• vom 19.12.2015, 11:00 Uhr

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Der Gesang des Regens




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Von Otto A. Böhmer

  • Literarische und philosophische Anmerkungen zum Verhältnis von Natur und Poesie, unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Schriftstellerin Brigitte Kronauer.



Die Autorin Brigitte Kronauer, die am 29. Dezember ihren 75. Geburtstag begeht, hat sich in ihrem Werk auf vielfältige Weise mit der Natur auseinandergesetzt.

Die Autorin Brigitte Kronauer, die am 29. Dezember ihren 75. Geburtstag begeht, hat sich in ihrem Werk auf vielfältige Weise mit der Natur auseinandergesetzt.© dpa/Markus Scholz Die Autorin Brigitte Kronauer, die am 29. Dezember ihren 75. Geburtstag begeht, hat sich in ihrem Werk auf vielfältige Weise mit der Natur auseinandergesetzt.© dpa/Markus Scholz

In unserem Alltagsleben sind wir der Natur nicht mehr nah, sie erscheint als zugerichtete und begehbar gemachte Natur. Oder sie liegt fernab, dort wo es angeblich noch Freiheit und Abenteuer gibt. Vielleicht sind wir deswegen zu befangen, um uns der Natur noch mit jener Begeisterung zuwenden zu können, die einmal gängiges Verehrungsmuster war.

Für die große, die erhabene Natur, die als Gesamtkunstwerk gelten kann, bedurfte es allerdings schon immer einer besonderen Gestimmtheit; man musste in hohem Maße empfänglich sein. Der Stand, der dafür am ehesten in Frage kommt, sind die Dichter. Die Natur, die sie meinen, hat ihre eigenen, innigen Bilder: Um sie zu sehen, braucht es den etwas anderen Blick; um ihren Zuspruch zu vernehmen, muss man hinhören können. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert etwa spürte die Natur auch dort, wo sie für andere unauffällig war: "Gibt es einen schöneren Gesang als einen nächtlichen Regen? Ist irgendetwas so heimlich und so selbstverständlich, so geheimnisvoll und schwatzhaft wie der Regen in der Nacht? Haben wir so abgestumpfte Ohren, dass wir nur noch auf Straßenbahnklingeln, Kanonendonner oder Symphoniekonzerte reagieren? Vernehmen wir nicht mehr die Symphonien der tausend Tropfen, die bei Nacht auf das Pflaster plauschen und rauschen, lüstern gegen Fenster und Dachziegel flüstern, die den Millionen Mücken Märchen auf die Blätter, unter denen sie sich verkrochen haben, leis dommeln und trommeln, uns durch die dünnen Sommerkleider auf die Schulter tropfen und klopfen oder mit winzigen Gongschlägen in den Strom glucksen? Vernehmen wir nichts mehr als unser eigenes lautes Getue?"


Natur schenkt Bilder
Dem könnte auch eine heutige Dichterin zustimmen. Für die Hamburger Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer, die Ende des Jahres 75 Jahre jung wird, hat sich Natur schon länger als unverzichtbar erwiesen: "Natur erzeugt Stimmungen", sagte sie einmal in einem Interview, "Natur schenkt Bilder und ist für Schriftsteller vermutlich immer ein Ansporn, hinter eine bestimmte Farbe zu kommen, eine Tönung, einen Geruch, oder auch das Geheimnis einer großen Landschaftsformation, der man nie wirklich ganz erschöpfend nahekommen kann. Umgekehrt aber kann man über Sprache, über Dichtung (. . .) Natur-Bilder evozieren, nie total, nie umfassend, aber in Augenblicken, in Konzentrationen, in Übersteigerungen. Die gesamte Dichtung, vielleicht auch die philosophische Sprache, ist durchsetzt von Natur-Metaphorik, nähme man sie weg, würde fast gar nichts übrig bleiben."

Das Wesensmerkmal der Natur ist, von sich aus da zu sein. Sie hat den Menschen ins Dasein geworfen, tatsächlich aber braucht sie ihn nicht. Dass Natur gefährdet ist, dass ihr die Überwucherung durch blinde Vergesellschaftung droht, dass schließlich im Gefolge der sogenannten Globalisierung die natürlichen Lebensgrundlagen unseres blauen Planeten angegriffen werden, darauf kann man sich einigen, was noch nichts über die Konsequenzen besagt, die daraus zu ziehen wären.

Gegen die Klage über den allgemeinen Zustand der Natur darf man auch begründete Nostalgie stellen: Wir erinnern uns an das Naturschöne, an das, was uns nahe geht, uns anrührt, wenn wir uns auf Natur einlassen. Was aber ist es, das uns in der Natur anspricht und eine Schönheit empfinden lässt, die nicht hausgemacht ist?

Der Philosoph Theodor W. Adorno, der sich der Welt am liebsten mit dem Handgepäck der Theorie näherte, befand, dass Natur stets "mehr zu sagen scheint als sie ist". Das klingt nicht nur einleuchtend, sondern verweist wiederum auf die Umklammerungsstrategie, der sich die Natur durch den ihr lästig gewordenen Menschen ausgesetzt sieht. Er mag nicht von der Natur lassen; zugleich hat er, ab einem bestimmten geschichtlichen Verfahrensverlauf, seine Phantasie so wenig unter Kontrolle, dass er der Natur alles zuschreiben kann, was aus den Winkelzügen seines Daseins zu ihm aufsteigt.

Durchscheinendes Auge
Der Dichter Jean Paul schrieb: "Man genießet an der Natur nicht, was man sieht (sonst genösse der Förster und der Dichter draußen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefühl für Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe". Die Natur antwortet darauf mit wohltuender Selbstvergessenheit. Zwar hat sie im Menschen, warum auch immer, ein Bewusstsein hervorgebracht, aber sie selbst muss gar nichts von sich wissen. Was ihr an Wissen zugemutet wird, bringt ihr der Mensch bei, oft mit zweifelhaftem Nutzen. So kann er sich der wunderbaren Illusion hingeben, dass die Natur sogar zu ihm spricht, auch wenn sie, objektiv, gar nichts zu sagen hat. Ihre Botschaft liegt im Auge des Betrachters. Er glaubt zu erkennen, dass die Natur, ist er selbst denn in der passenden Stimmung, auf alle, fast alle Fragen eine Antwort hat.

Der amerikanische Philosoph und Dichter Ralph Waldo Emerson, der sein Glück in den Wäldern von Concord und im eigenen Garten fand, schreibt in seinem Essay "Nature": "Wenn ich im Zwielicht über ein kahles Stück Gemeindewiese gehe, durch Schneepfützen, unter einem bewölkten Himmel, ohne einen Gedanken an irgendein besonderes Glück, verspüre ich vollendete Heiterkeit. Meine Freude grenzt fast schon an Furcht. Auch in den Wäldern wirft der Mensch seine Jahre von sich wie eine Schlange ihre Haut und ist, in welchem Alter auch immer, stets ein Kind. (. . .) In den Wäldern (. . .) spüre ich, dass mir im Leben nichts zustoßen kann - keine Schande, kein Unglück (solange ich mein Augenlicht behalte), die die Natur nicht wiedergutmachen könnte. Ich stehe auf der nackten Erde, mein Haupt umweht von linden Lüften und erhoben in die Unendlichkeit des Raums, und alle niedrige Selbstsucht fällt von mir ab. Ich werde ganz zum durchscheinenden Auge."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-18 14:35:09
Letzte Änderung am 2015-12-18 15:44:04



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