• vom 10.01.2016, 10:00 Uhr

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Update: 10.01.2016, 12:06 Uhr

Literatur

Schafft einen, zwei, viele Buchpreise!




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Von Michael Ziegelwagner

  • 2016 wird zum ersten Mal der "Österreichische Buchpreis" verliehen - endlich ohne die lästige Konkurrenz aus Deutschland und der Schweiz.

Dieser Mann hat den Deutschen Buchpreis gewonnen. Er ist kein Österreicher. Das ist ein Skandal. Es wird Zeit, dass man zur Selbsthilfe schreitet (im Bild Lutz Seiler, Preisträger 2014). - © dpa

Dieser Mann hat den Deutschen Buchpreis gewonnen. Er ist kein Österreicher. Das ist ein Skandal. Es wird Zeit, dass man zur Selbsthilfe schreitet (im Bild Lutz Seiler, Preisträger 2014). © dpa

"Literaturpreise für alle!" Das ist eine legitime Forderung, wenn man literarisches Schaffen nicht ausschließlich als Wettbewerb verstehen will, als naturgegebene Verdrängung des Komplexen durch das Marktgängige. Gerade Nischenpflanzen müssen gegossen werden, denn die Strömung zum Gleichklingenden, Anschmiegenden ist ohnehin mächtig: Jedes gutverkaufte Buch zieht eine Fülle von Ähnlichem nach sich. Man betrachte nur den längst ins Alpine entwachsenen Riesenberg von Provinzkrimis - kein Dorf und keine Marktgemeinde, in denen sich die fiktiven Kommissare nicht schon gegenseitig auf die Zehen steigen - oder den ungebrochenen Erfolg erbaulicher Trivialschmöker mit Komplettzusammenfassung im Titel ("Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"; "Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte"; "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau"; "Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden" usw.). Den Trend zum Ausmalbuch für Erwachsene möchte ich an dieser Stelle gerne verschweigen; er ist gar zu peinlich.

Preise für alle!

Literaturpreise für alle also, um Literatur zu bewahren: Diesem Prinzip folgt, auf dialektische Art, der Deutsche Buchpreis. Der steht zwar wie kein zweiter für Wettbewerb und Ausscheidung - schließlich lässt er jeden Sommer zwanzig Longlist-Romane gegeneinander antreten, um einen Platz auf seiner Shortlist kämpfen und diese Shortgelisteten schlussendlich um den Siegertitel -, erhebt aber durch ebendiese Longlist jährlich eine ganze Reihe von Schriftstellern in den Stand möglicher Buchpreisgewinner. 220 Romane waren seit Beginn der Preisgeschichte nominiert, jeder von ihnen durfte für ein paar Wochen als potenziell wichtigstes Buch des Jahres gelten. 220 Literaturpreise im Konjunktiv. Immerhin.

Nun hat der Deutsche Buchpreis den Nachteil, dass er in Deutschland verliehen wird. Das ist ärgerlich. Und darum hat der zuständige Kulturminister Ostermayer versprochen, ab 2016 einen eigenen Buchpreis für Österreich verleihen zu lassen. Ostermayer folgt damit einer heimischen Autoreninitiative, die forderte: "Die österreichischen Autorinnen und Autoren, die österreichischen Verlage, die österreichische Literaturproduktion und der österreichische Buchmarkt insgesamt haben längst mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihnen die jetzigen Umstände ermöglichen." Denn diese - die jetzigen Umstände - würden dem Deutschen Buchpreis mehr Berichterstattung verschaffen, als angemessen sei. Wenn das nicht österreichfeindlich ist!

Überproportionales Österreich

Versuchen wir eine mathematische Widerlegung. 8 Millionen Österreichern stehen 80 Millionen Deutsche, 5 Millionen Deutschschweizer sowie eine kleine Anzahl deutschsprachiger Luxemburger, Liechtensteiner und Belgier gegenüber. Der österreichische Anteil an der deutschsprachigen Welt liegt also zwischen 8 und 9 Prozent. In den elf Jahren seit der Installierung des Deutschen Buchpreises standen bisher 45 Österreicher und Österreicherinnen auf den diversen Longlists. Bei 220 Nominierten bedeutet das einen Anteil von 20,4 Prozent. Daraus muss man den Schluss ziehen: Österreich ist auf den Longlists des Deutschen Buchpreises überproportional vertreten. Der Deutsche Buchpreis und die Berichterstattung darüber sind für den österreichischen Buchmarkt ausgesprochen nützlich. Recht unverhohlen versteht sich der Deutsche Buchpreis als Marketingpreis. Der Österreichische Buchpreis soll ebenfalls dem Verkauf dienen, kommt aber nicht ohne den landesüblichen Nationalismus aus: Er wird eine rein inländische Angelegenheit werden, denn deutsche oder Schweizer Autoren sind von der Teilnahme ausgeschlossen. (Es sei denn, sie genießen Asyl bei einem österreichischen Verlag - dann drückt der Minister ein Auge zu.)

Zwar erhöht jedes deutschsprachige Buch, das beim österreichischen Buchhändler bestellt wird, dessen Umsatz, ganz egal, ob sein Autor in Wien, Köln, Leipzig oder Hamburg wohnt - aber dennoch sollen sich die Kölner, Leipziger und Hamburger Schriftsteller bitteschön anderswo bewerben. Es gilt anscheinend nicht nur den buchhändlerischen Umsatz zu steigern, sondern auch die literarische Identität des Heimatlandes zu bewahren.

Soll sein. Dann müssten aber konsequenterweise jene österreichischsprachigen Autoren, die allzu scheel auf den deutschen Großmarkt linsen, ebenfalls von einer Nominierung ausgeschlossen werden. Thomas Glavinic schreibt "gesessen hatte" statt "gesessen war" und "Junge" statt "Bub"? Damit hat er sein Recht auf den nationalen Buchpreis verwirkt. Doris Knecht schickt ihren Protagonisten nach Zürich? Dreijähriges Nominierungsverbot.

Wir haben die längere!

Sollte der Österreichische Buchpreis seinem deutschen Vor- und Feindbild folgen, dann wird auch er eine Longlist brauchen. Zwanzig Listenplätze scheinen mir dabei aber etwas knausrig zu sein. Ich plädiere für mindestens siebenundzwanzig, besser noch sechsunddreißig oder fünfundvierzig. Warum? Weil diese Zahlen durch 9 teilbar sind. Ideal für eine proportionale Bundesländerbesetzung: fünf Steirer pro Jahr, fünf Burgenländer, fünf Kärntner, fünf Tiroler...

Solch ein innerösterreichischer Ausgleich wird sich nicht vermeiden lassen. Sollten nämlich 2016 die Vorarlberger Autoren befinden, auf der Longlist zum neuen Österreichischen Buchpreis unterrepräsentiert zu sein, dann wird es Protest geben. Und spätestens 2017 einen Vorarlberger Buchpreis. Damit all die Wiener, Niederösterreicher und Salzburger den Vorarlberger Heimatdichtern nicht die Aufmerksamkeit wegfressen.

Information

Michael Ziegelwagner, 32, ist Schriftsteller im XIV. Wiener
Gemeindebezirk. Sein Romandebüt "Der aufblasbare Kaiser" stand 2014 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Für seinen nächsten Roman erhofft er sich einen Platz auf der Shortlist des noch zu gründenden Penzinger Buchpreises.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-08 15:50:10
Letzte ─nderung am 2016-01-10 12:06:36



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