• vom 20.12.2015, 12:30 Uhr

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Nachkriegsliteratur

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Von Christian Teissl

  • In der Nachkriegszeit erschienen in Österreich mehrere Kleinbuchreihen mit junger Literatur. Ein gutes Beispiel ist die Reihe "Neue Dichtung aus Österreich", die 1955 entstand.

Ob am Stadtrand oder auf dem flachen Land, sie sind einander zum Verwechseln ähnlich, die Einfamilienhäuser der Nachkriegszeit: klobige Würfel mit Windfang, stets unterkellert und spitzgiebelig überdacht. Stünde auf jedem von ihnen neben der üblichen Hausnummer auch eine Seriennummer zu lesen, man wäre darüber nicht weiter erstaunt. Wie mit dem Siedlungswesen verhielt es sich anno Nierentisch auch mit der Buchproduktion hierzulande: Eine Kleinbuchreihe nach der anderen wuchs aus dem Boden, in Wien zumal, aber auch in den Bundesländern; es wurde nach Schema F produziert, weniger für den Buchmarkt als für die Autoren, zu Zwecken der Nachwuchsförderung.

Neue Namen
An neuen Namen herrschte in jenen Jahren kein Mangel, ein Erstlingswerk folgte auf das andere; das Ungewöhnliche unterschied sich nach außen hin kaum vom Unerheblichen, trug es doch das gleiche biedere Kleid. Wer heute als Solitär gilt, war damals einer von zahlreichen Jungen, und manches von dem, was heute Klassikerstatus beansprucht, wurde damals, da man das Wort "Nachwuchshoffnung" nur in der Mehrzahl gebrauchte, als literarische Dutzendware gehandelt.


Ein Dutzend kleinformatiger Taschenbücher, auf billigem Papier gedruckt, gab in der ersten Hälfte der 1950er Jahre Hans Weigel im Wiener Jungbrunnen-Verlag heraus, parallel zu seinen Jahrbüchern "Stimmen der Gegenwart". Der Zyklus nannte sich schlicht und einfach "Junge österreichische Autoren" - und hielt, was sein Name versprach, verhalf Jeannie Ebner und Marlen Haushofer, Herbert Eisenreich und Gerhard Fritsch zu ihren ersten selbstständigen Publikationen.

War man bei Jungbrunnen bemüht, die bescheidenen Broschüren mit individuell gestalteten Titelvignetten und Illustrationen aufzuwerten, so zeigte man zeitgleich im Grazer Verlagshaus Stiasny keinen Sinn für Buchschmuck. Entsprechend karg geriet denn auch die Reihe "Steirische Autoren": Hinter einförmig gestreiften Umschlägen verbergen sich qualitativ höchst unterschiedliche Debüts. Zwar wech-selte die Farbe von Nummer zu Nummer, das vertikale Streifenmuster auf dem Einband aber wurde nicht variiert, weshalb man in Fachkreisen scherzhaft von der "Pyjama-Reihe" sprach. Doch immerhin: neben etlichen obskuren Größen kamen hier auch zwei der nachmaligen Günderväter des Grazer Forum Stadtpark, Alois Hergouth und Emil Breisach, erstmals zu Buchehren.

Der Pyjama-Kollektion des Stiasny-Verlag ähnelt in der äußeren Aufmachung die "Österreich-Reihe" des Wiener Bergland-Verlags. Sie war von Anfang an nicht für den Nachwuchs bestimmt, gab sich weder jung noch alt, sondern zeitlos und epochenübergreifend. Ihr Anliegen war es, den geistigen Besitzstand der jungen Nation, ihr damals viel beschworenes "großes Erbe" zu sichten und in wohlfeilen Ausgaben zugänglich zu machen. Nicht von ungefähr startete sie im Staatsvertragsjahr 1955 mit dem Band "Maria Theresia in ihren Briefen und Staatsschriften".

Dieser Linie blieb man treu, noch mehrere hundert Bände lang, bot Einzelausgaben österreichischer Klassiker, auch solcher, die es nie zu Reclamehren gebracht haben, edierte in zwangloser Folge landeskundliche und historische Monographien neben populärwissenschaftlichen Werken zur österreichischen Kunst- und Musikgeschichte.

Die Österreich-Reihe - ein typisches Produkt der Ära Drimmel, ganz auf Repräsentation abgestellt - hatte erstaunlich lange Bestand, bis in die späten Kreisky-Jahre hinein; ihr Design wurde im Laufe der Zeit zwar vorsichtig modernisiert, das strenge Streifenmuster durch ein schlichtes Weiß ersetzt, ihr Programm jedoch blieb unverändert.

Gültige Werte
Diese Reihe steckte noch in ihren Kinderschuhen, da bekam sie bereits eine Schwester belletristischer Natur: die "Neue Dichtung aus Österreich". Auf der Bücherseite der "Wiener Zeitung" vom Sonntag, den 27. November 1955, wurde diese Edition streckbriefartig vorgestellt: Sie beschränke sich, heißt es dort, keineswegs nur auf eine Sparte der Dichtung, sondern pflege gleichermaßen Lyrik, Drama und Prosa. "Rudolf Felmayer, der als Herausgeber zeichnet, fügt jedem Band eine sehr knapp gehaltene biographische Notiz an, die das Wesentliche über den Autor mitteilt. In der Auswahl, vor allem der Gedichte und ihrer Zueinanderreihung, beweist er seine fühlsame Hand und seinen wachen Sinn für gültige Werte der Literatur."

Dass er über ein feines Senso-rium verfügte, insbesondere auf dem Gebiet der Lyrik, hatte der 1897 geborene Felmayer, selbst ein Lyriker mit breiter Ausdruckspalette, mehrfach unter Beweis gestellt, als Literaturredakteur im Wiener Funkhaus, in der sowjetisch kontrollierten RAVAG von den ersten Nachrkriegstagen an, als Lektor der Wiener Städtischen Büchereien, als Redakteur der kurzlebigen, doch lange nachwirkenden Literaturzeitschrift "PLAN".

An der von Felmayer betreuten Lyrikrubrik dieser Zeitschrift, der "Kleinen österreichischen Anthologie" zeigt sich bereits deutlich, worauf es ihm besonders ankam: auf die Stimmen aus dem Exil, die man sieben Jahre lang nicht mehr vernommen hatte, von denen man zum Teil gar nicht wusste, ob sie inzwischen verstummt waren, und auf die neuen unverbrauchten Stimmen der Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Diesen beiden Gruppen, Exil- und Nachwuchsautoren, ist der wesentliche Teil seiner Lebensarbeit als "Editeur und Almanachowes", als welchen sein Freund Gerhard Fritsch ihn bezeichnet hat, gewidmet. Für die Jugend rief er nach dem Ende des "PLAN" das Projekt "Tür an Tür" ins Leben, eine lose Folge gemeinschaftlicher Gedichtbände junger Autorinnen und Autoren von Christine Busta bis Karl Wawra unter Felmayers Patronanz. Der österreichischen Exillyrik widmete er 1955, dem fruchtbarsten Jahr seiner Laufbahn, die 400 Seiten starke Anthologie "Dein Herz ist deine Heimat", ungeachtet mancher Zugeständnisse an den Zeitjargon ein Standardwerk bis zum heutigen Tag.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-18 14:20:07
Letzte nderung am 2015-12-18 15:38:05



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