• vom 30.12.2015, 18:48 Uhr

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Update: 30.12.2015, 18:54 Uhr

Literatur

Schwarzes Selbstbewusstsein




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Von Bernhard Wenzl

  • Die "Harlem Renaissance" innerhalb der "New Negro"-Bewegung der 1920er und 30er Jahre hat auch in der Literatur deutliche Spuren hinterlassen.

"The new negro hast no fear": Eine Parade in Harlem im Jahr 1924. - © wordpress

"The new negro hast no fear": Eine Parade in Harlem im Jahr 1924. © wordpress

Die Harlem Renaissance war schon im Gange, als die Anthologie "The New Negro: An Interpretation" im Dezember 1925 erschien. Im Jahr zuvor hatte eine große Feier in New York stattgefunden, zu der nicht nur schwarze Schriftsteller, sondern auch weiße Förderer, Verleger und Kritiker geladen waren. Die als erste Werkschau afroamerikanischer Literaten angelegte Veranstaltung hatte zur Veröffentlichung einer Zeitschrift mit dem Titel "Harlem: Mecca of the New Negro" geführt. Doch erst die in Buchform herausgegebene, um unzählige literarische und politische Beiträge erweiterte Textsammlung verlieh der Romanproduktion der Harlem Renaissance
neuen kreativen Schwung.

Harlem hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem lebendigen Zentrum afroamerikanischer Kultur entwickelt. Rassismus, Segregation und Diskriminierung im agrarischen Süden der Vereinigten Staaten hatten Hunderttausende Afroamerikaner in die nördlichen Industriestädte getrieben. Der Erste Weltkrieg hatte einen erheblichen Arbeitskräftemangel bewirkt, der nur durch die vermehrte Zuwanderung, Ausbildung und Beschäftigung schwarzer Landarbeiter ausgeglichen werden konnte. So war im nördlichen Manhattan binnen weniger Jahre ein eigener Stadtteil mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung entstanden. Dieses geschäftige Viertel mit rund 200.000 Einwohnern bildete den Nährboden für die New Negro-Bewegung.

Für Gleichstellung

Schwarze Intellektuelle aus Harlem standen an der Spitze der New Negro-Bewegung. Als Vertreter der National Association for the Advancement of Colored People
(NAACP) forderten sie die Anerkennung der Leistungen der Afroamerikaner und setzen sich für deren gesellschaftliche Gleichstellung und rechtliche Gleichbehandlung ein. In ihrer Monatszeitschrift "The Crisis: A Record of the Darker Races" traten sie für mehr Selbstbewusstsein von Schwarzen ein. Ihre politischen Anliegen verbanden sie mit dem künstlerischen Auftrag, das verzerrende, von Weißen geprägte Fremdbild von Afroamerikanern durch ein positives Eigenbild zu ersetzen. Auch wenn Jazz-Musiker, Blues-Sänger und Musical-Tänzer damals die größten Erfolge feierten, galt ihre besondere Unterstützung den Schriftstellern.

Am Beginn der Harlem Renaissance stehen Romane engagierter NAACP-Mitarbeiter. Jessie Redmon Fauset entstammte einer Pastorenfamilie aus Philadelphia und unterrichtete nach ihrem Studium an der Dunbar High School in Washington. Später zog sie nach New York, wo sie zwischen 1919 und 1926 als leitende Feuilletonredakteurin von "The Crisis" beschäftigt war. Ihr 1924 gedruckter Sittenroman "There is Confu-sion" schildert die Entwicklung von drei jungen Schwarzen zur Jahrhundertwende in New York und Philadelphia. Ebenso wie Joanna Marshall eine künstlerische Karriere versagt bleibt, droht das berufliche Leben ihrer Jugendfreunde Peter Bye und Maggie Ellersley an den gesellschaftlichen Widerständen zu scheitern. Der sozialkritische Impetus des Romans wird indes durch die sentimentale Handlung deutlich entschärft.

Auch der langjährige Präsident des NAACP trug seinen Teil zum afroamerikanischen Roman bei. Walter Francis White wuchs in Atlanta auf, wo er nach seiner Ausbildung für eines der ersten von Afroamerikanern geführten Unternehmen arbeitete. Whites Engagement gegen die Lynchjustiz führte ihn schließlich nach New York. Sein 1924 veröffentlichter Protestroman "The Fire in the Flint" befasst sich mit den Auswirkungen rassistischer Gewalt im amerikanischen Süden. Im Mittelpunkt der schablonenhaften Geschichte steht Kenneth Harper, der nach seinem Medizinstudium in seine Heimatstadt zurückkehrt, um eine Arztpraxis zu eröffnen. Schon bald gerät er mit den weißen Landbesitzern in einen tödlichen Streit, weil er die schwarzen Pächter bei der Gründung einer Kooperative unterstützt.

Zu den größten Hoffnungsträgern der New Negro-Bewegung zählte Claude McKay. Der gebürtige Jamaikaner kam zum agrarwissenschaftlichen Studium in die USA. Sein Umzug nach New York brachte ihn mit der schwarzen Arbeiterschaft und der radikalen Linken in Kontakt. Er hatte bereits mehrere Jahre in Europa und Afrika verbracht, als 1928 sein proletarischer Schelmenroman "Home to Harlem" herauskam. Darin werden die Abenteuer des lebensfrohen Tagelöhners Jake Brown mit viel Sympathie erzählt. Am Ende des Ersten Weltkriegs kehrt er nach Harlem zurück, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt oder von Verehrerinnen aushalten lässt. Der Text mischt Szenen, Figuren und Dialoge aus dem Alltagsleben der schwarzen Unterschicht. Obwohl McKays Roman ein kommerzieller Erfolg wurde, lehnten die NAACP-Führer ihn als zu sensationalistisch ab.

Anziehung & Ablehnung

Ganz anders erging es Nella Larsens Roman "Passing". Die in Chicago geborene Autorin pflegte als stellvertretende Leiterin der New York Public Library-Zweigstelle in Harlem Umgang mit afroamerikanischen Autoren. Ihr 1929 veröffentlichter Gesellschaftsroman zeichnet die ambivalente Beziehung zweier hellhäutiger schwarzer Frauen. Während Clare Kendry in die Welt der Weißen übertritt und an der Seite eines rassistischen Geschäftsmanns ein freudloses Dasein fristet, bleibt Irene Redfield ihrer ethnischen Herkunft treu und führt ein erfülltes Leben als Ehefrau und Mutter. Als die beiden Jugendfreundinnen einander zufällig in New York begegnen, setzt ein Wechselspiel zwischen Anziehung und Ablehnung ein. Da dieser modernistische Roman die kulturelle Bedeutung der Hautfarbe für die afroamerikanische Identität virtuos beleuchtet, gilt er bis heute als literarisches Glanzstück der Harlem Renaissance.




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Dokument erstellt am 2015-12-30 17:53:14
Letzte ─nderung am 2015-12-30 18:54:39



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