zufällig erinnert der Titel an das antike Paradoxon, das die Frage stellt, ob ein Schiff, dessen Bauteile komplett ersetzt wurden, das alte oder ein anderes Schiff ist. Man kann aber abseits der Erzähltheorie dieses Buch auch einfach als ein ausuferndes Lese-Erlebnis genießen. Es holt den Trend zur Interaktiv-Belletristik, wie etwa bei Marisha Pessls Grusel-Roman "Night Film", der nur in Kombination mit Apps aufgelöst wurde, hat, ins Analoge zurück. So gesehen ist "S. Das Schiff des Theseus" ein sehr sympathischer Gegenentwurf zum E-Book, eine Hommage ans gedruckte Buch. Und womöglich ein Weihnachtsgeschenk für Literaturstudenten, die in ihren eigenen Forschungen eher selten so viel Dramatik erleben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-17 17:17:04
Letzte ─nderung am 2015-12-17 17:26:05



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