• vom 18.01.2016, 20:30 Uhr

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Update: 18.01.2016, 20:31 Uhr

Literaturkritik

Mach den Abflug, naseweiser Wicht!




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Von Edwin Baumgartner

  • Antoine de Saint-Exupérys "kleiner Prinz" ist der kitschstrahlende Gipfel der Pseudoweisheitsliteratur.

Das konnte ja nicht ausbleiben! "Der kleine Prinz" in Neuübersetzungen. "Der kleine Prinz" als Film. "Der kleine Prinz" als Musical. "Der kleine Prinz" als Ballett. "Der kleine Prinz" als Oper. "Der kleine Prinz" auf Briefmarken und Goldmünzen. "Der kleine Prinz" als Brettspiel. "Der kleine Prinz" als Belästigung allüberall. Es reicht!

"Ein Schloss für den kleinen Prinzen: In Saint-Maurice-de-Rémens verbrachte Antoine de Saint-Exupéry einen großen Teil seiner Kindheit.

"Ein Schloss für den kleinen Prinzen: In Saint-Maurice-de-Rémens verbrachte Antoine de Saint-Exupéry einen großen Teil seiner Kindheit.© Rolf Haid/dpa Picture Alliance/picturedesk.com "Ein Schloss für den kleinen Prinzen: In Saint-Maurice-de-Rémens verbrachte Antoine de Saint-Exupéry einen großen Teil seiner Kindheit.© Rolf Haid/dpa Picture Alliance/picturedesk.com

Mit 1. Jänner dieses Jahres ist Antoine de Saint-Exupéry "gemeinfrei", wie das im Juristendeutsch heißt. Und somit vogelfrei, was die Übersetzungen, Verwertungen und Verballhornungen seiner Werke betrifft. Und natürlich stürzt sich alles auf den kleinen Prinzen, diesen Dauer-Bestseller der Pseudoweisheitsliteratur.

Wobei schon die Biografie Saint-Exupérys zum Status des Bestsellerautors passt: Diese Fliegerromantik aus einer Zeit, als der Pilot noch der einsame Held war - Saint-Exupéry wusste diese Pose zu kultivieren! Dann noch dieses Ende, kein Romanautor hätte es besser erfinden können: Bei einem Erkundungsflug am 31. Juli 1944 verschollen, hieß es lange Zeit. Seit 2008 weiß man’s ganz genau - und es kommt noch besser: abgeschossen vom deutschen Jagdflieger Horst Rippert. Der inszenierte Held starb als echter Held. Es passt, wie selten etwas gepasst hat in der Welt der Literatur.

Spitzenplatz auf Literaturlisten

"Der kleine Prinz" ist das letzte vollendete Werk des Autors, sozusagen die Summe seines Könnens, seines Wissens um die Welt. Damit ist jede Kritik verloren. So entsteht Weltliteratur. Auf der "FAZ"-Liste der "50 beliebtesten Büchern der Deutschen" schafft es "Der kleine Prinz" auf Platz 6 vor Goethe und vor Thomas Mann. In Frankreich ist es noch ärger: Auf der Liste der 100 Bücher des Jahrhunderts, zusammengestellt von der Pariser Zeitung "Le Monde", hält "Le Petit Prince" den vierten Platz hinter Camus‘ "L’Etranger" (Der Fremde), Marcel Prousts "À la recherche du temps perdu" (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) und Franz Kafkas "Der Prozess". Das lasse man sich auf der Zunge zergehen: Camus - Proust - Kafka - Saint-Exupérys "Prinz"...

Dabei gibt es von Saint-Exupéry zwei wirklich bemerkenswerte Bücher, die Erzählung "Nachtflug" und "Citadelle" (Die Stadt in der Wüste). "Citadelle" ist weniger eine Erzählung als eine gewaltige Meditation, unvollendet, ein uferloser Strom frei schweifender Gedanken, verästelt, widersprüchlich, befremdlich durch die Spannung zwischen heldischem Übermenschentum und tiefer Menschenliebe. Stünde "Citadelle" auf der Liste, kein Wort wäre darüber zu verlieren. Aber "Der kleine Prinz"?

Seien wir ehrlich: als Kunstmärchen - von mir aus. Gemessen an den Meisterwerken eines Tieck, eines Andersen, eines Storm, eines Wilde vielleicht etwas schwachbrüstig, und einen Vergleich mit Puschkin oder einem Saltykow-Schtschedrin lassen wir lieber zugunsten Saint-Exupérys ganz weg. Doch Literatur kann nicht immer nur aus Spitzenerzeugnissen bestehen. Manchmal muss es etwas wie "Der kleine Prinz" sein.

Doch längst wird dieses Buch nicht mehr als Erzählung verstanden, sondern als Kompendium der Weisheit, die indessen nur eine Naseweisheit ist. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Partnervermittlungsinstitute sollten eine Saint-Exupéry-Stiftung für gebrochene Herzen ins Leben rufen, denn jede und jeder Zweite ihrer Kundschaft verwendet den Satz als Motto. "Bin lieb, schaue aber nicht so toll aus, bitte darüber hinwegsehen", soll das heißen.

Warum kann man nicht einmal mit der Leber schauen oder mit der Milz? Ich persönlich würde den Blickwinkel des Nagels von der kleinen Zehe des rechten Fußes vorziehen als den des ewig sentimental pochenden Herzens. Das allessehende Herz - welch ein Kitsch! Dieser Satz wäre eines Paulo Coelho würdig, dessen Vorgänger "Der kleine Prinz" in seiner merksatztriefenden Weltenschau sowieso ist.

Kindermund tut Wahrheit kund

Das ganze Buch ist eine Exemplifizierung des Satzes "Kindermund tut Wahrheit kund". So kann denn der Prinz vom anderen Kleinstplaneten auf die Welt der "großen Leute" schauen und sie verständnislos mit Kinderweisheiten kommentieren. Man sieht förmlich die weit aufgerissenen staunefrohen Augen des Knirpses: "Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen." Stimmt. Besonders die Mathematiklehrer. "Am Ende geht einer doch immer dahin, wohin es ihn zieht." Richtig. Wer Lust auf Kaffee und Torte verspürt, kehrt nicht beim Chinesen ein!

Kleines Experiment gefällig?
Eine der folgenden vier "Weisheiten" ist nicht aus dem "kleinen Prinzen": Wasser kann auch für das Herz gut sein.

Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen alles fix und fertig im Laden. Aber da es keine Läden für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr.



 Der kleine Prinz- Das Vorlesebuch. Ab vier Jahren. 128 Seiten. Loewe Verlag, 2015.

 Der kleine Prinz- Das Vorlesebuch. Ab vier Jahren. 128 Seiten. Loewe Verlag, 2015.© Loewe Verlag  Der kleine Prinz- Das Vorlesebuch. Ab vier Jahren. 128 Seiten. Loewe Verlag, 2015.© Loewe Verlag


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-18 15:44:05
Letzte ─nderung am 2016-01-18 20:31:24



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