• vom 23.12.2015, 15:57 Uhr

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Update: 23.12.2015, 17:07 Uhr

Astrid Lindgren

Ihr Mantel hängt noch an der Garderobe




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Von Lisa Arnold

  • Die Wohnung von Astrid Lindgren gibt Einblicke in ihr Familienleben.

Stockholm. "Astrid Lindgren war ein einfacher Mensch, unkompliziert und klug. Niemand konnte einen Fehler an ihr finden." Mit diesen Worten erinnert sich Kjell Bohlund an Europas bedeutendste Kinderbuchautorin des 20. Jahrhunderts. Der pensionierte Verlagschef von Rabén & Sjögren gab in seiner Karriere viele Kinderbücher heraus, darunter auch Editionen von Astrid Lindgrens Klassikern. Heute leitet Bohlund die Astrid-Lindgren-Gesellschaft, die Besucher seit November durch die Stockholmer Wohnung führt.

"Sobald ich eine freie Minute habe, arbeite ich": Lindgrens Wohnung ist ein Museum.

"Sobald ich eine freie Minute habe, arbeite ich": Lindgrens Wohnung ist ein Museum.© Lisa Arnold "Sobald ich eine freie Minute habe, arbeite ich": Lindgrens Wohnung ist ein Museum.© Lisa Arnold

60 Jahre lang lebte Astrid im zweiten Geschoß der Dalagatan 46. Im Flur steht ein runder Tisch, den Bohlund gut kennt: "Hier saßen wir oft, Astrid und ich, diskutierten Probedrucke und Verträge. Es war einfach, mit ihr zu arbeiten. Sie war atypisch für eine Schriftstellerin." Familienmensch Astrids bodenständige Persönlichkeit lässt sich am Türschild ablesen: A. Lindgren. Hinter der Tür schrieb sie sich ab 1945 mit Büchern wie "Pippi Langstrumpf" und "Ronja Räubertochter" zum Weltstar, bekochte an Sonntagen ihre Kinder und Enkel und starb 2002 mit 94 Jahren.

Mit Steno zu Weltruhm

Es gibt zwei kleine und zwei große Zimmer, eine Küche und ein Bad. "Die Einfachheit überrascht die Besucher", sagt Bohlund. "Doch als die Familie 1941 einzog, war es ein hoher Standard. Und dieser genügte Astrid auch später, sie wollte nie umziehen." Im Laufe der Zeit änderten sich die Lebensumstände und damit auch die Aufteilung der Räume. So funktionierte Astrid das Kinderzimmer von Sohn Lars zum Arbeitszimmer um, als er 1950 auszog.

Als unehelicher Sohn der damals 18-jährigen Redaktionspraktikantin Astrid Ericsson und des Chefredakteurs einer Lokalzeitung in ihrer Heimatprovinz Småland hatte er vier Jahre bei einer Pflegefamilie gelebt. Unterdessen baute sich Astrid in Stockholm als Sekretärin des königlichen Kraftfahrerverbands eine Existenz auf. Nach der Hochzeit mit Chef Sture Lindgren holte Astrid ihren Sohn zu sich. Nach der Geburt von Tochter Karin übersiedelte die Familie in die Dalagatan 46. Astrid Lindgren hatte nach einer bewegten Jugend ihren Platz gefunden.

Eigentlich brauchte Astrid gar kein Arbeitszimmer, um ihre in 90 Sprachen übersetzten Bücher zu verfassen. Die Literaturwissenschafterin Lena Törnqvist, die Lindgren durch den schwedischen Kinderbuchverband kannte und zehn Jahre deren Archiv ordnete, erinnert sich: "Astrid schrieb ihre Manuskripte in Stenografie auf Blöcke, gerne im Bett, im Wohnzimmer oder auf der Veranda des Sommerhauses. Sie redigierte sich selbst, indem sie die Texte laut las. Es dauerte zehn Steno-Versionen, bis sie zufrieden war." Erst die Reinschrift erfolgte auf der Schreibmaschine, die mit Blick auf den Stadtpark auf dem Schreibtisch steht. Der Verlag änderte nichts - in ihrer Arbeit sei Astrid selbstbewusst gewesen.

"Am Vormittag liege ich im Bett und schreibe. Dann gehe ich zum Verlag und sage anderen Schriftstellern, was sie zu tun haben, damit ihre Bücher lesenswert werden", beschrieb Astrid Lindgren einst ihren Tagesablauf. "Dann gehe ich heim und arbeite weiter, und es läuft wie ein Uhrwerk ohne Pause. Sobald ich eine freie Minute habe, arbeite ich."

Kisten mit Postkarten erinnern an die 75.000 Briefe, die Astrid Lindgren erreichten, die Hälfte von Kindern aus 60 Ländern. Das Archiv, das auch 650 Stenografieblöcke mit Buchmanuskripten, Einkaufslisten und den Punkteständen diverser Spieleabende umfasst, wurde ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Astrid Lindgrens gesammelte Werke stehen Seite an Seite mit jenen von Goethe, Johannes Brahms und dem Schlussdokument des Wiener Kongresses.

Zehn Jahre nach dem Einzug starb Sture Lindgren, das Schlafzimmer der Eltern wurde zur guten Stube. Ein großer Tisch erinnert an gesellige Abende. "Astrid war ein Familienmensch", sagt Bohlund. "Sie hatte unzählige Bekannte, doch nur wenige enge Freunde." Zu den Vertrauten gehörte Jugendfreundin Anne-Marie, die Leser als "Madita" kennen. Ihr Porträt schmückt den Saal, daneben Preise und Auszeichnungen.

Führungen auf Deutsch

Durch den Saal erreicht man das ehemalige Kinderzimmer von Tochter Karin, später Astrids Schlafzimmer. Karins Bett steht noch da - darin wurde quasi Pippi Langstrumpf geboren, als das Mädchen verlangte: "Mama, erzähl mir eine Geschichte." Karin erfand den Namen der Protagonistin. Astrid Lindgrens Tochter und die sieben Enkel hatten das Zuhause der Autorin auch nach ihrem Tod als Familientreffpunkt genutzt.

Die Wohnung wird nur für geführte Touren mit je zwölf Besuchern aufgesperrt. Ab Frühling 2016 wird es Führungen auf Deutsch geben. "Es ist kein gewöhnliches Museum, wo Touristen spontan hinein- und herausspazieren", sagt Bohlund. "Es ist auch kein Ort für Kinder, sondern ein Museum für Interessierte, die sich Zeit nehmen, um die Privatperson Astrid Lindgren kennenzulernen." Die Guides, die Astrid Lindgren teilweise gekannt haben, listen keine Jahreszahlen auf, sondern beleben das Museum mit Anekdoten, das ganz ohne Glas oder Absperrungen auskommt. Die unberührte Einrichtung tut ihr Übriges, denn da hängen noch der beige Mantel und der Filzhut der Schriftstellerin an der Garderobe.

Information

www.astridlindgrenshem.se
(ab 15 Jahren)





Schlagwörter

Astrid Lindgren

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-23 15:41:05
Letzte nderung am 2015-12-23 17:07:04



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