• vom 06.01.2016, 17:06 Uhr

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Dame spielen mit dem Besenstiel




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Von Michael Brake

  • Die biografische Graphic Novel "Palatschinken" zeigt den Alltag in Flüchtlingslagern in den 1950ern.

Auf der Spurensuche nach dem Leben der Eltern in italienischen Flüchtlingsbaracken.

Auf der Spurensuche nach dem Leben der Eltern in italienischen Flüchtlingsbaracken.© Reprodukt Auf der Spurensuche nach dem Leben der Eltern in italienischen Flüchtlingsbaracken.© Reprodukt

Palatschinken heißen auf Kroatisch Palačinke, die gemeinsame Wortherkunft geht über das ungarische "palacsinta" und das rumänische "placinta" letztlich auf das lateinische Wort "Placenta" zurück. Für die Fotografin Caterina Sansone, geboren und aufgewachsen in der Palatschinkendiaspora Italien, sind Palačinke auch tatsächlich eine Erinnerung an ihre Mutter. Die nämlich stammt aus einer Stadt am Nordrand der Adria, die einst Teil Österreich-Ungarns war, zwischenzeitlich kurz zu Italien gehörte und nach dem Zweiten Weltkrieg an Jugoslawien fiel. Ihr Name war bald Fiume, bald St. Veit, heute heißt sie Rijeka.

Elena war acht Jahre alt, als ihre italienisch-kroatischen Eltern sich 1950 für das Exil entschieden, weil es in Rijeka für sie kaum ausreichend zu essen gab. Es folgten zwölf Jahre in italienischen Flüchtlingslagern. Und weil Elena Sansone von dieser Zeit selten etwas erzählt hatte, wollte ihre Tochter Caterina es irgendwann genau wissen: Sie studierte alte Unterlagen, interviewte ihre Mutter ausführlich und machte sich anschließend auf ihre Reise, bloß in umgekehrter Richtung, mit dem Ziel, alle Orte der Flucht ausfindig zu machen und zu fotografieren.


Alltäglicher Mangel
Begleitet wurde Sansone von ihrem Lebensgefährten, dem Comiczeichner Alessandro Tota, und so entstand "Palatschinken". Dass sein Erscheinen auf Deutsch (beim Berliner Verlag Reprodukt) in eine Zeit fällt, in der der halbe Kontinent über Flüchtlinge diskutiert, ist dabei eher ein Zufall, entstanden ist das Buch vor mehreren Jahren. Es wäre auch vermessen, die trotz ihrer enormen Länge doch ziemlich geordnete Flüchtlingszeit von Sansones Mutter mit den Dramen zu vergleichen, die sich aktuell in Europa abspielen. Entsprechend bescheiden lautet der Untertitel "Die Geschichte eines Exils".

Interessant sind die Erinnerungen nichtsdestoweniger, vor allem dort, wo es um die Bewältigung und Ausgestaltung des Alltags und des Mangels geht. Etwa wenn Elenas Vater Guerrino, nachdem er keine Schachpartner findet, aus einem Besenstiel Damesteine schnitzt, wenn er der Familie ein Plumpsklo baut. Ein besonders tiefer Einblick gelingt Sansone und Tota dabei ins Leben im Flüchtlingslager von Neapel. Hier verbrachte Elena Sansone fast die gesamte Dauer der zwölf Jahre, hier fand ihr Vater erst eine Arbeit und später den Tod und ihre Schwester einen Ehemann. Die Kapitel über die Orte, in denen die Familie nur eine oder wenige Nächte geblieben ist, geraten naturgemäß recht kurz. Pflichtbewusst abgehandelt werden sie alle.

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Dokument erstellt am 2016-01-06 17:11:05



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